Monday, November 05, 2018

Guillaume Musso - Nachricht von dir

"Als sich Madeline und Jonathan am Flughafen begegnen, denken sie nicht im Traum an ein Wiedersehen. Doch hat das Schicksal anderes mit ihnen geplant: Ihre Leben sind schon seit Langem miteinander verknüpft - genau wie tiefe Wunden aus der Vergangenheit, die sie nun mit aller Macht einholen..."
Dieser Klappentext zu Guillaume Mussos Nachricht von dir lässt einen auf einen typischen romantischen Roman tippen - das stimmt nur zum Teil. Die zwei starken Protagonisten, beide in einer persönlichen Krisensituation, können sich erst gar nicht leiden, entwickeln, dann aber doch Interesse aneinander, mehr oder weniger erzwungenermaßen. Dann entstehen um beide Charaktere aber kriminalistische Ermittlungen, die sie gemeinsam angehen müssen, um voranzukommen. Gleichzeitig werden sich beide darüber klarer, was sie mit ihrem Leben in Zukunft anfangen wollen. Es entsteht so eine ganz unterhaltsame Mischung aus (Liebes-) Roman und Kriminalgeschichte.
Die Lesung in verteilten Rollen wird von Nina Petri und Andreas Fröhlich wie gewohnt hervorragend umgesetzt, beides sind erfahrene und versierte Sprecher.

Guillaume Musso, Nachricht von dir. Osterwold, Hörbuch Hamburg 2012. 

Saturday, November 03, 2018

Losgelöst - Der Unverpackt-Bioladen


Endlich gibt es auch in Bielefeld eine Möglichkeit, Biolebensmittel unverpackt ohne Plastikgedöns einzukaufen. Eine durchweg gute Sache und ich freue mich für die Betreiber, dass sie ihr Projekt umsetzen konnten!

Friday, November 02, 2018

Janne Teller - Alles, worum es geht

Alles, worum es geht von der dänischen Autorin Janne Teller ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Vielfältige Themen, unterschiedliche Adressaten, von Jugendlichen bis hin zum Erwachsenen, so schreibt sie selbst in ihrem Nachwort. Bis auf die titelgebende Geschichte "Alles", beschreiben und betrachten sie alle eine Form von Gewalt. Sprachlich eindrucksvoll, erzählerisch knapp, aber (be-)deutungsintensiv.
"Alles" dagegen handelt vom Schreiben - "Alles" ist das flüchtige Wahrhaftige, welches das lyrische Ich einzufangen versucht, um es zu Papier zu bringen. Dabei widersetzt es sich, ist bockig, leicht verscheuchbar, das lyrische Ich zu leicht ablenkbar und unsicher, mit Gewalt ist "Alles" nicht einzufangen. Es ist ein Sprachspiel und gleichzeitig ein sehr beeindruckendes Bild, wie intensiv die Autorin mit ihren Botschaften und deren sprachlicher Repräsentation ringt.
"Alles" - aber auch die ganze Anthologie - ist beeindruckend und genauere Betrachtung wert.

Janne Teller, Alles, worum es geht. Hanser, München 2013.  

Sten Nadolny - Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit ist der bekannteste und erfolgreichste Roman des deutschen Schriftsteller Sten Nadolny. Er erzählt die Geschichte des Seefahrers und Entdeckers Sir John Franklin (1786-1847), wobei zwar die historischen Fakten bezüglich seiner Familie, Ausbildung, seines beruflichen Werdegangs und seiner Expeditionen eingehalten werden, die Schilderung seiner Figur aber mit großer literarischer Freiheit erfolgt.

Im Titel begegnen sich die Langsamkeit und das Entdecken, die zwei Hauptmerkmale, die der Autor seiner Figur zueignet. Sein John Franklin ist als Kind schrecklich langsam, kann keinen Ball fangen, seine Wahrnehmung kommt mit (normal) schnellen Bewegungen nicht zurecht. Nach und nach lernt er, diesen Nachteil zu kompensieren, indem er viele Dinge auswendig lernt, um damit seine Reaktionszeiten zu verkürzen. So kommt erfolgreich durch die Schulzeit und auch durch die Militärzeit, wobei er immer sein Ziel verfolgt, zur See zu fahren. Dabei wird ihm schnell klar, dass er sich nicht in der Rolle eines Kriegshelden sieht, das Töten verursacht ihm Übelkeit, er will andere Küsten, Länder und Menschen sehen und entdecken. Immer mehr erwächst aus seiner Langsamkeit die Stärke der Besonnenheit - er denkt lange über Entscheidungen nach und kommt dadurch zu besseren Ergebnissen als seine hastigen Mitmenschen.
Diese Besonnenheit spiegelt sich auch in der Ruhe und Bedächtigkeit von Nadolnys Erzählstil, trotzdem kommt man nicht umhin, sich von Franklins fantastischen und gefährlichen Erlebnissen und Reisen des späten 19. Jahrhundert, als es noch Dinge zu entdecken gab, gefangen nehmen zu lassen. Zwar stößt er immer wieder an die Grenzen des Machbaren, beispielsweise in seiner Funktion als Gouverneur von Tasmanien, gibt aber nie auf und findet neue Ziele, auf die er konsequent hinarbeitet. Aber auch sein eiserner Wille bezwingt nicht das Packeis der Arktis, in dem sowohl der fiktionale als auch der historische Franklin schließlich ihr Ende finden. 

Als ich den Roman erstmals als Schullektüre in den 90er Jahren las, konnte er mich nicht begeistern. Spannend fand ich die zum Buch passenden Dokumentation, die Fotos der exhumierten Leichen der Expeditionsteilnehmer zeigte und Spekulationen zu deren Todesursachen auflistete. Ich empfand die reale Geschichte als interessanter als die phasenweise zähe und stark reflektierende, gleichzeitig aber auch etwas emotionslose Schilderung im Roman. Ein Literaturstudium und einige 100 Romane später sehe ich das etwas anders. Zwar waren auch heute noch einige Abschnitte des Romans langatmig, aber dem Protagonisten bringe ich großen Respekt entgegen in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, die ihm sein Handicap der Langsamkeit auf physischer, sozialer und emotionaler einbringt. Nadolny hat auf der Basis einer historischer Figur einen sehr facettenreichen, bewundernswerten Charakter erschaffen, dessen Handlungen erst dann wirklich plausibel werden, wenn man sich auf seine - langsame - Wahrnehmung einlässt. Und ist nicht gerade dies vor dem Hintergrund unserer hektischen, fremd- bzw. gerätegesteuerten Gegenwart höchst aktuell und bedenkenswert? Achtsamkeit. Zielstrebigkeit. Reflexion. Ich bin froh über diese Wiederbegegnung.

Abschließend ist zu sagen, dass der Autor sein Werk bedachtsam und nachdrücklich liest, ein absolut stimmiger Vortrag - keine Selbstverständlichkeit bei vorlesenden Autoren.

Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit. Mare 2004.

Thursday, November 01, 2018

Wishing I was somewhere else...

by InBetween / postcrossing card on its way to Ireland...

Douglas/Olshaker - Die Anatomie des Mörders

Dies ist eines der Bücher außerhalb meiner Lesegewohnheiten. Meine Poposugar reading challenge verlangte nach einem Buch über true crime und da ich Trueman Capotes Kaltblütig schon gelesen hatte, durchsuchte ich die Listen der Empfehlungen und stieß auf die Anatomie des Mörders. John Douglas und Mark Olshaker waren hochrangige FBI-Agenten, Douglas schrieb zahlreiche Bücher über seine Erkenntnisse als einer der ersten Profiler überhaupt und diente als Vorlage vieler literarischer und filmischer Charaktere.
Der Originaltitel des Buches (erstmals erschienen 1999) benennt dessen Inhalt genauer: The Anatomy of Motive: The FBI's Legendary Mindhunter Explores the Key to Understanding and Catching Violent Criminals. 
Es geht um die Motive, den Antrieb für die Taten der Gewaltverbrecher. Aus dem "Warum?" und "Wie?" lassen sich dann die notwendigen Schlüsse auf das "Wer?", also auf den Täter, ziehen. Die Autoren zeigen dabei grundlegende psychologische Zusammenhänge auf und beziehen diese dann immer auf drei bis vier Fallbeispiele. Die Verbrechen, um die es geht, sind nicht die spektakulären Sexualserientäter, um die es in Thrillern und Filmen häufig geht, vielmehr erzählt Douglas von seinen Erfahrungen mit Bombenlegern, Brandstiftern, Erpressern, Massenmördern (die heute wohl oft als Amokläufer bezeichnet werden) und einigen mehr. Dabei sind die Fälle durchaus spektakulär und der amerikanischen Öffentlichkeit sicherlich wohl bekannt.
Den Autoren gelingt ein locker-unterhaltsamer Erzählton, der die über 500 Seiten umfassenden Beispiele nicht langweilig werden lässt. Gleichzeitig sind sie immer bemüht, bei allen psychologischen und sozialen Zusammenhängen für die Beweggründe der Täter, die sie beschreiben, den Leser immer wissen zu lassen, dass sich die Mehrheit der Täter immer darüber bewusst war, was sie taten und sich dafür entschieden haben, ihre Taten durchzuführen - und damit sind sie auch für diese verantwortlich. Zusammenhängend mit dem Strafverfolgungs- und Rechtssystem der USA ist die Sichtweise der Autoren manchmal sehr amerikanisch, beispielsweise, wenn es um Prozessführung oder die Todesstrafe geht, aber dies stört nicht weiter. Die grundlegenden Erkenntnisse über die Motive von Verbrechern und was zu ihren Taten führt, sind allgemein gültig. Ein interessantes Buch - einmal mehr gut, dass eine reading challenge mit ungewohnten Genres andere Perspektiven öffnet.

John Douglas/ Mark Olshaker, Die Anatomie des Mörders. Goldmann, München 2001.

Saturday, October 27, 2018

Julie Maroh - Blau ist eine warme Farbe

Julie Maroh erzählt die Geschichte einer lesbischen Liebe im Frankreich der 90er Jahre. Eine Zufallsbegegnung mit einer jungen Frau mit blauen Haaren trifft die 15jährige Clementine tief: Als Tochter sehr konservativer Eltern und aufgewachsen auf einem Dorf kann sie mit den Gefühlen, die sie plötzlich für eine Frau empfindet nur sehr schlecht umgehen. Doch auch Emma, die Frau mit den blauen Haaren, kämpft mit dem, was sie für Clementine empfindet, und nur langsam kommen die beiden zusammen. Immerhin noch rechtzeitig, um zu sehen, welche Tiefe ihre Liebe füreinander hat, bevor eine Katastrophe sie wieder trennt...
Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte, die Maroh gezeichnet hat. Durch die Problematik der Diskriminierung Homosexueller im Frankreich der Gegenwart erhält der Roman zusätzliche Tiefe und Bedeutung. Die sensiblen, wunderschönen Bilder tragen einen wesentlichen Teil zur Wirkung bei - man möchte, dass die beiden Frauen glücklich miteinander sind, man möchte das symbolische Blau dauerhaft leuchten sehen.
Die Graphic Novel (in Deutschland im Splitter Verlag erschienen) hat zu Recht zahlreiche Preise gewonnen. Die Verfilmung von Abdellatif Kechiche gewann 2013 in Cannes die goldene Palme und stieß eine intensive Diskussion an - vor allem auch wegen der gleichzeitigen Diskussion um gleichgeschichtliche Ehe in Frankreich. Die Autorin Julie Maroh sieht ihre Comicvorlage nicht angemessen berücksichtigt in der Verfilmung, vor allem der Fokus auf intensive Sexszenen der Protagonistinnen (und deren Unglaubwürdigkeit, die auf diesbezügliche heterosexuelle Fantasien basiere) stört sie. Im Buch gibt sie diesen Szenen nur vier von 160 Seiten.

Julie Maroh, Blau ist eine warme Farbe. Splitter, Bielefeld 2013.

Nachtrag nach Anschauen der oben genannten Verfilmung: Der Film wirkte auf mich verstörend, nicht besonders wegen der Sexszenen, wenngleich diese in der Tat surreal intensiv umgesetzt und in der Fokus gerückt wurden, sondern vor allem, weil die Charaktere in einem ganz anderen Licht gezeigt wurden, die Story eine andere war... außer Titel und einem groben Bezug zur Liebesgeschichte hat der Film nicht viel mit Marohs sensibler Geschichte zu tun. Schade eigentlich.

Friday, October 26, 2018

Christoph Türcke - Lehrerdämmerung

Christoph Türcke, Professor der Philosophie, tätig in Leipzig, beschreibt in seinem Buch Lehrerdämmerung die philosophischen Zusammenhänge und ideellen Grundlagen für die aktuelle Bildungsausrichtung an deutschen Schulen. Seit vielen Jahren herrscht dort die Kompetenzorientierung vor, es sollen weniger konkrete (Lern-)Inhalte als vielmehr Strategien vermittelt werden. Man liest beispielsweise nicht mehr des konkreten Themas wegen, sondern überprüft beständig durch inhaltliche Fragen die Lesekompetenz. Individuelle Förderung, Binnendifferenzierung, Dezentralisierung usw. sind weitere Begrifflichkeiten.
Türckes Buch zielt dabei nicht darauf ab, was diese Form der "Lernkultur" für Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler hat, sondern betrachtet die Rolle des Lehrers in diesem System. Er wird in seinen Augen degradiert vom "Zeiger" und Eröffner von neuem Wissen und interessantem Lernstoff hin zu einem bloßen Bereitsteller von Arbeitsmaterial und zum Lernassistenten. Die Schülerschaft erarbeitet sich alles selbst mit Hilfe von Arbeitsblättern, der Lehrer nimmt sich zurück und steht nur helfend zur Seite, sofern dies gewünscht ist. Damit wird die Chance vertan, durch mit Begeisterung und Hingabe (frontal durch Lehrervortrag - böse!) vorgestellte Sachverhalte für die Schülerschaft attraktiv zu machen, sodass ihr Lernwille überhaupt geweckt wird.
Natürlich wird auch das Thema Inklusion angerissen: Er erläutert die Herkunft des Begriffes, die  Entstehung des politischen Drucks, die Schule des gemeinsamen Lernens einzuführen, und gibt einen kurzen Abriss der Problematik des Status Quo. Absolut einleuchtend für Lehrende in dem aktuellen Zustand der Inklusion an Schulen ist, dass dieses "Einschließen" aller in einen Raum plus die Individualisierung des Lernprozesses, bei dem jeder nach seinem Stand lernt und arbeitet, besonders dazu beiträgt, den Schwächeren (ergo den Inklusionskindern) vor Augen zu führen, dass sie nie das erreichen können, was andere ihnen voraus haben. Kinder vergleichen sich ständig mit anderen, Enttäuschung und Frustration sind also in Zeiten der Inklusion in dieser Form vorprogrammiert.
Man könnte jetzt noch viele Aspekte aus Türckes Buch anführen, die in sprachlich und rhetorisch ansprechender Form, Zusammenhänge aufzeigen. Doch was ist seine Botschaft?
Lehrer sollen sich dagegen auflehnen, zu bloßen Lernbegleitern degradiert zu werden, und statt dessen einen eigenen Berufsethos entwickeln... Wie der ganz konkret aussehen könnte, bleibt offen.
So schwanke ich in meiner Wahrnehmung dieses Buchs zwischen Zustimmung über fehlgeleitete Entwicklungen, zielloses Kompetenzgeschwafel und scheiternde Inklusion und gleichzeitiger Skepsis, ob in der Refokussierung auf die starke, und ja, auch autoritäre Lehrperson im Mittelpunkt wirklich die Lösung allen Übels liegt.

Christoph Türcke, Lehrerdämmerung. C.H. Beck, München 2016.




Tuesday, October 23, 2018

Michael Crichton - Timeline

Zugegeben, Timeline von Michael Crichton ist ein wenig in die Jahre gekommen: 1999 erschienen, Quantentheorie mag nicht mehr ganz so neu sein wie damals, wobei ich dennoch bezweifle, dass der theoretische Background in dem Roman damals mehr Sinn gemacht hat als heute. Auf deren Basis entwickelt eine zwielichtige, profitgierige Firma eine Maschine, die Zeitreisen ermöglicht, ich erspare mir die Details.

Jedenfalls strandet ein Professor, der eigentlich ganz klassisch mit archäologischen Ausgrabungen in der französischen Dordogne beschäftigt ist, plötzlich im 14. Jahrhunderts während des Hundertjährigen Krieges - und seine Studenten werden hinterhergeschickt, um ihn zu retten. Der Folgeplot ist eigentlich klar: Mit der Zeitreiserei bzw. den Maschinen geht einiges schief, die Protagonisten müssen sich durchs wilde Mittelalter schlagen, während die Zurückgebliebenen in der Jetztzeit versuchen, eine technische Lösung zu finden.

Wenn man die Story als eine Art mittelalterlichen Abenteuerroman mit neuzeitlichen Protagonisten liest, dann geht es eigentlich, Oliver Rohrbeck hat auch mit seiner Lesung das beste daraus gemacht. Die eigentliche Zeitreiseproblematik des skrupellosen Geschäftsmannes, der aus der neuen Technologie trotz offensichtlicher Gefahren nur Kapital schlagen will, blieb dabei vollkommen blass und nebensächlich.

Michael Crichton, Timeline. RandomHouse Audio 2012.

Friday, October 19, 2018

Nicci French - Blauer Montag

Frieda Klein ist eine ungewöhnliche Frau: Sie arbeitet als Therapeutin in London, führt aber ein sehr zurückgezogenes Leben, meidet in ihrem Privatleben nahezu allzu enge Beziehungen. Nachts wandert sie von Zeit zu Zeit durch die leeren Londoner Straßen, die ihr so am liebsten sind. Als der fünfjährige Matthew verschwindet, fällt Frieda auf, wie sehr der Junge dem Wunschbild entspricht, den ein Patient ihr gegenüber geäußert hat. Er wünscht sich sehr einen eigenen Sohn... kann es sein, dass er seine Sehnsucht nun auf diesem kriminellen Weg erfüllt hat? Ohne konkrete Beweise zu haben, wendet Frieda sich an den ermittelnden Inspector Karlsson. Der will sie erst abwimmeln, doch als außerdem noch verblüffende Zusammenhänge zu einem lange zurückliegenden Entführungsfall eines kleinen Mädchens auftauchen, beginnen die beiden eine Zusammenarbeit.

Der Fall selbst hat zwar einige interessante Wendungen, ist aber alles in allem recht vorhersehbar und nicht sonderlich außergewöhnlich. Auf der Plusseite steht die Figur der Frieda Klein, von deren Hintergrund und Lebensgeschichte man zwar noch nicht allzu viel erfährt, aber die in ihrer Vielschichtigkeit fasziniert. Bei den Nebencharakteren gefällt mir besonders der ukrainische Bauarbeiter Josef, der Frieda als ungewöhnlicher Freund und Gehilfe buchstäblich vor die Füße fällt, wobei unklar bleibt, warum sie ihm als so zurückhaltende Person gleich soviel Vertrauen schenkt.
Insgesamt hat Nicci Frenchs Ermittlerin mit dem Londoner Setting Potenzial. Nach Blauer Montag auf zum eisigen Dienstag...

Nicci French, Blauer Montag. Hörverlag 2012. 

 

Tuesday, October 16, 2018

Andy Weir – Der Marsianer


Der Marsianer von Andy Weir kann als klassischer Science Fiction Roman bezeichnet werden. Eine der bemannten Mars-Missionen geht schief, so dass ein Besatzungsmitglied totgeglaubt zurückgelassen wird. Doch er ist nicht an seinen Verletzungen gestorben und kämpft fortan um sein Überleben auf dem feindlichen Planeten.
 Hauptsächlich durch seine Logbucheintragungen erlebt der Leser, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und beobachtet seine Problemlösungen, die oft detailreich mit Zahlen und Berechnungen belegt werden. Er ist praktischerweise Biologe und Techniker, so dass komplexe Reparaturen und der Kartoffelanbau gleichermaßen gelingen. Zu diesem intensiven inneren Monolog der Logbücher des Marsianers kommen Rückblenden der Erlebnisse der Crew und Schilderungen der Rettungsplanung auf der Erde hinzu. Dabei schafft Andy Weir interessante und sehr entschlossene Charaktere, die sich unverrückbar für ihre Ziele einsetzen. Selbstzweifel, Verzweiflung, Trauer, Pessimismus, Scheitern – all das hat keinen Platz in seiner Geschichte. Die Rückschläge – sowohl auf dem Mars als auch auf der Erde – dienen nur dem Spannungsaufbau, denn immer wird ein neuer, zum Teil natürlich riskanter Weg gefunden, die neuen Hindernisse zu überwinden. Hier liegt vielleicht auch die Schwäche des Romans: Besonders der Marsianer ist als Protagonist „too good too be true“, nahezu unglaubhaft optimistisch, ein Stehaufmännchen, das höchstens einmal laut flucht, um dann wieder in konstruktiven Aktivismus zu verfallen. Auch scheinen ihm die zahlreichen Entbehrungen (Mangelernährung, Marsatmosphäre, harte physische Arbeit, soziale Deprivation) nichts anhaben zu können, er ist fröhlich und ärgert sich maximal über schlechte Discomusik. Natürlich will  niemand über eine niedergeschlagenen, jammernden Astronauten lesen, aber hier wurde eine Chance vertan, dem Protagonisten charakterliche Tiefe zu verleihen. Ohne die Verfilmung bisher gesehen zu haben, würde ich vermuten, dass der Stoff zu einem wahrhaft amerikanischen Heldenepos herhalten musste – dies ist im Roman deutlich so angelegt. Einige der detailreichen Schilderungen über die naturwissenschaftlichen Gegebenheiten (chemisch, biologisch, physikalisch,…) sind für den weniger daran interessierten Leser etwas langatmig, aber die Genauigkeit in diesem Bereich ist sicher beabsichtigt; wie sehr diese Beschreibungen der Realität entsprechen, also ob sie wissenschaftlich korrekt sind, vermag ich nicht zu beurteilen.
Insgesamt war Der Marsianer schon ein interessantes und spannendes Leseabenteuer, gute Science Fiction ist insgesamt selten, da mag man über kleinere Schwächen hinwegsehen.

Andy Weir, Der Marsianer. Random House 2014.

Monday, October 15, 2018

E.O. Chirovici - Das Buch der Spiegel


Das Buch der Spiegel  von E.O. Chirovici gliedert sich in drei Teile mit jeweils unterschiedlichen Erzählern. Aus der Sicht eines Verlagsagenten, eines Journalisten und eines ehemaligen Polizisten wird ein alter Mord wieder aufgerollt.

Professor Wieder ist im Jahr 1988 ermordet worden und man hat den Täter nie ermittelt. Einer der Verdächtigen, Richard Flynn, schreibt kurz vor seinem Tod ein Manuskript, das angeblich die Wahrheit enthüllen soll und dessen erste Kapitel er an den Verlagsagenten Peter Katz sendet – der liest das Fragment, entwickelt großes Interesse, aber als er sich an Flynn wenden will, ist dieser schon an Krebs verstorben, der Rest des Manuskripts fehlt. Also setzt Katz einen Journalisten, John Keller, auf die Story an (Teil 2), der mit vielen Beteiligten spricht, aber schließlich auch nicht weiterkommt. Durch die Fragen des Journalisten angeregt, beschließt der ehemals in dem Mord ermittelnde und inzwischen pensionierte Polizist Roy Freeman sich ebenfalls noch einmal mit dem Fall zu beschäftigen. Erst ihm gelingt es, in dem Labyrinth der möglichen, subjektiven Wahrheiten den Täter zu ermitteln.

Der Autor spielt damit, wie unterschiedlich Menschen ein Geschehen wahrnehmen, wie die Erinnerung Dinge verändern, verzerren und sogar neu erzeugen kann. Der Begriff der Wahrheit verschwimmt dabei, wird relativ und sogar letzten Endes unwichtig.  Dieses Spiel, das zu Beginn und im mittleren Teil des Romans noch reizvoll und interessant erscheint, relativiert leider auch das Interesse am Ausgang des Falles (wenn man denn von einem Fall sprechen mag), zumal im Verlauf klar wird, dass die Frage von Schuld und Gerechtigkeit ungeklärt bleiben wird. Bei all den subjektiven Sichtweisen bleibt man letztlich auch verunsichert zurück, ob dies denn das wahre Ende der Geschichte sein soll oder ob sich vielleicht nicht doch noch eine weitere verschobene Perspektive auftun könnte. Dies war vermutlich auch die Intention des Romans, lässt aber den Leser etwas unbefriedigt zurück…

E.O. Chirovici , Das Buch der Spiegel. Goldmann, München 2017.

Tuesday, October 09, 2018

Jojo Moyes - Ein ganz neues Leben

Die Autorin Jojo Moyes behauptet selbst, sie habe nie einen zweiten Teil zu Ein ganzes halbes Jahr verfassen wollen, aber auch sie habe wissen wollen, wie es mit Lou nach dem dramatischen Verlust von Will weitergeht und deswegen den Nachfolger geschrieben. Inzwischen ist bereits ein dritter Band erschienen.

In Ein ganz neues Leben müssen wir feststellen, dass Lou - trotz aller Bemühungen von Will, ihre gute Seiten herauszuarbeiten - immer noch etwas unbedarft ist, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen soll. So wiederholt sich in groben Zügen, was sie schon im ersten Band "falsch" gemacht hat: Sie arbeitet in einem miesen Job, hat wenig Lebensfreude, wenig Freunde und kommt nur dann in Schwung, wenn sie das Gefühl hat, andere retten zu müssen. Dabei setzt sich auch die rührselig-dramatische Erzählweise fort, nur selten schimmert ein wenig Selbstironie durch. Dabei entwirft die Autorin durchaus interessante Nebencharaktere, wie die Teenagerin Lily oder Sanitäter-Sam. Auch Lou's sehr britische Familienmitglieder erhalten den Raum, den sie verdienen, und tragen dazu bei, dass der Roman noch eine Spur Humor enthalten darf. Ansonsten ist alles ziemlich tragisch-traurig-dramatisch. Wie auch in Ein ganzes halbes Jahr muss Lou am Ende wieder zu ihrem Glück gezwungen werden, denn positive Entscheidungen für sich selbst treffen --- wo kämen wir da hin?

Ein ganz neues Leben ist leichte Unterhaltung und durch die Anknüpfung an Band 1 und die Charaktere auch mäßig interessant - für sich genommen aber sicherlich keine Geschichte, die unbedingt erzählt werden müsste.

Jojo Moyes, Ein ganz neues Leben. Argon 2015.

Friday, October 05, 2018

Katrine Engberg - Krokodilwächter

Katrine Engberg bringt in ihrem ersten Krimi Krokodilwächter die Kommissare Jeppe Kørner und Anette Werner an den Start. Der Fall ist brutal und der Täter skrupellos: Julie - gerade erst zum Studium nach Kopenhagen gezogen - wird erstochen und mit Schnitten im Gesicht in ihrer Wohnung gefunden. Ihre Vermieterin, die im selben Haus wohnt, ist geschockt - hatte sie doch Julie als Vorlage für das Opfer in ihrem Kriminalroman, an dem sie schreibt, verwendet! Die Ähnlichkeiten sind beängstigend. Als ihr Hauptverdächtiger auch ermordet wird, ist für die Ermittler klar, dass der Täter nicht so schnell Ruhe geben wird. 

Jeppe Kørner steckt selbst noch in einer Krise nach der Trennung von seiner Frau, ist dabei zwar nicht immer sympathisch, aber ein authentischer Charakter. Auch die übrigen Personen werden gut gezeichnet, die Ermittlungen sind nachvollziehbar. Zwar entstehen an manchen Stellen erzählerische Längen, hauptsächlich um den Protagonisten mehr Raum zu geben, aber alles in allem ist Krokodilwächter ein spannender Roman, bei dem mir vor allem das Kopenhagener Setting gut gefallen hat.

Die Lesung von Dietmar Bär ist exzellent wie immer, seine Stimme passt gut zur Atmosphäre des Romans und zur Perspektive von Jeppe Kørner.

Katrine Engberg, Krokodilwächter. DAV 2018.



Tuesday, September 25, 2018

Arno Strobel - Die Flut

Arno Strobels Psychothriller Die Flut spielt auf der Insel Amrum. Gleich zu Beginn lernen wir die brutale Gedankenwelt des Mörders kennen, in dem wir in einem Rückblick von den Grausamkeiten in seiner Kindheit erfahren. In der Jetztzeit begleiten wir zwei Paare, Julia und Michael, Martina und Andreas, die auf der Insel Urlaub machen. Ihre Beziehung sind konfliktreich, die Paare kennen sich noch nicht lange und es kommt zu Streitereien. Diese verstärken sich, als am Strand eine Frau ermordet aufgefunden wird - ertrunken durch die Flut.
So kommen die Ermittler ins Spiel, die eigens vom Festland her eingeflogen werden. Der Soko-Leiter ist ein äußerst unfreundlicher und unkonventionell arbeitender Kriminaler, der im Umgang mit Verdächtigen und Zeugen ständig Grenzen überschreitet - sehr zum Entsetzen seines neuen Kollegen. Der Täter legt Spuren aus, die Michael zum Verdächtigen machen... dieser gerät zunehmend unter Druck.
Dazwischen konstruiert Arno Strobel immer wieder Passagen, in denen er Einblick in die Gedankenwelt des Täters gibt. Dennoch geschehen einige überraschende Wendungen, die dazu führen, dass die Spannung erhalten bleibt bis zum Ende.
Trotz der perfide angelegten Tatabläufe scheint der Fokus von Die Flut mehr in den Beziehungen der Paare und der Ermittler zu liegen - und besonders letztere scheinen auch mehr damit beschäftigt zu sein, sich gegenseitig zu beobachten und missgünstig zu betrachten als wahrhaft an der Aufklärung des Falls zu arbeiten. Das macht den Thriller leider stellenweise etwas unglaubwürdig und die Protagonisten anstrengend und unsympathisch. Trotzdem habe ich das Ende und die Aufklärung mit Spannung erwartet, aber die Bekanntschaft mit dem Autor muss ich nicht vertiefen.

Arno Strobel, Die Flut. Argon 2016. 



Friday, September 21, 2018

Angelika Felenda - Der eiserne Sommer

Der Münchner Kommissär Sebastian Reitmeyer wird angesetzt, in einer Mordserie zu ermitteln. Schon bald führen ihn seine Nachforschungen in die Vergnügungslokale der Offiziere und gleichzeitig in die Schwulenszene. Seine Vorgesetzten machen ihm aber bald klar, dass er nur in gewünschte Richtungen ermitteln soll und darf, gegen das Militär darf er 1914 nicht vorgehen. Die Atmosphäre ist sowieso bereits angespannt durch das Attentat am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, das schließlich im Juli zum Beginn des ersten Weltkriegs führte. 

Reitmeyer ist hin- und hergerissen zwischen seinem Wunsch, die Wahrheit aufzudecken (die noch viel unglaublicher ist als zunächst angenommen), und seinem Bestreben, seine ins Geschehen verwickelten Freunde zu schützen. 

Das Audiobook wird überzeugend vorgetragen von Johannes Steck und Jens Wawrczeck, wobei letzterer die kommentierende Stimme des Bösewichts übernimmt. Angelika Felenda gibt ihren Charakteren Persönlichkeit und Tiefe und zugleich zeichnet sie treffend das historische Umfeld und die politischen Gegebenheit der Zeit ohne sich dabei zu sehr in Details zu verlieren. Der reine Krimileser wird das politische Wirrwarr um den Fall vielleicht nicht so sehr schätzen, aber die Kombination von Kriminal-  und historischem Roman ist Felenda in diesem ersten Band gut gelungen. 

Angelika Felenda, Der eiserne Sommer. Hörverlag 2014.

Monday, September 17, 2018

Mariana Leky - Was man von hier aus sehen kann

Von Herzen danke ich dem Menschen, der mir dieses Buch geschenkt hat!
Es war reine Freude und das sage ich nicht oft.
Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky ist ein leiser und unaufgeregter Roman mit Tiefgang. Die Handlung setzt sich zusammen aus den Erlebnissen der Ich-Erzählerin und ihrer Dorf-Familie. Ich nenne es Dorf-Familie, denn nicht mit allen ist sie verwandt, aber sie wächst mit diesen Menschen auf und sie sind bedeutsam für sie. Dagegen sind ihre Eltern nahezu abwesend, die Großmutter ist ihr wichtigster Bezugspunkt. Das auf dem Cover abgebildete Okapi erscheint nur in den Träumen der Großmutter und bringt den Tod für jemandem im Dorf, sooft es auftaucht.

Ich will mich hier aber gar nicht lange mit der Handlung aufhalten, es ist eine Familien- und eine Liebesgeschichte, es ist eine Geschichte um Tod und Trauer ohne allzu traurig oder rührselig zu sein.
Die Charaktere sind intensiv, skurril, eindrucksvoll - ich wollte sie durchweg persönlich treffen, mich unter ihnen bewegen, mit ihnen sprechen. Besser kann es eine Autorin nicht machen, glaube ich, als dass man sich in den Charakteren verliert.
Dazu kommt ein Sprachstil, der ungewöhnlich ist, es ist schwer zu fassen, woran das liegt. Es sind recht schlichte, nicht allzu komplexe Sätze, klar, unaufgeregt, aber dabei mit einer irritierenden Treffsicherheit und humorvoll. Gerade letzteres nicht zu knapp. Man wünscht sich, man könnte auch solche Sätze in die Welt setzen. Wunderbar und magisch.

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann. Dumont, Köln 2018.




Saturday, September 01, 2018

Martin Walker - Grand Cru

Der zweite Fall für Bruno, Chef de police, im beschaulichen Saint-Denis, beginnt mit einer Brandstiftung: Das Versuchsfeld eines Forschungslabors für genetisch veränderte Pflanzen wird niedergebrannt. Schnell vermutet man die Täter unter den extremen Grünen, den écolos. Bruno beschäftigt aber vielmehr, ob die Bestrebungen des amerikanischen Weinmagnaten, im Périgord groß ins Geschäft einzusteigen, wirklich vorteilhaft für sein kleines Städtchen sind. Dann wird der mutmaßliche Brandstifter tot aufgefunden... ausgerechnet in einem Weinfass!
Obwohl auch die Kriminalpolizei ermittelt, findet Bruno als Ortspolizist ganz eigene Wege, um der Wahrheit näherzukommen, seine Verbundenheit mit Saint-Denis und seinen Bewohnern spielen die entscheidende Rolle. Dazu mischt der Autor Martin Walker als weitere Zutaten eine große Portion Wein, gutes Essen und spleenig-französische Unikate, dazu kommt noch eine Prise Liebesgeschichte und ein sympathischer Hund. Grand Cru funktioniert wunderbar als Wohlfühlroman, wenngleich weniger als packende Kriminalgeschichte.

Martin Walker. Grand Cru. Diogenes, Zürich 2012.