Sunday, October 09, 2022

Darcie Little Badger - Elatsoe

Elatsoe von Darcie Little Badger ist einer jener Zufallsfunde, die ich ohne die Popsugar Reading Challenge nie gemacht hätte: „A book with a character from the ACE spectrum". Ohne die Listen, die von der Popsugar Gruppe bei Goodreads zusammengestellt werden, wäre ich dabei total ratlos sitzen geblieben. Vielleicht auch, weil hierzulande wenig(er) auf diese Dinge geachtet wird?
In der besagten Liste stand Elatsoe relativ weit oben und obwohl es keine deutsche Übersetzung gibt, war zumindest das amerikanische e-book problemlos zu erwerben. Dass das asexuelle Wesen der Protogonistin jetzt von so großer Relevanz für den Plot des Romans ist, wage ich anzuzweifeln.

Viel spannender finde ich den Native American Background von Ellie alias Elatsoe. In diesen fiktiven USA sind die Natives ebenso enteignet, ermordet und unterdrückt worden wie in unserer realen Welt. Doch das Glaubenssystem der Lipan Apaches im Roman wurzelt in der realen Existenz von Magie, Geisterwelt, Flüchen und Monstern. So wird das Wissen um diese Dinge in den Familien weitergegeben. Ellie trägt den gleichen Namen wie ihre sechsfache Urgroßmutter und wie sie hat sie ein Talent dafür Geister heraufzubeschwören. Allerdings ist es eine Art Gesetz, dass keine menschlichen Geister beschworen werden, weil diese unberechenbar und unbeherrschbar sind. Aber Ellie hat beispielsweise immer ihren (toten) Hund Kirby in seiner Geisterform dabei.

In den ersten Kapiteln schafft es die Autorin mühelos sowohl die sympathischen Protagonisten als auch in diese anderen USA einzuführen. Nach und nach wird das Ausmaß der magischen Welt deutlich, während gleichzeitig der Plot um Ellies ermordeten Cousin an Fahrt aufnimmt.
Besonders gefallen hat mir, dass Ellie zwar an ihre Fähigkeiten glaubt und ehrgeizig an ihnen arbeitet, aber dabei niemals ihre Familie und ihr kulturelles Erbe aus dem Blick verliert. Auch Freundschaft ist ihr wichtig und eben aus diesen Gründen wird Elatsoe nicht zu einem Superheldenepos, sondern bleibt eine emotional ansprechende und spannende Geschichte. Klar, das Vorkommen des großartigen Geisterhundes und eines Geistermammuts (!) machen schon Spaß und der Gegner, mit dem Elatsoe und ihre Familie es aufnehmen, erscheint übermächtig - weswegen man bis zum Ende mitfiebert.

Insgesamt kreiert Darcie Little Badger hier eine ganz eigenständige Welt mit guten Charakteren, witzigen Dialogen und einem spannenden Plot, während sie auch noch Raum schafft für den Natives Background hinsichtlich Kultureller Bedeutung, Ignoranz der geschichtlichen Hintergründe und heutiger Diskriminierung. Das alles in einem Debütroman so abzuliefern, finde ich bemerkenswert.

Darcie Little Badger, Elatsoe. Levine Querido 2020.

Wednesday, October 05, 2022

Justin Cronin - Der Übergang

Der Übergang von Justin Cronin beginnt vielversprechend, wenn auch nicht unfassbar originell. Ein viraler Zufallsfund lässt die Armee der USA und ihre Wissenschaftler aufhorchen - daraus lässt sich doch bestimmt eine Waffe machen?

Wie zu erwarten war, geht alles schief und die Infizierten (allesamt Straftäter, die zum Tode verurteilt wurden, also ganz liebenswerte Charaktere) mutieren auf ungünstige Weise und brechen - natürlich - aus. Sonst wäre Der Übergang ja auch keine Dystopie. Das Virus, das mental (!) übertragen wird, verbreitet sich rasend schnell. Doch halt, da ist noch die letzte Probandin, ein kleines Mädchen namens Amy, die mutiert nicht zu einem blutsaugenden tödlichen Monster, sondern überlebt mit Hilfe eines väterlich-sympathischen FBI-Agenten. Leider geht der aber bei dem nuklearen Aufräumversuch der US-amerikanischen Regierung drauf und Amy muss sich allein durchschlagen. Praktischerweise altert sie nicht und kann sich selbst heilen - leider ist sie aber eben trotzdem auch ein Kind und versteht das alles nicht so richtig... Ende des spannenden ersten Teils des Romans.

Etwa 90 Jahre später sind ganze Teile der USA nur noch von Viral-Mutanten bevölkert und Menschen leben in versprengten Kolonien und versuchen mit den Resten von Technologie und Wissen zu überleben - mit beidem ist es nicht weit her.
Was dann folgt ist eine Fülle von Charakteren, die ich beim Hören manchmal schwer auseinander halten konnte. Die häufig wechselnden Erzähler unterschieden sich nicht immer deutlich genug voneinander, wenngleich sich Cronin durchaus Mühe gegeben hat, seine Charaktere auszuarbeiten. Gut gefallen haben mir die eingestreuten Dokumente (Tagebücher, Berichte von Augenzeugen), die das Erlebte authentischer machten. 

Da sich diese Dystopie zwischen Horror und Fantasy bewegt, hatte ich manchmal Schwierigkeiten mit den drastischen Gewaltschilderungen; manchmal erwischte ich mich dabei, dann einfach wegzuhören. Das mag aber auch an den erzählerischen Längen gelegen haben, phasenweise empfand ich das ganze auch als Audiobook sehr zäh und langatmig. Natürlich kommen Amys Fähigkeiten und ihr Sonderstatus gegen Ende noch zum Tragen, das wiederum war vorhersehbar.

Andere Rezensenten kritisieren die große Ähnlichkeit (in Plot oder Thematik) mit andere Romanen des Genres. Ich habe diesbezüglich zu wenig gelesen, um mitreden zu können. Für mich hatte der Roman erzählerisch und auch von der Story her vor allem im zweiten Teil Längen und hat mich daher nicht begeistern können. Als Trilogie geplant, wird die Geschichte auch nicht abgeschlossen, sondern bleibt nach bester Cliffhanger-Manier in der Luft hängen. In diesem Fall berührt mich das wenig, da mir die Charaktere nicht ans Herz gewachsen sind und ich sie also gut allein lassen kann. 

Vielleicht ist Cronins Der Übergang dann doch eher was für überzeugte Fans von gruseligen Hardcore-Dystopien.

Justin Cronin, Der Übergang. Random House Audio 2011.

Tuesday, October 04, 2022

Agatha Christie - Der blaue Express

In Der blaue Express ermittelt Hercule Poirot im Auftrag eines amerikanischen Millionärs, dessen Tochter im blauen Express - einem Schnellzug von Calais nach Nizza - ermordet wurde. Gleichzeitig wurde ein überaus wertvolles Rubinhalsband gestohlen. Zufällig befand sich Poirot im gleichen Zug und er bietet der französischen Polizei seine Hilfe an. Erzählt wird die Geschichte aus Sicht mehrerer Zeugen und Beteiligter, allen voran die zu Geld gekommene Gesellschafterin Katherine Grey. Sie sprach am Abend des Mordes mit dem Opfer und ist eine wichtige Zeugin. Neben ihr versammelt Christie wie gewohnt eine Anzahl bunt gemischter Charaktere, die auf unterschiedliche Weise mit dem „größten Detektiv aller Zeiten“ interagieren und ihm die Puzzleteile für seine Ermittlung liefern. Als Leser hat man Verdachtsmomente, aber wie Poirot bis zum Schluss nicht alle Fakten, um den Fall zu lösen.

Immer wieder stellt sich die Frage - quasi nebenbei - nach den Beweggründen für Beziehungen, Geld und Geltungsbedürfnis scheinen viel Raum einzunehmen, wahrhaftige Zuneigung und gleichberechtigte Beziehungen eine Seltenheit zu sein. 

Insgesamt ist Der blaue Express ein typischer Poirotfall, der Fans klassischer Kriminalromane auch heute noch Freude bereiten kann. 

 Agatha Christie, Der blaue Express. Atlantik, Hamburg 2018.

Friday, September 30, 2022

Andreas Steinhöfel - Rico, Oskar und das Mistverständnis

Rico, Oskar und das Mistverständnis ist der fünfte Band der Reihe von Andreas Steinhöfel um die gegensätzlichen Freunde. Obwohl sie als Freunde eigentlich eng zusammengewachsen sind, kracht es in einem ungünstigen Moment zwischen Rico und Oskar. Ersterer ist verliebt und letzterer hat Angst, seinen Freund deswegen zu verlieren, greift aber zu ungünstigen Mitteln, um ihn an sich zu binden. Dabei müssten sie eigentlich extra gut zusammen arbeiten, denn das Grundstück mit ihrem Spielplatz, der Treffpunkt für ihre "Gang", soll verkauft werden. Zunächst scheint die Lage hoffnungslos, denn die Besitzerin ist eine verbitterte, einsame alte Dame. Doch irgend etwas scheint merkwürdig an den Verkaufsplänen und so arbeiten Rico und Oskar an unterschiedlichen Fronten daran, den Hintergründen auf die Spur zu kommen. Dabei müssen sie wegen des Krachs zwangsläufig auf die Hilfe der anderen Freunde aus der Gang zurückgreifen. Das führt zu neuen Erkenntnissen zum Thema Freundschaft - was wiederum nicht so schlecht ist. Als sich die Ermittlergruppen schließlich wiedersehen, wendet sich (natürlich) alles zum Guten...

Bedingt durch die Trennung von seinem Freund Oskar meint unser Erzähler Rico, dass er die Geschichte nicht wie sonst komplett als Tagebuch aufschreiben kann, sondern er versucht sich an einer neuen Form der Erzählung, die er "Oscars kapitale Abenteuer" nennt und historisch versetzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielen lässt. Das hat seinen Reiz, wobei es einigen kindlichen Lesern vermutlich trotz Ricos Erklärungen dazu Schwierigkeiten bereiten wird. Ansonsten besticht Rico als Erzähler wieder durch seine nahezu geniale Art Dinge ganz einfach, aber sehr, sehr treffsicher zu beschreiben. Er wirkt in diesem Band deutlich selbstsicherer, berichtet auch, dass die Bingokugeln ihm seltener Probleme bereiten, hat aber dabei nicht seine kindliche Freude an allem Schönen verloren. Auch seine Beobachtungen zum Verhalten der Erwachsenen sind entlarvend und manchmal fast weise. Die Story ist insgesamt deutlich komplexer und auch dramatischer als in den ersten Bänden und dadurch sicherlich für eine etwas ältere Zielgruppe geeignet als beispielsweise Rico, Oskar und die Tieferschatten.
Die Lesung durch den Autor ist gewohnt großartig - insgesamt ist das Audiobook von Rico, Oskar und das Mistverständnis empfehlenswert für alle Fans der Reihe und des Autors.

Andreas Steinhöfel, Rico, Oskar und das Mistverständnis. Silberfisch 2020. 

Die übrigen Bände der Reihe:

#1 Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008)
#2 Rico, Oskar und das Herzgebreche (2009)
#3 Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2011)
#4 Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch (2017)
#5 Rico, Oskar und das Mistverständnis (2020)

Weitere Bücher von Andreas Steinhöfel - Eine Liste

Andreas Steinhöfel - Eine Liste

Andreas Steinhöfel (geboren 14. Januar 1962 in Battenberg) ist ein deutscher Schriftsteller. Er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Drehbücher und ist als Übersetzer tätig. 

Zum Blog des Autors: News from Visible

Die erfolgreiche Serie um Rico und Oskar: 

#1 Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008)
#2 Rico, Oskar und das Herzgebreche (2009)
#3 Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2011)
#4 Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch (2017)
#5 Rico, Oskar und das Mistverständnis (2020)


Die Mitte der Welt (1998) und Audiobook Rezension
Defender: Geschichten aus der Mitte der Welt (2001)


Dirk und ich (1991)
Paul Vier und die Schröders (1992)
Es ist ein Elch entsprungen (1995)
Beschützer der Diebe (1996)
Trügerische Stille (1998)
David Tage, Mona Nächte (1999)
Der mechanische Prinz (2003)
Anders (2014)

Sunday, September 25, 2022

Charlotte Habersack - Bitte nicht öffnen - Bissig!

Charlotte Habersacks Reihe "Bitte nicht öffnen" umfasst mittlerweile sieben Bücher und Bitte nicht öffnen - Bissig! ist das erste der Abenteuer, die Nemo und seine Freunde erleben. 

In der langweiligsten Stadt der Welt namens Boring (!) passiert eigentlich nie etwas - bis Nemo ein merkwürdiges Päckchen bekommt mit der Aufschrift "Bitte nicht öffnen!". Seine Eltern wollen, dass er es zurückschickt (an wen eigentlich?!), aber daran hält er sich natürlich nicht. Plötzlich schneit es mitten im Sommer, nachdem Nemo und sein Freund Fred einen plüschigen Yeti namens Icy-Ice-Monsta aus dem Päckchen befreit haben. Das "Kuscheltier" ist lebendig und wächst, wenn man es füttert - und gleichzeitig ist klar - es will wieder nach Hause! Doch wo ist das? Und wie bewahrt man den Yeti vor einem grauenvollen Schicksal, falls Erwachsene ihn entdecken sollten?

Habersack erzählt die Geschichte mit viel Humor und Sprachwitz (wenngleich der sich vielleicht nicht allen jungen LeserInnen erschließen wird) und mit einem gehörigen Maß an Action und Emotionen. Denn natürlich ist da auch noch etwas schräge Oda, die Nemo sehr toll findet...
Illustriert ist der Band von Fréderic Bertrand und die Hardcover-Ausgabe ahmt das Paket nach, bei dem man durch ein Loch in der Vorderklappe bereits ein Stückchen von dem gefährlichen Inhalt sehen kann.
Prima Story, schöne Ausgabe, sprachlich gelungen - was will man von einem Kinderbuch mehr?

Charlotte Habersack, Bitte nicht öffnen - Bissig! Carlsen, Hamburg 2016.

Saturday, September 24, 2022

Nur wenige erwählen wir

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. 

Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.

Ludwig Feuerbach  (1804-1872)

Friday, September 23, 2022

Tess Gerritsen und Gary Braver - Die Studentin

In Die Studentin erzählen Tess Gerritsen und Gary Braver die Geschichte einer unglücklichen Frau, deren Leidenschaft aus dem Ruder läuft. 

Taryn Moore studiert Literaturwissenschaft - in Boston, denn hier ist auch ihr Highschoolfreund Gary. Als der jedoch mit ihr Schluss macht, wendet sie sich ihrem Englischprofessor Jack Dorian zu, in dessen Ehe es kriselt, obwohl er seine Frau liebt. Aber er erliegt der Versuchung und ab diesem Zeitpunkt ist Taryn hinter ihm her... Dies decken schließlich auch die ermittelnden Polizisten auf, als sie Taryns vermeintlichen Selbstmord - einen Sturz vom Balkon - untersuchen. 

Die Studentin greift viele Klischees auf, viele der Handlungsweisen der Charaktere sind nahezu schmerzhaft vorhersehbar, wenngleich das Autorenteam diese mit weitgehend interessanten Lebensgeschichten ausstattet. Taryn hingegen bleibt durchweg unsympathisch, egozentrisch, wahnhaft in ihren Überlegungen und Taten. Das Spiel mit den unglücklichen Liebschaften in der Literaturgeschichte (e.g. Abelard und Eloise oder Romeo und Julia) und der unglücklichen Liebe von Taryn geht nicht auf: Die Rage, in der sie scheinbar so genial argumentiert, bleibt unglaubwürdig und blind angesichts ihrer eigenen Lebensausrichtung, nur etwas wert zu sein, wenn sie mit einem Mann zusammen ist. Angesichts der Tatsache, dass Gary Braver selbst einige Kurse in Literaturwissenschaft gelehrt hat, vermute ich, dass in dem Thriller mehr Braver als Gerritsen steckt, jedenfalls konnte mich das Buch (trotz der wie üblich guten Lesung von Anna Thalbach) nicht überzeugen.

Tess Gerritsen und Gary Braver, Die Studentin. Random House Audio 2021.

Sunday, September 18, 2022

H.D. Walden - Ein Stadtmensch im Wald

Als die Corona-Pandemie ausbricht, verkriecht sich der Autor H.D. Walden (eigentlich Linus Reichlin, Schweizer Schriftsteller und Journalist) in einer Hütte im Wald in Brandenburg, während seine Freundin als Krankenschwester im Krankenhaus extra Schichten erträgt. In Ein Stadtmensch im Wald berichtet er von seiner totalen Entschleunigung dort im Wald. Er liest, er beobachtet die Vögel und später auch Waschbär, Igel und Fuchs. Er hat keine Ahnung von Tieren und keine Erfahrung in der Natur. Schritt für Schritt nähert er sich den Tieren an, indem er sie füttert und mit ihnen spricht und dazwischen einige Google-Recherchen betreibt. Dabei betrachtet er seine Unkenntnis durchaus mit einer guten Portion Selbstironie und einige der Erlebnisse mit "seinen" Tieren sind wirklich witzig beschrieben. Später wird die Geschichte etwas schräg, als er den Waschbären, den er als sein Haustier betrachtet, vor dem vermeintlichen Abschuss einer Jägerin retten will und dafür mehrmals täglich zu einem Ansitz wandert. Er wird in der Idylle rastlos, während seine Freundin schon längst erkannt hat, dass er wieder unter Menschen muss.
Es ist ein kurzes Buch mit schönen Illustrationen von Elisa Rodriguez Scasso mit einigen unterhaltsamen Passagen, allerdings hat es mich an keiner Stelle völlig begeistern können, dafür war noch zu wenig Wald und zu viel Vermenschlichung der Tiere darin für meinen Geschmack, wenngleich ich den Gedanken, dass das Verbleiben in der Natur schließlich zu einer anderen Wahrnehmung von Zeit und dem, was wichtig ist, führt, bestechend finde. 

H.D. Walden, Ein Stadtmensch im Wald. Galliani, Berlin 2021.

Wednesday, September 14, 2022

Thomas Hettche - Herzfaden

Thomas Hettches Roman Herzfaden stand 2020 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Untertitelt ist Herzfaden mit Roman der Augsburger Puppenkiste und auf dem Cover bahnt sich Emma, die Lokomotive aus Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer ihren Weg durch eine Felsenlandschaft. Ganze Generationen sind mit den Figuren der Puppenkiste aufgewachsen, Urmel, Kalle Wirsch oder die Katze mit Hut.

In Hettches Geschichte gerät ein Mädchen nach dem Besuch einer Vorstellung auf den Dachboden der Spielstätte - und trifft dort auf die versammelten und lebendigen Marionetten der Puppenkiste und auf Hatü, die eigentlich Hannelore Oehmichen heißt, die Tochter des Gründers des Marionettentheaters. Sie erzählt dem Mädchen ihre Lebensgeschichte und dadurch auch die Geschichte des Theaters. Gleichzeitig wird die beschauliche Welt des Dachbodens mit all den liebenswerten Marionetten bedroht durch den "bösen" Kasper, der im Dunkeln lauert. Bald wird klar, dass für Hatü der Kasper alles verkörpert, was sie in der schlimmen Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges erlebt hat. Die Einberufung des Vaters, das "Verschwinden" der jüdischen Freunde und Bekannten, die Gefallenen und Verstorbenen, die Ängste der Bombennächte und die Zerstörung des ersten Puppenschreins. Hatü sucht lange nach ihrem Platz im Leben, stellt viele Dinge der Nachkriegszeit in Frage und bleibt dennoch dem Puppentheater treu. Die Erfolgsgeschichte, bei der die Puppenkiste den Sprung ins junge deutsche Fernsehen schafft (schon 1953!) und dadurch nationale Berühmtheit erringt, ist Hatü fast nicht geheuer, aber sie ist diejenige, die die unvergesslichen Figuren aus Holz erschafft. Ein paar Antworten auf ihre Lebenssinnfragen gibt ihr im Roman der Autor Michael Ende, den sie besucht, um ihm ihren Jim Knopf zu zeigen. Auch Saint-Exupery kommt durch einige Textpassagen aus Der kleine Prinz zu Wort, dessen Puppenfassung einer der ersten Erfolge der Puppenkiste war. Hettche verneigt sich quasi vor den beiden großen Autoren und ihren fantastischen und doch so wahren Geschichten, was ich sehr anrührend finde. Nicht ganz so überzeugend wie Hatüs Wahrnehmung von Krieg und seinen Folgen und dem zunehmenden Kommerz und der Ignoranz des Geschehenen in den Nachkriegsjahren finde ich die Rahmengeschichte des Mädchens auf dem Dachboden. Jede der Marionetten zeigt mehr Herz und Profil als dieses namenlose Kind, das wohl stellvertretend für die ganze Generation Heranwachsender stehen soll. Es geht zwar verändert aus der Begegnung mit Hatü und ihrer Geschichte hervor, die Erlösung des Kaspers griff mir aber zu kurz.
Alles in allem aber haben mir Hettches Geschichte und Erzählweise sehr gefallen und die Wiederbegegnung mit einigen meiner Kindheitslieblingsfiguren, an denen mein Herzfaden hängt, tat mir gut. 

Thomas Hettche, Herzfaden. Argon 2020.

Im Kopf ganz verzwirbelt

 

Saturday, September 10, 2022

J.D. Salinger - Der Fänger im Roggen

J.D. Salingers Der Fänger im Roggen steht in einer Uraltausgabe aus dem Jahr 1977, die eigentlich meiner Mutter gehört, in meinem Regal - vergilbte und eng bedruckte 156 Seiten über diesen Holden Caulfield.
Ich weiß, ich habe das Buch als Jugendliche schon einmal gelesen, erinnerte mich aber an fast nichts, außer, dass es mich beeindruckt hat.

Über den Inhalt kann man viel oder nichts sagen, in aller Kürze dies: Der 16jährige Holden fliegt zum dritten Mal wegen mangelnder Leistungen von einer Schule, ist angenervt von den Lehrern, den Mitschülern und der Gesellschaft im Allgemeinen. Er flieht eines Abends aus dem Zimmer seines Internats nach New York, vermeidet dort aber die Rückkehr in die elterliche Wohnung und streunt einige Zeit durch die Stadt. 

Entscheidend sind dabei seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen, von denen er manchen zufällig trifft, mit anderen verabredet er sich. Viele dieser Kontakte enden problematisch, mit Ablehnung, Streit oder sogar Gewalt. Holden ist deprimiert, wütend und hat keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen will. Die meisten Menschen widern ihn an, er fordert mehr Mitgefühl einerseits, empfindet andererseits aber Abscheu gegenüber den Normen, die Gesellschaft in geordnete Bahnen lenken. Der Tod seines Bruders und der Selbstmord eines Mitschülers haben ihn tief getroffen und sind kaum verarbeitet. Einzig die Beziehung zu seiner Schwester Phoebe hat für ihn großen Stellenwert, ansonsten kann er kaum Dinge benennen, die er mag.
Passend zum Weltschmerz Holdens ist der Erzählstil geprägt durch den häufig thematisch springenden, emotional-aufgeladenen Stream-of-Consciousness, wobei die Jugendsprache der in die Jahre gekommenen Übersetzung meiner Ausgabe inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Er ist ein zutiefst unzuverlässiger Erzähler, dennoch folgt man ihm und seiner ganz eigenen Wahrnehmung bereitwillig durch die New Yorker Nacht.

Hat mich Der Fänger im Roggen wieder beeindruckt bei der Wiederbegegnung? Ja. Vielleicht aber anders. Eine andere Wahrnehmung von Sprache, zahlreiche andere Coming-of-Age-Stories später,... Gefallen hat mir der Roman auch als Spiegel der 50er Jahre, mit gesellschaftlichen Klischees und einer ganz anderen Wahrnehmung von Gender und Sexualität. Faszinierend finde ich, wie dieses Buch gleichzeitig eines der am meisten zensierten und "verbotenen" Bücher sein kann und sich gleichzeitig auf zahlreichen Literaturkanons und unter den "100 best novels" (Radcliffe list) befindet. Viele Widersprüche, viele Fragen, auf die der junge Holden keine Antworten weiß, aber die man sich vielleicht in allen Alterstufen noch einmal neu stellen kann. 

J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen. rororo, Reinbek 1977.

Monday, September 05, 2022

Jeffery Deaver - Die Menschenleserin

Neben seinem erfolgreichen Ermittlerduo Rhyme und Sachs lässt Jeffery Deaver auch Kathryn Dance in immerhin vier Fällen ermitteln, wobei seit 2015 kein neuer Fall erschienen ist. Die Menschenleserin ist der erste Band.

Dance ist Verhörspezialistin beim California Bureau of Investigation und soll den Psychopathen Daniel Pell verhören, der vor Jahren eine ganze Familie auslöschte - mit Ausnahme der jüngsten Tochter. Doch kurz nach dem Verhör gelingt Pell die Flucht. Dance soll nun die Maßnahmen zu seiner Ergreifung koordinieren und es beginnt eine Jagd nach dem Täter, der aber auf Hilfe angewiesen ist. Er manipulierte von jeher Frauen, die für ihn scheinbar alles zu tun bereit sind...

Die Story ist gut konstruiert, Kathryn Dance eine sympathische und intelligente Protagonistin, eingebettet in eine familiär-persönliche Rahmenstory. Sie ist sozialer als Rhyme, weiß sich aber schlussendlich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen, trotz gelegentlicher Selbstzweifel. Allein das Ende nahm - wieder einmal - für meinen Geschmack eine Extrawendung zuviel, so dass es am Ende etwas brauchte, um alle losen Fäden zurechtzuknoten. Insgesamt aber eine gelungene Abwechslung zu Lincoln Rhyme, der nicht mehr immer für Begeisterung sorgt (was aber nach meinem 13. gelesenen Fall mit ihm auch nicht verwundert und irgendwie dann ja doch für die Reihe spricht....). 

Jeffery Deaver, Die Menschenleserin. Random House Audio 2009.


 

Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Prize for Fiction (and several other prizes) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prizes but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Sunday, July 31, 2022

Lars Kepler - Der Spiegelmann

Joona Linnas achter Fall Der Spiegelmann beginnt mit einem ermordeten Mädchen auf einem Spielplatz. Auf perfide Art ist Jenny Lind an einem Klettergerüst erhängt worden - nachdem sie fünf Jahre lang verschwunden war! Schon bald wird klar, dass sie nicht das einzige Opfer ist und Linna nimmt die Spur auf. Parallel dazu erleben wir mit, Pamela nach dem Verlust ihrer Tochter vor einigen Jahren mit zahlreichen Problemen kämpft: Ihr Mann Martin leidet unter schweren psychischen Problemen, sie selbst trinkt zuviel und ob die Adoption von Mia, einem Mädchen im Alter ihrer Tochter, klappen wird, ist ungewiss. Da wird ausgerechnet Martin Zeuge des Mordes von Jenny Lind, wie die Überwachungskameras zeigen. Doch er kann sich an nichts erinnern. Erst die Hypnose durch Erik Maria Bark (siehe Der Hypnotiseur) hilft, erste Hinweise zu finden. Doch der Täter will verhindern, dass Martin der Polizei hilft, und entführt Mia. Unter großem Zeitdruck beginnt die Suche nach der Identität des Mörders und seinem Versteck...

Das Autorenteam Lars Kepler hat einen höchst spannenden Thriller verfasst, dessen Plot geschickt aufgebaut ist und dessen Charaktere nicht enttäuschen. Auffällig war allerdings eine Steigerung der Brutalität der Handlung. Dies hat mich erstmalig wirklich gestört, da ich es auch nicht als essentiell für den Fortgang der Geschichte empfunden habe. Einerseits wird viel Zeit darauf verwendet, Traumata und psychische Befindlichkeiten darzustellen, andererseits lässt es die Beteiligten scheinbar kalt, dass ein Kollege bei einem Einsatz brutal getötet wird, alle machen weiter, als wäre nichts gewesen. Insgesamt wirken manche Aspekte und Szenen übertrieben und dadurch surreal bis unrealistisch. Kann man darüber hinwegsehen, so ist Der Spiegelmann durchaus empfehlenswert. 

Lars Kepler, Der Spiegelmann. Lübbe, Köln 2020.

Thursday, July 21, 2022

T.C. Boyle - Dr. Sex

Als Alfred Kinseys Reports über Sexual Behaviour 1948 (Männer) und 1953 (Frauen) erschienen, war die Entrüstung groß. Niemand hatte zuvor Studien über das menschliche Sexualleben veröffentlicht und so schlugen die Publikationen des US-amerikanischen Biologen große Wellen. Für seine Ergebnisse hatte er erstmals konkrete Befragungen von Männnern und Frauen mit einem umfangreichen Fragenkatalog erhoben, der u.a. auch homosexuelle Erfahrungen einbezog – allein dies sorgte schon für große Entrüstung.

2004 veröffentlichte T.C. Boyle seine literarische Darstellung der Recherche-Phase Kinseys unter dem Titel Dr. Sex (Original: The Inner Circle). Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters, John Milk, der zunächst noch als Student Interesse für Kinseys Forschungsgebiet enntwickelt. Er gehört dann später zum inneren Kreis derjenigen, die Daten erheben und auswerten. Pararallel dazu wird aber auch deutlich, dass Kinsey selbst durch seine hohen Ansprüche und seine ausgelebte eigene sexuelle Freiheit keine einfache Persönlichkeit war. Hier greift Boyle Gerüchte über   homosexuelle Beziehungen oder auch Gruppensex mit den verheirateten Partner innerhalb der Kinsey-Gruppe auf, die offiziell nie bestätigt werden konnten. Die Ehefrau John Milks ist es schließlich, wegen der es in einer Szene des Romans schließlich zu einem Bruch mit diesen Praktiken kommt und Milk seine eigene Positiion überdenken muss. Zentrale Frage ist nicht die nach der Normalität oder Moral verschiedener sexueller Handlungen, sondern eher die nach einer Trennung von wissenschaftlicher Arbeit und emotionaler Involviertheit. Vermissen lässt Boyle in seinem Roman eventuell eine Beleuchtung der Arbeitsweise und auch der Ergebnisse Kinseys. Auch die Frage nach der Bedeutung seiner Arbeit wird nicht beantwortet. Zwar wird Kinseys plötzlicher Erfolg nach seinen Veröffentlichungen kurz dargestellt, aber die gesellschaftlichen, politischen (z.B. für Homosexuelle) und wirtschaftlichen (in Hinsicht auf weitere Forschung) Folgen bleiben unerwähnt. So bleibt Dr. Sex eher eine sehr persönliche Beleuchtung eines fiktiven Kinseys – da wäre vielleicht mehr möglich gewesen…

Die Lesung von Jan-Josef Liefers hat mir gut gefallen, er setzt die durch den Erzähler John Milk von sich selbst geforderte Ehrlichkeit auch stimmlich gut um.

 

T.C. Boyle, Dr. Sex. Hörverlag 2005. 

Wednesday, July 20, 2022

Pink - Irrelevant

Nothing but irrelevant… 


The kids are not alright
None of us are right
I'm tired but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive
The kids are not alright

None of us are right
I'm tirеd but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive…

 

Sunday, July 17, 2022

Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera veröffentlichte seinen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins 1984 aus dem französischen Exil, denn er kehrte nach einer Gastprofessur in Rennes ab 1975 nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück. Die Themen, die ihn auch in diesem Roman beschäftigen, sind die universellen der Liebe und des Lebens, aber auch der Kommunismus in seinen ganz konkreten Erscheinungsformen.
Eher als Anlass für philosophische Überlegungen berichtet der durchaus nicht gerade zuverlässliche Erzähler die Geschichte von Teresa und Thomas. Ein mehrfacher Zufall bringt die Kellnerin und den Arzt im Prag der 60er Jahre zusammen. Obwohl Thomas Teresa liebt, ist er ihr in Serie untreu, er behauptet, seine erotischen Abenteuer zu brauchen. Die unsichere Teresa will weg von der Abhängigkeit zur Mutter, begibt sich aber statt dessen in eine neue emotional ungleiche Beziehung, wobei sie ihre Schwäche dazu benutzt, Thomas trotz allem an sich zu binden. 
Anhand der Protagonisten und einiger Nebenfiguren wird außerdem geschildert, wie die Ereignisse des Prager Frühlings und der daran anschließenden Zeit Einfluss auf das Leben Einzelner sowohl in der Tschechoslowakei als auch für Exilanten hatte. Kundera lässt seinen Erzähler außerdem phasenweise das Politische mit dem Philosophischen verknüpfen, indem er ihn reflektierend aus der Geschichte heraustreten lässt, die Beziehungen der Figuren analysiert und weitere Gedankengänge beispielsweise zum „Leichten und Schweren“ oder zu „Körper und Seele“ folgen lässt. 
Manche Überlegungen wirkten auf mich leicht esoterisch und wenig glaubhaft, anderes fand ich bedenkenswert. Mit dieser Art des Erzählers hatte ich allerdings so meine Schwierigkeiten, gewinnt man doch den Eindruck, seine Figuren seien für ihn zweitrangig und ihr Schicksal beliebig. Anrührend fand ich allein die Bedeutung, die der Hund Karenin für Teresa und Thomas erhält, auch wenn die Überlegungen zu Massentierhaltung und zur Philosophie (Nietsches Tierethik) dem wieder etwas störend entgegengestellt werden.
Insgesamt war Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ganz und gar kein leichtes Leseerlebnis, sondern enthielt eher Schweres und Sperriges und war damit eine Begegnung, die ich nicht wiederholen muss. 


Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Random House Audio 2015.

Saturday, July 16, 2022

Eduard von Keyserling - Wellen

Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte seinen Roman Wellen 1911 in der Zeit des literarischen Impressionismus. 

Die Figuren des Romans befinden sich alle zur Sommerfrische an der Ostsee in eigens für sie eingerichteten Häusern, während die einheimischen Fischer und ihre Familien sich in Nebengebäude zurückziehen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das aufsehenerregende Pärchen Doralice und Hans. Doralice hat ihren adligen Ehegatten verlassen, um mit dem Maler Hans zusammen sein zu können. Ihre Anwesenheit stört das gesellschaftliche Denken der Familien von Buttlär und Palikow, aufgrund der räumlichen Nähe am Strand begegnen sie sich jedoch zwangsläufig, was zu emotionalen Wirrungen führt, als die Töchter der Familie Doralice anhimmeln und der Verlobte einer der Töchter glaubt, sich in sie verliebt zu haben. Einzig der Geheimrat Knospelius scheint die Lage so hinzunehmen, wie sie ist, und sich mit allen gut verstehen zu wollen. Eine besondere Rolle fällt dem stets gegenwärtigen Meer zu, dessen titelgebende Wellen das Geschehen und vor allem die Stimmungen stark beeinflussen. Getreu dem impressionistischen Gedanken spielen die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Wahrnehmung – sei es in tatsächlichen Schilderungen oder in Träumen – eine gravierende Rolle. Die Darstellung des Meeres als natürlichem Protagonisten der Geschichte war sehr interessant, während mir Doralice als übernatürliche Schönheit, der alle erliegen, mir zu konstruiert und zu bedürftig erschien. Ihre Unzufriedenheit und ihr ständiges Bedürfnis nach Bestätigung wird schlussendlich durch das Meer abgestraft. 

Insgesamt ein recht lesenswerter Klassiker, der zu Unrecht wenig beachtet wird.

 

Eduard von Keyserling, Wellen. SZ Bibliothek Band 30, München 2004.