Monday, May 24, 2021

Elena Ferrante - Die Geschichte eines neuen Namens

Nicht ganz zwei Jahre ist es her, dass ich den ersten Band von Elena Ferrantes neopolitanischer Triologie - Meine geniale Freundin - beendet habe. Trotz dieser langen Pause habe ich mich schnell wieder in die komplizierte Beziehung der zwei Freundinnen Lenù und Lila eingefunden. Letztere ist frisch verheiratet, die Ich-Erzählerin noch auf der Suche nach ihrem Platz im Leben. Will sie auch heiraten? Das Abitur machen? Weiter studieren? Aus dem vertrauten Viertel wegziehen?
Lilas Leben ist durch die Hochzeit nicht einfacher geworden - schon in der Hochzeitsnacht begegnet sie dem Grauen - der gewalttätigen, rücksichtslosen Seite ihres Mannes. Die Konflikte sind wegen ihres wachen, nach Herausforderungen, Neuem und Freiheit strebenden Geistes vorprogrammiert, ihr Unglück zwangsläufig.
Lenù hingegen wirkt ratlos und rastlos, kennt ihre Ziele selbst kaum, außer dem einem, nämlich irgendwie besser, glücklicher, erfolgreicher als ihre Freundin sein zu wollen.

Nebenbei zeigt der Roman auch noch gesellschaftliche Veränderungen auf, die selbst vor Rione mit seinen konservativen Strukturen nicht haltmachen. Es sind die 60er und 70er Jahre, die Rolle der Frau verändert sich, neue berufliche Möglichkeiten entstehen, politische Umwälzungen finden statt. Dennoch bleibt Die Geschichte eines neuen Namens beim Alltäglichen, schildert die kleinen und größeren Ereignisse in dem kleinen Personenkreis, Ungerechtigkeiten, Eifersüchteleien, Verrat und Enttäuschungen. Vielschichtig dagegen sind die Bedeutungsebenen, auf denen man die Beziehungen und auch die Gedankengänge der Ich-Erzählerin deuten kann, nichts ist hier eindeutig. Die Art und Weise wie selbst kleine, unscheinbare Ereignisse geschildert werden, hebt diesen Roman bzw. die Reihe von anderen des Genres deutlich ab. Die Autorin schafft es, einen hineinzuziehen in diese kleine Gedankenwelt, die sich nur langsam den größeren Zusammenhängen, der Welt und dem Verständnis der eigenen Empfindungen öffnet. 

Elena Ferrante, Die Geschichte eines neuen Namens. Hörverlag 2017.


Tuesday, May 18, 2021

Arnaldur Indridason - Graue Nächte

Ein weiterer Fall für Kommissar Flóvent und seinen Kollegen Thorson von der Militärpolizei. Es ist 1943 und die Amerikaner haben Island aus strategischen Zwecken besetzt. Ein Toter am Strand, gekleidet in amerikanischer Uniform, entpuppt sich als Mordopfer. Eine Frau, die Kontakt zu Soldaten pflegte, ist verschwunden. Niemand will über die beteiligten Angehörigen des Militärs sprechen und nach einem Mordanschlag auf Thorson ist klar, dass hier etwas vertuscht werden soll...

Parallel dazu erzählt Graue Nächte von einer ungewöhnlichen, bereits etwas zurückliegenden Fährüberfahrt aus Dänemark über Norwegen nach Island, mit der isländische Staatsangehörige während der deutschen Besatzung Dänemarks wieder nach Hause gebracht wurden. Die Affäre einer Mitreisenden hat dramatische Folgen, ihr Verlobter wird von den Nazis ermordet... nach und nach findet sie heraus, wie es dazu kam. 

Nach und nach verwebt Indridason seine beiden Geschichten und Zeitebenen und klärt das Verschwinden und den Tod der Opfer auf. Das tut er im Grunde auf recht elegante Art und Weise, die Geschichte sind in sich stimmig und die Ermittlungen funktionieren. Die Gesamtstimmung ist düster und bedrohlich, die Konflikte zwischen der isländischen Bevölkerung und den amerikanischen Besatzern sind immer wieder Thema und kein kleines Problem. Dem gegenüber steht die Freundschaft der beiden Ermittler, die sich darüber erhebt. Dennoch hat mich dieser Krimi nicht so recht gepackt, ich habe ihn aber gern gelesen.

Arnaldur Indridason, Graue Nächte. Bastei 2018.

 

 

Sunday, May 09, 2021

Juli Zeh - Nullzeit

In Nullzeit von Juli Zeh treffen wir gleich auf zwei sehr unzuverlässige Erzähler, die uns beide ihre Sicht auf die Ereignisse einiger weniger Tage auf der Insel Lanzarote zu schildern. 

Jola ist als Tauchschülerin auf die Insel gekommen, sie ist eine mittelmäßig erfolgreiche Serienschauspielerin, die nun für eine Hauptrolle in einem Tauchfilm trainieren will. Sie ist mit ihrem Lebensgefährten Theo angereist (Autor, älter als sie, wird von ihr der "alte Mann" genannt). Glaubt man ihrem Tagebuch, so ist Theo ihr gegenüber übergriffig und gewalttätig, während sie sich in den Tauchlehrer Sven verliebt und von ihm verführt wird.
Sven hat Deutschland verlassen, um auf Lanzarote eine exklusive Tauchschule zu eröffnen. Scheinbar neutral berichtet er von den Zwischenfällen, die er in der Beziehung von Jola und Theo beobachtet, wird aber immer mehr hineingezogen und erliegt zudem den Flirtattacken Jolas, die ihn für ihre Machtspiele missbraucht. Erst am Ende wird klar, dass auch er einen Zweck mit seinem Bericht verfolgt, da er juristische Konsequenzen fürchtet und dies seine Darstellung massiv beeinflusst.

Man muss dysfunktionale, ja, unsympatische Charaktere mögen, um sich mit Nullzeit anzufreunden. Während man anfangs dem ruhigen Erzählton Svens noch folgen möchte, disqualifiziert sich Jola schon früh, man merkt sofort, dass sie ganz und gar keine normalen Reaktionen zeigt und zweifelhafte Ziele verfolgt. Doch je mehr man von Svens Vergangenheit und seiner Beziehung zu der Frau erfährt, mit der er zusammenlebt, umso skeptischer und ablehnender wird man ihm gegenüber. Er wird zwar seinerseits von Jola für ihre Machtspiele missbraucht, andererseits ist sein Verhalten alles andere als moralisch integer. So ist dieses Spiel mit der Wahrheit und Wahrnehmung interessant und erzählerisch geschickt konstruiert, der Plot jedoch lässt zu wünschen übrig. Wenn man Nullzeit als Psychothriller liest, dann funktioniert zwar in den ersten zwei Dritteln die Eskalation der Ereignisse von Tag zu Tag, der Showdown und seine Folgen hingegen bleiben unglaubwürdig.
So konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, er hat seine erzählerischen Stärken, aber eben auch diese durch und durch unsympathischen Protagonisten. Das ist Absicht, ja, aber ich muss es ja nicht mögen!
Die Lesung durch Britta Steffenhagen und Thomas Sarbacher hingegen hat mir gut gefallen.

Juli Zeh, Nullzeit. DAV 2012.


Sunday, May 02, 2021

Jacques Berndorf - Eifel-Schnee

Zu manchen Krimireihen kehre ich zurück wie zu alten Freunden... Die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf gehören dazu. 

Eifel-Schnee ist unter den ersten zehn Bänden der Reihe, Baumeister ist noch mit Dinah zusammen, Rodenstock gerade erst pensioniert und er lernt in diesem Band Emma kennen, seine Zukünftige.
Es beginnt - wie fast immer - beschaulich, Baumeister ist zufrieden mit Katzen, Pfeife und Musik am Heiligabend in seinem Häuschen. Der Anruf den kleinen Schappi erreicht ihn mitten in der Nacht, dieser erzählt von einer brennenden Scheune und dem Tod seines Bruders Ole und dessen Freundin Betty. Natürlich handelt es sich um Mord und Baumeister stürzt sich kopfüber in die Ermittlungen, die ihn schnell ins Drogenmilieu der Eifel führen. Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit befragt er Bekannte und Freunde der Toten und vervollständigt so nach und nach sein Bild von den Ereignissen. Die Hintermänner sitzen in den Niederlanden (wo er und Rodenstock auf Emma treffen) und das Team Baumeister und Co. muss sich anstrengen, gegen deren Übermacht anzukommen und den Verantwortlichen in eine Falle zu locken. 

Ich mag Krimis mit ordentlicher Recherche, in denen sich die Puzzleteile nach und nach zusammenfügen, so dass die Auflösung nicht plötzlich vom Himmel fallen muss. Ich mag die leicht schrägen Charaktere, die Jacques Berndorf in diese besondere Landschaft setzt. Dass er selbst vorliest mit seiner sonoren Rauchstimme, ist auf jeden Fall auch ein Plus. Deswegen immer mal wieder Eifel-Krimi.

Jacques Berndorf, Eifel-Schnee. Radioropa 2008.



Thursday, April 22, 2021

Maja Lunde - Die letzten ihrer Art

Von den vier geplanten Bänden ihres "Klimaquartetts" hat Maja Lunde bisher drei veröffentlicht. Nach Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers erschien 2019 Die letzten ihrer Art.

Das verbindene Element der drei Erzählebenen ist das Przewalski-Pferd, das ursprünglich in der Mongolei beheimatete Urpferd.
Michail Alexandrowitsch Kowrow, Mitarbeiter des Zoos in St. Petersburg, macht sich im Jahr 1883 zusammen mit dem Tierfänger-Experten Wilhelm Wolf auf, um Exemplare des Urpferds zu fangen, während 1992 die Tierärztin Karin es als ihr Lebenswerk ansieht, die in der Mongolei ausgestorbenen Pferde dort wieder anzusiedeln. Der dritte Erzählstrang spielt 2064, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ist in Norwegen aufgrund des Klimawandels zum Erliegen gekommen. Eva lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof, der ehemals zu einem Tierpark mit bedrohten Arten gehörte. Dort gibt es auch eine letzte Przewalski-Stute mit ihrem Fohlen. 

Alle Protagonisten befinden sich in schwierigen Lebenssituationen, sind mit sich und ihrer Identität nicht im Reinen und versuchen sich selbst darüber hinwegzutäuschen. Während Michail sich seine Homosexualität selbst nicht eingestehen mag, ist Karin tief entfremdet von ihrem eigenen Sohn, den diese lang andauernde Distanziertheit in die Drogensucht getrieben hat. Sie kann sich ihre Defizite als Mutter nicht eingestehen und bemüht sich stattdessen übermäßig um die Pferde. Letztere treten 2064 in den Hintergrund. Eva harrt auf ihrem Hof in einer vermeintlich sicheren Position aus, glaubt, als einzige die richtige Sicht auf die Zukunft zu haben und muss feststellen, dass sich ihre Lage alles andere als stabil ist und ihnen die Lebensgrundlage zwischen den Fingern zerrinnt. Ob der Aufbruch - was bedeutet, den Hof und die Pferde aufzugeben - eine bessere Alternative bietet, bleibt offen. 

Zwar beschäftigen sich alle Protagonisten phasenweise mit den Pferden und setzen sich mit dem Thema der Arterhaltung auseinander, dennoch bleiben sie symbolhaft. Sie werden von außen geschildert, lösen trotz der geschilderten Nähe wenig Emotionalität aus. Ketzerisch gesagt, könnte auch jede andere Tierart an ihre Stelle treten, für den Roman würde dies kaum einen Unterschied machen. Wenngleich, ähnlich wie bei Die Geschichte der Bienen schwierige Eltern-Kind-Beziehungen vorkommen, interagieren die einzelnen Ebenen wenig bis gar nicht miteinander. Ihr Zusammenhang ist lose, das offen verbindende Element der Przewalskis stellt - meines Erachtens - auch keinen tieferen Bezug her. 

Das heißt nicht, dass Die letzten ihrer Art ein schlechter Roman ist. Die einzelnen Geschichten und Protagonisten haben durchaus Tiefe und ihre Erlebnisse sind interessant, ihre unterschiedlichen Stimmen gut herausgearbeitet. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass Idee und Konzept hier noch hätten weiter tragen können (und sollen) und vor allem das Thema des Artensterbens hätte mehr Raum bekommen sollen. So verkommt zum Randgeschehen, die Pferde als lose Verbindung der Geschichten, aber nicht als treibendes inhaltliches Element.

Maja Lunde, Die letzten ihrer Art. Hörverlag 2019.

Wednesday, April 14, 2021

Johanna Spyri - Heidis Lehr- und Wanderjahre

1880 veröffentlichte die Schweizerin Johanna Spyri ihr Buch Heidis Lehr- und Wanderjahre, das zu einem Klassiker der Kinderliteratur wurde und oft verfilmt wurde. Kinder der 80er haben die Zeichentrickserie sicher noch vor Augen...

Das Setting zu Beginn ist tragisch: Die achtjährige Heidi hat beide Eltern verloren, wurde erst von der Großmutter, dann von der Tante aufgezogen. Letztere gibt sie aber kurzerhand wegen eines guten Jobangebots bei dem grantigen Großvater väterlicherseits in den Schweizer Bergen ab. Der ist zwar wortkarg und sozial isoliert, aber dennoch dem Kind zugetan, weil es sich auch sehr angepasst und freundlich verhält. Und durch seine freundliche Art schafft es "das Heidi" leicht, auch zu den wenigen anderen Menschen, die es in der Einsamkeit der Alm gibt, freundschaftlichen Kontakt herzustellen - und zwingt damit den Großvater zumindest nicht mehr gar so unfreundlich zu sein.
Dann schlägt das Schicksal noch einmal zu, wieder in Form der etwas herzlosen Tante, die es eine gute Idee findet, Heidi nach Frankfurt zu verpflanzen, um dort einer gelähmten Tochter aus reichem Hause Gesellschaft zu leisten. Gesellschaftlich sicher ein Aufstieg, aber Heidi leidet dermaßen an Heimweh, dass sie wortwörtlich beinahe umkommt. Kurz lernt sie noch lesen und ein bisschen mehr von der Welt kennen, dann hat der Hausherr Erbarmen und lässt sie zum Großvater zurückschicken.
Mit einer aus heutiger Sicht gewissen Portion Kitsch und überzogener Selbstlosigkeit und Nächstenliebe verteilt Heidi zuhause ihre überbordende Zuneigung und Geschenke und bringt damit allen Freude und schließlich sogar den Großvater dazu, sein Herz zu öffnen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, die Heidi aus dem aus Frankfurt mitgebrachten Buch vorliest, lässt den Großvater wieder den Weg in die Kirche und zu den Menschen zurückfinden. Dieser letzte Teil ist rührselig, rundet aber dennoch die Geschichte ab, indem der von Heidi geliebte Großvater auch bei den anderen Bewohnern Anerkennung findet, nicht zuletzt dafür, dass er das Kind aufgenommen und fürsorglich aufgezogen hat. 

Natürlich ist Heidi ein Charakter, der aus heutiger Sicht zu gut ist, um wahr zu sein. Die geschilderte Idylle in den Alpen ist eher phantastischer Sehnsuchtsort als echter Lebensraum, die Bekehrung des Großvaters ein moralischer Wunschtraum. Aber auch dafür lesen wir, für die Auszeiten an beschaulischen Orten, wo die Welt und die Menschen im Einklang miteinander sind und alles am Ende gut wird.

Saturday, April 10, 2021

Penelope Bagieu / Roald Dahl - Hexen hexen

Roald Dahls Hexen hexen (1983) ist ein Klassiker der britischen Kinderliteratur. Erzählt wird die Story aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der kürzlich seine Eltern verloren hat und nun mit seiner Großmutter lebt. Diese erzählt ihm Geschichten - und auch davon, dass Hexen immer Handschuhe und Perücken tragen, damit sie wie normale Frauen aussehen. Und Hexen hassen Kinder und wollen sie vernichten! Zum Beispiel verwandeln sie die Kinder in Tiere oder in Steine. Leider schützt dieses Wissen allein nicht vor ihren Hexenkünsten - aber man kann es nutzen, um sie zu bekämpfen! 

Die Französin Pénélope Bagieu hält sich in ihrer Comic-Adaption weitgehend an die literarische Vorlage und illustriert die Geschichte mit leichter Hand. Die Charaktere werden geschickt eingeführt - man sieht sich nicht sofort komplett, sondern nähert sich ihnen Stück für Stück - und auch die Backgroundgeschichte der verstorbenen Eltern wird so erzählt. Die Großmutter ist zeichnerisch ein Knaller mit ihren verrückten Haaren und Outfits, sehr schräg, aber liebevoll mit ihrem Enkel. Die Szenen mit den Hexen sind angemessen gruselig und die Zeichnungen der zwei in Mäuse verwandelten Kinder sind hinreißend niedlich. Angenehm fand ich auch das Verhältnis von Text zu Bild, es wird nicht zuviel vorweggenommen durch Textkästen, aber durch die Dialoge kann man die Geschichte gut verfolgen und der Sprachwitz der Protagonisten - eine Stärke von Dahls Charakteren - bekommt ausreichend Raum.
Hexen hexen ist eine sehr gelungene Graphic Novel, die viel Spaß macht!

Penelope Bagieu / Roald Dahl, Hexen hexen. Reprodukt, Berlin 2020.

Robert Seethaler - Der letzte Satz

 Robert Seethaler lässt uns in Der letzte Satz teilhaben an Gustav Mahlers letzter Reise. Er sitzt an Deck und erinnert sich an die Höhe- und Tiefpunkte seines Lebens. Dabei spielen seine beruflichen, musikalischen Erfolge zwar eine Rolle, im Fokus stehen aber seine Frau und seine Kinder. 

Aufgrund des geringen Umfangs - eigentlich eher eine Novelle als ein Roman - ist Der letzte Satz natürlich keine umfassende Betrachtung des Komponisten und Dirigenten, eher eine Hommage. Sprachlich hat mir das Buch sehr gut gefallen, es ist leise, unaufgeregt und sensibel. Matthias Brandt war eine gute Wahl als Sprecher. 

Robert Seethaler, Der letzte Satz. Tacheles 2020.

Friday, April 09, 2021

Irmgard Keun - Das kunstseidene Mädchen

Deutschland Anfang der 30er Jahre: Die 18jährige Doris möchte ein aufregendes Leben haben, sie möchte "ein Glanz" sein! Da passt ihre solide Stelle als Stenotypistin nicht so recht dazu, zumal ihr Chef aufdringlich wird. Der Statistenjob am Theater ist da schon besser, aber auch hier will Doris weiterkommen und denkt sich Geschichten aus, um mehr zu scheinen als sie ist. Als das auffliegt und sie außerdem in einem Augenblick der Schwäche einen Pelzmantel aus der Garderobe mitnimmt, flieht sie kurzerhand nach Berlin. Dort verstrickt sie sich in ein beständiges Auf und Ab verschiedener Männerbekanntschaften und erlebt alles - von Luxus bis zur Obdachlosigkeit. Ihre Beziehungen sind allesamt nicht zukunftsträchtig, sie träumt von Selbstbestimmung und Glück, die ihr ihre Bekanntschaften nicht bieten können. Sie schafft es nicht, sich ein eigenes Einkommen zu schaffen, ihr eigener Anspruch und Wunschträume stehen dem im Weg. 

Doris' inneren Monolog lesen wir in Form ihrer Tagebucheinträge. Ihre Schilderungen sind geprägt von ihrer subjektiven Wahrnehmung ihrer Umwelt, manchmal naiv-staunend, begeistert und dann auch wieder desillusioniert-kritisch. Das Berlin der 30er Jahre wird von seiner glamorösen Seite in den Cafés und Clubs und auf den Flaniermeilen geschildert, im weiteren Verlauf nimmt Doris aber auch den Verfall und das Elend wahr, die sich in den vielen Arbeitslosen und Prostituierten auf den Straßen spiegelt.
Ihre Sprache ist phantasievoll und humorvoll, es macht Spaß, ihr zuzuhören, wenngleich im Verlauf des Romans ein bitterer Beigeschmack hinzukommt, wenn immer deutlicher wird, dass sich ihre Träume nicht erfüllen werden. Politisch ist Irmgard Keuns Roman nicht, zwar tauchen Hinweise auf Antisemitismus auf, Doris nimmt dies wahr, aber denkt nicht weiter darüber nach, zu sehr ist sie mit sich selbst beschäftigt. Diese absolute und zum Teil schonungslose Innensicht und Ich-Bezogenheit der Protagonistin in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, in denen Frauen zwar schon andere Lebensentwürfe haben, aber beruflich-materielle Unabhängigkeit noch schwer ohne Mann zu erreichen ist, machen Das kunstseidene Mädchen zu einer interessanten Lektüre.

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen. Brigitte Hörbuch Edition 2007.

Matt Haig - Die Mitternachtsbibliothek

Matt Haigs Die Mitternachtsbibliothek handelt vom Leben.
Dieses Leben, dieses eine Leben, das gelebt werden muss.
Es sollte nicht bereut, nicht gering geschätzt und nicht verachtet werden. Es sollte vielleicht überhaupt und gar nicht bewertet werden - wie kämen wir dazu?

Nora Seeds, 35 Jahre alt, Katzenbesitzerin, Klavierlehrerin und Verkäuferin in einem kleinen Musikgeschäft in Bedford, findet ihr Leben nicht mehr lebenswert und beschließt, sich umzubringen. Wäre ihr dies gelungen, so wäre es ein sehr kurzer Roman geworden, doch Matt Haig lässt sie in der Mitternachtsbibliothek stranden. Dort trifft sie ihre Schulbibliothekarin Mrs Elm wieder, die ihr eröffnet, sie könne ein anderes, sogar viele andere Leben ausprobieren, um herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich in diesem oder jenem Moment anders entschieden hätte. Sie muss dazu nur eines der Bücher in der Bibliothek öffnen, die alle mit dem Titel "Mein Leben" überzeichnet sind.
So springt Nora in die unterschiedlichsten Leben, ist nacheinander Schwimmerin, Popstar, Polarforscherin und Philosophieprofessorin, doch keins dieser Leben scheint ihr das "richtige" zu sein. Aber sie kommt nach und nach dem auf die Spur, was das "richtige Leben" sein könnte, was wichtig ist und vor allem wovon es nicht abhängt.  

Welch wunderschöne Idee, diese Mitternachtsbibliothek, in der ungeahnte Möglichkeiten und Universen sich eröffnen! Dazu eine Bibliothekarin, die weise und leise und behutsam der irrenden Protagnistin den Weg weist. Die Botschaft am Ende klar und einfach: Lebe! Nimm an, was dir gegeben ist, in jedem Moment, an jedem Ort. Achtsamkeit und Bescheidenheit. Es sind die kleinen und leisen Dinge und nicht die großen und lauten, die Bedeutung haben.
Das alles gefällt mir sehr gut und ich habe mir diese Geschichte gern erzählen lassen. Nicht alle von Noras Leben haben mich berührt und nicht immer konnte ich ihr Verhalten und Empfinden verstehen, manche ihrer (bereuten) Entscheidungen blieben mir fremd. Aber das Buch webt einen Zauber aus dieser Idee der unendlichen Möglichkeiten, die im Grunde nichts bedeuten, aber zum Ziel führen, dem wahren, dem gelebten Leben. 

Matt Haig, Die Mitternachtsbibliothek. Droemer, München 2021.


Tuesday, April 06, 2021

Art Journal 06.04.2021

 
Just another day in paradise as you stumble to your bed. 
Give anything to silence those voices ringing in your head
You thought you could find happiness just over that green hill
You thought you would be satisfied but you never will
Learn to be still
We are like sheep without a shepherd, we don't know how to be alone
So we wander 'round this desert, wind up following the wrong gods home

[Learn to be still by The Eagles]

Michael Robotham - Um Leben und Tod

Am Tag vor seiner Entlassung flieht Audie Palmer nach einer zehnjährigen Haftstraße aus dem Gefängnis. Er wurde verurteilt, weil er angeblich bei einem bewaffneten Raubüberfalls am Tod von vier Menschen beteiligt war - von den sieben Millionen Dollar fehlt immer noch jede Spur. Angeblich... denn bald wird klar, dass Audie nicht getan hat, was ihm vorgeworfen wird. Statt dessen scheinen wichtige Männer aus Strafverfolgung und Justiz ein sehr großes Interesse daran zu haben, ihn zu fassen und endgültig zum Schweigen zu bringen. Was ist damals wirklich passiert?

Lange bleibt auch dem Leser verborgen, was Audie nach seinem Ausbruch vorhat und warum er nicht seine Entlassung abwarten konnte. Robotham fügt weitere Erzählperspektiven von einem Mithäftling, einer FBI-Agentin und anderen hinzu, die nach und nach verschiedene Puzzlestückchen der Geschichte zusammenfügen. Ergänzt werden die Geschehnisse durch Erinnerungen Audies aus der Zeit vor dem Raubüberfall, aber die ganze Tragik wird erst kurz vor Schluss deutlich, abgerundet mit einem angemessenen Showdown. 

Insgesamt ist Um Leben und Tod ein spannender Thriller mit einem ungewöhnlichen Setting, der gut erzählt wird, wie man es vom Autor Michael Robotham gewöhnt ist. 

Michael Robotham, Um Leben und Tod. Hörverlag 2015.


Saturday, April 03, 2021

T.C. Boyle - In der Zone

Die Kurzgeschichte In der Zone von T.C. Boyle handelt von Mascha, die drei Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl in ihr Heimatdorf zurückzukehrt. Ihr Nachbar Leonid begleitet sie, beide glauben fest daran, ihr Zuhause wieder in Besitz nehmen zu können, allen Warnungen zum Trotz. Den Gefahren, die andere ihnen ausmalen, begegnen sie In der Zone nicht, statt dessen richten sie sich in einer verwilderten Version der alten Heimat wieder ein. Nur als eines Tages auch eine junge Familie mit zwei Kindern in das Dorf kommen, kommen Mascha Zweifel, ob diese dort sicher sind. 

Die Ähnlichkeiten dieser wirklich sehr kurzen Story mit Alina Bronskys Roman Baba Dunjas letzte Liebe sind gelinde gesagt irritierend. Es ist so, als hätte T.C. Boyle einen knappen Entwurf geschrieben, den Bronsky ausgearbeitet hat. Natürlich ist Baba Dunja eine weitaus besser konzipierte Protagonistin, ihre Beziehungen sind vielschichtiger, es gibt Handlung. Letztere kommt auf den 23 Seiten von In der Zone nicht zustande, ich würde sogar so weit gehen, dass von einer Kurzgeschichte mit einem Wendepunkt und einem wichtigen Moment im Leben des Protagonisten nicht die Rede sein kann, da wirklich so gut wie nichts geschieht. Dennoch ist das Setting ähnlich genug, um zu vermuten, dass Bronsky die 2012 veröffentliche Geschichte vielleicht gelesen hat, bevor sie ihren Roman verfasste, der 2015 erschien. 

Mag das sein, wie es ist, Boyle fand seine Idee offensichtlich nicht interessant genug, um daraus einen Roman zu machen - wie er diese dann in In der Zone umsetzte, ist nicht überzeugend. Dann kann man lieber Bronsky lesen. 

T.C. Boyle, In der Zone. Hanser, München 2012.


Friday, April 02, 2021

Alex Gino - George

Auf George von Alex Gino wurde ich aufmerksam, als ich im letzten Jahr für die Popsugar Reading Challenge nach "banned books" suchte. Es ist seit seinem Erscheinen 2015 eins der meist zensierten Lektüren an amerikanischen Schulen. Hierzulande ist es bisher weniger bekannt.

George, biologisch ein Junge, identifiziert sich selbst al
s Mädchen und wird von Anfang an mit "sie" beschrieben. Als an der Schule ein Theaterstück zu Charlotte's Web aufgeführt werden soll, bewirbt sich George für die Rolle der weiblichen Spinne Charlotte - und wird als Junge dafür abgelehnt. Statt dessen bekommt Georges Freundin Kelly die Rolle - und diese ist mutig genug, eine der zwei Vorstellungen George zu überlassen. Damit schafft es George, neben Kelly auch ihrer Mutter und ihrem Bruder zu erklären, dass sie ein Mädchen ist. In ihrem Aufbruch weg von der Angepasstheit hin zu sich selbst erlebt sie die zu erwartenden Anfeindungen und Vorurteile, aber sie erfährt auch Unterstützung. Das Buch endet in der hoffnungsvollen Stimmung, dass George nun die nächsten Schritte auf ihrem Weg gehen kann, damit sie offen die sein kann, die sie ist. 

George nimmt sich des immer noch skeptisch beäugten Themas Transgender an und Alex Gino wählt bewusst eine junge Protagonistin und auch die Zielgruppe wird vom Verlag mit "ab zehn Jahren" angegeben. Es gibt keine anstößigen Schilderungen oder sensationsheischende Szenen, es ist die Geschichte eines jungen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst ist.
Es bleibt kein Zweifel, dass George sich sicher ist, weiblich zu sein. Es bleibt kein Zweifel, dass es richtig ist, dass sie als Mädchen, als Frau leben will, ja, sogar muss. Es bleibt kein Zweifel, dass es die Umwelt ist (Familie, Freundeskreis, Schule), die sich daran gewöhnen muss und dem Lernprozess nicht ausweichen kann. George muss sich für nichts entschuldigen, sie ist, wer sie ist. Diese Eindeutigkeit macht Mut, wirbt um Verständnis, ja, und fordert das Verständnis schlussendlich ein.
Ein tolles und wichtiges Buch. 

Alex Gino, George. Fischer, Frankfurt am Main 2016.

Thursday, April 01, 2021

Jilliane Hoffman - Samariter

Faith Sounders ist mit dem Auto auf dem Rückweg von einer Familienfeier, hinten im Wagen sitzt ihre vierjährige Tochter Maggie. Bei einem Stopp auf der Landstraße steht plötzlich eine Frau am Fenster und bittet um Hilfe, die Situation ist irreal und potentiell bedrohlich, deswegen zögert Faith, die Türen zu öffnen. Die Frau wird kurz darauf von einem Mann weggeführt. Eigentlich ist Faith klar, dass es sich hier um eine Entführung handelt, aber da sie alkoholisiert gefahren ist, alarmiert sie nicht die Polizei, obwohl sie weiß, dass sie eine wichtige Zeugin ist. Als die Frau tot und misshandelt aufgefunden wird und die Medien berichten, ist es ihre Tochter, die überhaupt die Zeugenaussagen ins Rollen bringt. Faith gerät immer mehr unter Druck, denn sie verheimlicht noch etwas, was ihre Tochter nicht gesehen hat - es gibt noch einen zweiten Täter. So verzögert Faith' Schweigen die Ermittlungen, ihre angespannte familiäre Situation dramatisiert sich und damit auch ihr Alkoholproblem. Aber auch die Täter sinnen auf Rache...

Die zugrunde liegende Idee des Thrillers mit der moralisch unzuverlässigen Zeugin gibt Samariter von Jilliane Hoffman von Anfang an eine sehr persönliche Note. Was bin ich bereit für andere zu riskieren? Was nehme ich in Kauf, um mich selbst zu schützen? Wie würde ich in einer ähnlichen Situation entscheiden?  
Faith' Dilemma, das zunächst noch überschaubar scheint - sie hat eine Entscheidung getroffen, die ihr eigenes Wohl und das ihres Kindes präferiert - wird in der Folge aber immer weiter zugespitzt: Die angeschlagene Ehe, in der sie sich als die Abhängige sieht, trotz oder gerade wegen der Untreue ihres Mannes, das problematische Kind, das so verhaltensauffällig ist, dass selbst Faith hilflos scheint, damit adäquat umzugehen, und schlussendlich ihre nur nach und nach offenbarte Alkoholsucht, die aber dann Ausmaße hat, die sofort offenkundig sein müssten in ihren Gedanken. Vor diesem Berg an Problemen verzerrt sich das eigentliche Problem ihrer Fehlentscheidung, einer anderen Frau bewusst nicht geholfen zu haben, und gerät in den Hintergrund.
Die Ermittler handeln nachvollziehbar und engagiert, wohingegen die Staatsanwältin, die eine Karriere in den Medien anstrebt, und der Verurteilung des Täters schadet, ein Erzählstrang ist, den der Thriller nicht gebraucht hätte - es war auch so schon problematisch genug! So wirkt die Auflösung und die persönliche Entwicklung von Faith am Ende etwas aufgesetzt und nicht ganz plausibel, in einem sonst spannenden und unterhaltsamen Thriller.

Jilliane Hoffman, Samariter. Argon 2015.

Tuesday, March 30, 2021

Art Journal 30.3.2021

Rainbow Rowell - Fangirl

Nachdem ich Rainbow Rowells Debütroman Eleanor und Park 2017 gelesen hatte, setzte ich Fangirl auf die Liste der zu lesenden Bücher. Es hat ein bisschen gedauert, aber nun kamen die Bibliotheksausgabe und ich ausgerechnet im Lockdown durch "Bibliothek to go" (tolle Sache!) zueinander.

Cath und Wren sind Zwillinge und beginnen ihr erstes Jahr am College. Während Wren die Sache mit dem Feiern und Trinken und neue Menschen kennenlernen etwas übertreibt, zieht sich Cath in sich selbst zurück und vermeidet Sozialkontakte geradezu. Sie ist begeisterte Anhängerin der "Simon Snow" Fantasyromane (vgl. Harry Potter) und schreibt seit mehreren Jahren als Magicath erfolgreich Fanfiction - dabei ist sie am glücklichsten. Zum Glück lässt ihre Mitbewohnerin ihr die Einsiedelei nicht durchgehen und zwingt sie gemeinsamen Aktivitäten und auch in ihren Kursen muss sie mit Menschen sprechen. Einer dieser Kurse ist kreatives Schreiben. Ihre Professorin erkennt ihr Talent, urteilt aber hart und unnachgiebig über Fanfiction.

Gleichzeitig durchlebt ihr Vater wieder einmal eine manisch-depressive Krise, Cath macht sich Sorgen, will sich der schwierigen Situation an der Uni am liebsten entziehen und zurückgehen in ihr altes Leben, zurück in ihre Simon Snow Welt. Schon gar nicht will sie sich mit ihrer Mutter auseinandersetzen, die die Familie früh verlassen hat. Doch natürlich kommt es anders...

Gut gefallen haben mir die jugendlichen Charaktere und ihre inneren Welten, etwas, das auch Eleanor und Park besonders machte. Auch das Setting der zwei unterschiedlichen Schwestern, die sich zeitweise voneinander entfernen müssen, um beide zu wachsen, passt gut - hier funktioniert der Roman gut als eine Coming-of-Age Geschichte, die auch erzählerisch Spaß macht. 

Der ganze Fan- und Fanfiction-Aspekt jedoch hat Schwächen. Cath schreibt und schreibt und hat zehntausende Follower und spricht davon, dort bei den anderen Simon Snow Fans ihr Zuhause zu haben. Dennoch wird keine der Online-Beziehungen oder -Freundschaften ausgestaltet oder gar nur erwähnt, die doch eigentlich Caths Ersatz für die fehlenden realen Freundschaften sind.
Quer gegangen ist mir auch der Konflikt zwischen dem authentischen Schreiben, das ihre Professorin einfordert, und Caths angeblichen Wunsch, bei ihrer Fanfiction zu bleiben, weil es a) einfach und b) sie am glücklichsten dabei ist. Wieso schreibt sie sich in diesen Kurs ein, wenn sie nicht selbst schreiben möchte? Hier widerspricht sie sich meines Eracht
ens selbst. Seitenlang verweigert sie sich selbst dem Gedanken daran, die geforderte Kurzgeschichte für den Kurs zu verfassen, nur um sie dann am Ende doch - quasi wie von selbst - in einem Rutsch zu schreiben.
Ein essentielles Stilmittel des Romans sind die integrierten Textpassagen aus den Simon Snow Romanen und von Caths Fanfiction. Diese können vermutlich zur Intepretation von Caths Leben herangezogen werden - mich haben sie eher gestört und in mir keinesfalls den Wunsch geweckt, mich in die Welt des Simon Snow zu versetzen. 

Ich tue mich schwer mit einer abschließenden Wertung. Ich habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt und mochte die Charaktere - das ist schon viel. Als Coming-of-Age-Story funktioniert Fangirl gut, auch wenn sie dazu auf den letzten Seiten einen Sprint einlegen muss und alles etwas rasch zum Ende kommt. Aus der Thematik des Schreibens - von Literatur und Fanfiction - hätte man aber mehr herausholen können. 

Rainbow Rowell, Fangirl, Hanser, München 2017. 


Sunday, March 21, 2021

Mario Puzo - Der Pate

Dieser Klassiker und seine berühmte Verfilmung von Francis Ford Coppola waren die Initialzündung für viele Mafia-Filme. Mario Puzos Roman stand schon lange auf meiner Liste der Bücherkultur Challenge.
Die Lesung von Christian Brückner ist gekürzt und dauert nicht ganz acht Stunden. 

Obwohl die Figuren im Imperium des Don Corleone zahlreich sind und von allen ihre Vorgeschichte beleuchtet wird, behält der Roman stets  Tempo und den Leser bei Laune. Die Strukturen der Mafia in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert sind so brutal wie faszinierend. Ein eindrückliches, unterhaltsames Werk, das ich gern endlich kennengelernt habe. 

Mario Puzo, Der Pate. Random House Audio, 2017.

Friday, March 19, 2021

Elizabeth George - Wer Strafe verdient

Um es kurz zu machen, Wer Strafe verdient war kein Highlight. Die Protagonisten Lynley und Havers sind mir ans Herz gewachsen, deswegen lese ich auch Band 20 noch. 

Es begann noch ganz vielversprechend mit den Ermittlungen in dem kleinen, beschaulichen Örtchen Ludlow und Havers' Instinkte ließen den Fall vorwärts gehen, während die unsympathische Chefin mit ihrer Alkoholsucht dagegen arbeitet. Doch dann wurde alles zäh und noch zäher und die Schicksale aller Haupt- und Nebenfiguren wurden in aller Ausführlichkeit ausgebreitet und konnten dennoch leider mein Interesse nicht halten, so dass die 20 Stunden Audiobook sich hinzogen. Die Aufklärung war dann auch nicht so berauschend, der Showdown erzwungen und das "alle haben sich und vor allem Havers lieb" am Ende war etwas aufgesetzt. Kann sein, dass mein schnell hingetipptes Geschreibsel dem Roman nicht gerecht wird, aber mehr Geduld und Energie kann ich gerade nicht dafür aufbringen. 

Elizabeth George, Wer Strafe verdient. Hörverlag 2018.

Thursday, March 11, 2021

Ursula Krechel - Landgericht

In Landgericht erzählt Ursula Krechel die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer. Sein beruflicher Erfolg und das Glück seiner Familie werden durch die Nazis zerstört, seine Kinder sind in England, er selbst im Exil in Kuba, seine nicht-jüdische Frau bleibt in ungesicherten Verhältnissen in Deutschland zurück. Der Roman beginnt mit dem Wiedersehen des Ehepaars 1947 - und auch wenn die beiden einigermaßen wieder zueinanderfinden, so ist ihre Familie zerrissen, die Kinder ihnen fremd, seine berufliche Zukunft (am Landgericht in Mainz) problematisch. Kornitzer ist getrieben vom Wunsch, die ihm zugestoßene Ungerechtigkeit auszugleichen und scheitert dabei immer wieder an persönlichen Hindernissen und den juristischen Unzulänglichkeit der neuen Bundesrepublik, die noch längst nicht in der Lage ist, sich der Nazi-Vergangenheit in allen Konsequenzen zu stellen.

Angelehnt hat Krechel ihren Roman an die Biographie des Richters Robert Michaelis, wodurch das erzählte Leid und Unrecht ein zusätzliches Gewicht erhält, weil es real geschehen ist. Dieses Gewicht ist es vermutlich auch, was zunächst beeindruckend erscheint. Die Autorin versucht einen Spagat, indem sie der historischem Figur einerseits gerecht werden, andererseits aber auch die tiefen Emotionen ihres Protagonisten literarisch umsetzen will.
Ich finde, dies gelingt leider nicht - auch wenn ich mich damit in die Opposition zur Jury des deutschen Buchpreises befinde, die den Roman 2012 zum Gewinner kürte. Betitelt als Roman, wirken viele Passagen zu sachlich, zu kalt und zu dokumentierend, um wirklich zu berühren. Andere sind wieder überbordend emotional. Parallel dazu versucht Krechel auch, die Atmosphäre der frühen Bundesrepublik mit all ihren Schwierigkeiten und Entgleisungen einzufangen, was zu langatmigen Schilderungen von städtebaulichen Entwicklungen und ähnlichem führt. Auch stellt sich die Frage nach dem zentralen Thema: Ist es nun Kornitzer Angegriffenheit, die Zerissenheit, die sein Exil und der Verlust von Status und Familie in jungen Jahren ausgelöst haben? Liegt der Kern in seinen Beziehungen zu seiner Frau, seinen Kindern? Oder doch vielmehr in der Frage nach Gerechtigkeit, die er trotz aller Expertise und Hartnäckigkeit nicht erreichen kann?
Man könnte dies als Facettenreichtum loben, als literarischen Schachzug zu werten, wie die stilistischen und erzählerischen Ebenen durchmischt werden - aber was anfänglich in der ersten Hälfte des Romans noch überraschend und abwechslungsreich wirkt, verkommt immer mehr zur bloßen Irritation. Was will diese Geschichte?
Und sie endet schließlich, ohne die Frage so recht zu beantworten. 

Ohne die Leserunde der Mitlesezentrale wäre dies vermutlich ein Fall für einen Abbruch gewesen, da mich der Stil und die Ziellosigkeit des Erzählens geradezu genervt haben. Ich erkenne die Wichtigkeit des Themas und finde es gut, dass eine Exilbiographie erzählt wird, gerade in Zeiten, wo sich wieder viele Tausende Menschen auf der Flucht befinden. Die Form jedoch hat mich überhaupt nicht angesprochen und die Verleihung des deutschen Buchpreises erschließt sich mir nicht so recht.

Ursula Krechel, Landgericht. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2012.