Blythe ist Tochter und Enkelin zweier disfunktionaler Mütter, beide sind (vermutlich) psychisch krank, vom Leben enttäuscht, und entscheiden sich dagegen, für ihre jeweilige Tochter da zu sein. Liebesentzug und sogar klare Vernachlässigung bestimmen diese Kindheiten. Das alles will Blythe überwinden und sie freut sich maßlos auf ihr erstes Kind. Doch als es zur Welt kommt, fühlt sich das nicht richtig an. Als extrem subjektive Erzählerin kann man ihr nicht so recht trauen, was zuerst da war - ihre eigene, vielleicht durch postnatale Depression ausgelöste Ablehnung der Tochter, oder das schwierig zu deutende Verhalten derselben. Kann ein Kleinkind so planend agieren? Die Mutter ablehnen und destruktives Verhalten zeigen und beim Auftritt des Vaters komplett anders zu agieren? Ist Blythe Wahrnehmung realistisch oder geprägt von eigenen Ängsten und familiären Traumata? Wächst da ein zweigesichtiges Monster in ihrer Familie auf?
Feststeht, Blythe ist in der Lage zu lieben, denn sie erlebt kurzes Mutterglück bei ihrem zweiten Kind, bis dieses im Kinderwagen an einer Ampel in den vorbeifahrenden Verkehr rollt und stirbt. Hatte ihre Tochter zuvor ihre Hand am Griff des Kinderwagens? War es wirklich ein Unfall? Blythe zweifelt an sich und an der Tochter, der Mann sucht sich stillschweigend eine neue Frau und einen neuen Sohn für seine Traumfamilie.
Interessant an Der Verdacht ist die Vielschichtigkeit. Blythe ist eine subjektive, vermutlich auch eine unzuverlässige Erzählerin. Sie zweifelt an sich selbst, ist sich dann wieder sicher über das Böse (oder das Gute) in ihrer Tochter, trifft zweifelhafte Entscheidungen, belügt sich selbst, verweigert professionelle Hilfe, kommuniziert miserabel und vieles mehr. An manchen Stellen kann man entnervt sein darüber, aber es ist auch eine umfassende Darstellung der Komplexität und der allgegenwärtigen Selbstzweifel über die Identität als Mutter und Frau.
Ashley Audrain, Der Verdacht. Penguin 2021.


































