Monday, April 18, 2022

Rother Wanderführer: Mosel mit Traumpfaden und Moselsteig-Seitensprüngen

Dieser Rother Wanderführer von Thorsten Lensing bietet 50 Wandertouren im Moselgebiet. Er beinhaltet nicht den bekannten Moselsteig, sondern Rundwanderungen, die manchmal Teilstrecken des Moselsteigs beinhalten.
Aufgebaut ist er wie bei Rother üblich:
Es gibt eine grobe Übersichtskarte, wo welche der durchnummerierten Touren liegen.
Im Inhaltsverzeichnis wird noch einmal in Teilgebiete aufgegliedert: Untermosel, Mittelmosel, Obermosel, Saar und Ruwer.
Es gibt drei farblich gekennzeichnete Schwierigkeitsstufen (blau, rot, schwarz) und ungefähre Angaben zur Dauer. Für Kilometerangaben muss man sich die Höhenprofile bei den jeweiligen Touren ansehen. Die Information wünschte man sich eigentlich in der Übersicht, aber man gewöhnt sich bei Rother zwangsläufig daran.
Zudem werden auch einige Top-Touren gekennzeichnet, zu denen es auf den ersten Seiten zusätzliche Bemerkungen gibt.
Alles ist übersichtlich und praktisch - vor allem bietet der Verlag nun auch den Download von GPS-Tracks an, so dass eine Navigation durch eine entsprechende App erfolgen kann, was deutlich angenehmer ist als mit der Textbeschreibung im Wanderführer. Für die Auswahl, welche Tour man machen will, ist der Wanderführer wie gewohnt sehr hilfreich.

Thorsten Lensing, Mosel mit Traumpfaden und Moselsteig-Seitensprüngen. Rother, München 2021.

Bernhard Grzimek - Serengeti darf nicht sterben

Bernhard und Michael Grzimeks Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben gewann als erster deutscher Film nach dem zweiten Weltkrieg einen Oscar, nämlich 1960 in der Kategorie Dokumentarfilm. Gedreht hatten die beiden während ihren intensiven Forschungstätigkeiten in den späten 50er Jahren in der Serengeti, damals im Gebiet von Tanganjika, dem Festlandgebiet des heutigen Tansania. Es stand zur Diskussion, Teile des damals schon existierenden Nationalparks freizugeben. Die Grzimeks fanden heraus, dass die Migrationswege der großen Tierherden dadurch massiv beeinträchtigt wurden. Ihre Foschungsergebnisse halfen, dass die betroffenen Areale zu Schutzgebieten erklärt wurden, wenngleich sie auch nicht mehr zum Nationalpark gehörten.

Das gleichnamige Buch verfasste ursprünglich Michael Grizimek während der Forschungsreisen und Dreharbeiten zum Film. Nach dessen tödlichem Flugzeugabsturz (ausgelöst durch einen Beschädigung der Maschine durch einen Zusammenstoß mit einem Vogel) vollendete Bernhard Grzimek das Buch und ergänzte es offenkundig mit seinen Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit seinem Sohn. Dadurch verschwimmen die Genregrenzen des Buches: Es ist zwar ein Sachbuch, das über Geographie, Flora und Fauna, aber auch von den Bewohnern des Gebiets berichtet, aber es enthält viele Anekdoten, Zitate, die das Verhältnis von Mensch und Tier kommentieren, viele persönliche biographische Begebenheiten und es hat auch wissenschaftliche Elemente bezüglich der Tiermigration, dem eigentlichen Anlass für die Expedition der Grzimeks.

Aus heutiger Sicht mit über 60 Jahren Abstand ist es interessant zu sehen, wie Grzimeks schon damals eine andere Sichtweise auf den Tierschutz, die Jagd und die Verantwortung des Menschen für sein Ökosystem eingenommen hat. Sein intensiver Wunsch, die Serengeti zu erhalten entgegen aller wirtschatflichen und vergnügungssüchtigen Interessen, verdient Hochachtung. Er dachte dabei nicht nur an die Tiere, sondern auch an kommende Generationen, die dieses Wunder der Natur ebenfalls erleben können sollten. Spannend ist auch, wie für dieses Projekt erst Instrumente erdacht werden mussten, um die nötigen Daten erfassen zu können. Dazu zählt das berühmte zebragestreifte Flugzeug, mit dem in Streifen die Serengeti überflogen wurde, um die Herden der migrierenden Tiere zählen zu können (in Dreierteams, um die Richtigkeit der ungefähren Zahlen sicherzustellen). Auch die Markierung einzelner Tiere mit Banderolen und Ohrmarken, um sie auch aus der Luft wiedererkennen zu können, stellte eine neue Idee dar. An diesen Beispielen wird klar, wieviel Aufwand Grzimeks betrieben, um ihre Erkenntnisse zu gewinnen.

Ursprünglich hatte ich das Buch gekauft, um es während meiner Tansaniareise 2019 zu lesen. Da mein e-reader das Buch zunächst nicht anzeigen konnte, blieb es bis heute ungelesen. Jetzt bin ich all den wunderbaren Erlebnissen dieser besonderen Reise durch das Buch wiederbegegnet: Den Landschaften und Orten, den Menschen und allen voran den Tieren. Am Ende des Buches von Michael GrzimeksTod zu lesen und sein Grabmahl am Kraterrand von Ngorongoro gesehen zu haben war anrührend.
Die folgenden Fotos stammen von meiner Reise.

Blick in den Ngorogoro-Krater

An einem Wasserloch

Elefanten in der Serengeti - es sind inzwischen mehr als zu Grzimeks Zeiten!

Friday, April 15, 2022

H.G. Wells - The Time Machine

H.G. Wells' (1866-1945) classic novella The Time Machine (1895) was the first science fiction story that mentioned a device with which one can travel through time. In fact, he coined the phrase for all other time travellers' stories.
The story is not too complicated: The protagonist, a Victorian English scientist, tells his guests at a dinner party that a) time is the fourth dimension and b) he invented a device with which he can travel through time. He also tries to prove his theory with a smaller prototype of this device which disappears from a table.
A week later he arrives disheveledly in front of his guests and tells the story of his time travel from which he has just returned. On his own recount, he went to the year A.D. 802,701. He found two different kinds of creatures there, the small and peaceful Elois and the frightening Morlocks. While the Elois live happily above ground and seem to be content with a very simple life, the Morlocks exist underground and only come out in the darkness and apparently feed on the Elois although they also seem to work to keep them carefree.
The Morlocks had taken the time traveller's machine and he had to fight to get it back. After several adventures and a somehow romantic relationship with one of the Eloi he suceeded and was able to return home after some more time travelling into the far future of the earth.
His dinner guests aren't sure whether to believe him. One of them returns on the next day only to witness the time traveller disapperaring with his machine - never to come back. 

Apart from the fascinating idea of the time machine, H.G. Wells' readers might have been interested to read about his time traveller's theories on how the Elois and the Morlocks descended from the present humans in the 19th century. As a socialist, these theories had to do with industrialism, capitalism and the working class. Though things have definitely changed since Wells' times, the gap between rich and poor couldn't be greater which is why The Time Machine - apart from being an important story in the development of science fiction literature - is still a valuable read and rightly a classic. 

I enjoyed listening to this librivox recording of the story - I like to thank all the volunteers who put a lot of time and effort into recording these audiobooks. 

H.G. Wells, The Time Machine. Librivox 2011. 

Wednesday, April 13, 2022

Daniel Glattauer - Gut gegen Nordwind

Ab und an muss man etwas außerhalb der Komfortgenres lesen. Romane mit romantischer Ausrichtung gehören definitiv nicht zu meinen Favoriten - wie bereits mehrfach erwähnt. Nun sollte Gut gegen Nordwind von Daniel Glattauer anders sein. Das zugrunde liegende Schreibkonzept: Maildialog zwischen Mann (Leo) und Frau (Emmi), keine Prosa im eigentlichen Sinne, keine Dialoge, eher Briefroman aus zwei Perspektiven. So weit, so einfach. Funktioniert phasenweise ganz gut, es gibt sprachliche witzige Stellen in dieser "Unterhaltung", aber handlungstechnisch reicht mir das nicht. Die Charaktere erhalten zu wenig Tiefgang und vor allem zu wenig Entwicklung, um wirklich interessant zu sein. Das alles liest sich flüssig weg und man ahnt schon, wie das ganze enden wird, ehe es noch so richtig angefangen hat. Scheinbar war ein Großteil der Leserinnen über das Ende entsetzt - weswegen Glattauer scheinbar noch einen zweiten Band für Leo und Emmi geschrieben hat. Ob das dann lesenswerter und tiefgründiger ist, wage ich vorsichtig anzuzweifeln. Dieser Ausflug in die Gefilde der Liebesromane hat sich jedenfalls für mich nicht recht gelohnt. Quod erat demonstrandum.

Daniel Glattauer, Gut gegen Nordwind. Deuticke 2006.


Tuesday, April 12, 2022

Andreas Gruber - Todesurteil

Es ist Jahre her, dass ich Andreas Gruber ersten Fall um den exzentrischen Marteen S. Sneijder, Todesfrist, gelesen habe, das mir damals trotz seiner Grausamkeit gut gefallen hatte. Der zweite Band Todesurteil steht dem in nichts nach. Grausame Dinge geschehen und Sneijder steigt gedanklich in den "Schlund der Hölle", um dem Täter näherzukommen. Auch Sabine Nemez ist wieder mit von der Partie, sie wurde von Sneijder angefordert, an der Akademie des BND in Wiesbaden eine Ausbildung zu absolvieren. Doch kaum ist sie dort angekommen, wird sie schon in verschiedene Fälle hineingezogen. Ihr ehemaligen Lebensgefährte Erik liegt im Dienst angeschossen im Koma - was hat er ermittelt, dass ihn zur Zielscheibe werden ließ?
Gleichzeitig ermittelt die Wiener Staatsanwältin Melanie Dietz im Falle eines jungen Mädchen, das ein Jahr nach seiner Entführung plötzlich an einem Waldrand auftaucht - mit grausamen Tätowierungen aus Dantes Inferno auf dem Rücken.
Gruber lässt sich Zeit mit der Entwicklung der beiden Erzählstränge, was manchmal zu erzählerischen Längen führt. Beide Protagonistinnen haben einen Hang, sich nicht an die Regeln zu halten zugunsten ihrer Ermittlungen und erhalten zum Glück auch immer Unterstützung von dritter Seite. Die Fälle zeichnen sich durch große Grausamkeit aus, die zum Teil auch detailliert geschildert werden. Verschiedene Ermittlungserfolge führen schließlich schrittweise zu der Erkenntnis, wie die Fälle zusammenhängen - natürlich nicht ohne entsprechende, dramatische Showdowns an beiden Schauplätzen.
Trotz der beiden starken Protagonistinnen stiehlt ihnen Sneijder dennoch die Sympathiepunkte - er ist einfach ein starker Charakter trotz seiner vielfältigen Macken und der ungenießbaren harten Schale.
Vermutlich nicht mein letzter Gruber - muss auch nicht wieder Jahre dauern bis zum nächsten! 

Andreas Gruber, Todesurteil. Hörverlag 2015.

Stefanie Höfler - Mein Sommer mit Mucks

Stefanie Höflers Mein Sommer mit Mucks erzählt die Geschichte der 11jährigen Zonja (mit Z), die wie ihr Name ein bisschen anders ist. Sie ist neugierig, stellt eine Menge Fragen und eckt damit auch oft bei ihren Mitschülern an. Deswegen ist sie nicht sehr begeistert von den Sommerferien, in denen sie ihre Lehrer und den Hausmeister nicht mehr nach den skurilen Sachen fragen kann, die sie in einer Liste mit sich herumträgt. Statt dessen geht sie ins Freibad, weil sie dort am besten Menschen beobachten kann. Und plötzlich fällt ihr ein schlacksiger Junger auf, der beinahe im Schwimmbad ertrinkt und den sie - ein bisschen - rettet. Sie freunden sich an, verbringen den Sommer Scrabble spielend im Freibad. Zonja, die mit einer sehr liebevollen und unterstützenden Familie aufwächst, begreift nach und nach, dass bei Mucks - so nennt sich der Junge - einiges nicht ganz so gut läuft... Dahinter verbirgt sich die Geschichte eine Familie auf der Flucht vor einem gewalttätigen Vater, der schließlich Zonja und Mucks wieder auseinandertreibt. 

Die Autorin verpackt die Geschichte äußerst sensibel und aus dem Blickwinkel der wohlbehüteten Zonja öffnet sich auch der Blick auf für die Leser auf die Probleme gewaltbelasteter Familien. Mein Sommer mit Mucks hat das Potenzial aufmerksam zu machen auf die Anzeichen von Gewalt in Familien und vor allem Verständnis zu wecken. Das Buch war meines Erachtens zu Recht nominiert für den Deutschen Kinderbuchpreis.

Stefanie Höfler, Mein Sommer mit Mucks. Beltz und Gelberg, Weinheim 2015.

Monday, April 11, 2022

Morten Harket - My Take on Me

Morten Harket erzählt in My Take on Me seine persönliche Geschichte und seine Sicht auf die Entstehung und den Erfolg von a-ha. Er beschreibt seine musikalische Reise bis zur ersten Trennung der Band ohne aber auf die folgende Solokarriere weiter einzugehen. Am beeindruckendsten ist vielleicht Harkets Wahrnehmung der großen Gruppen von Fans, die vor allem ihn als (gut aussehenden ;) Frontmann und Sänger belagerten und verfolgten. Er bleibt dabei respektvoll den Fans gegenüber, verdeutlicht aber auch, wie belastend er den Verlust jeglichen Privatlebens empfunden hat. Nachvollziehbar. Er betont außerdem, dass der kommerzielle Erfolg als Pop-Band dazu führte, dass der musikalische Werdegang der Band und ihrer Mitglieder dadurch eher ausgebremst wurde. Interessa
nt wäre gewesen, wie er die danach noch folgenden Alben diesbezüglich bewerten würde, die nach den Solokarrieren der drei wieder als a-ha erschienen sind. Insgesamt war diese Biographie unterhaltsam, brachte aber auch keine tiefgründigen Erkenntnisse. 

Morten Harket, My Take on Me. Edel, Hamburg 2016.

Sunday, April 03, 2022

Isabel Allende - Was wir Frauen wollen

Als Was wir Frauen wollen 2020 erschien, war Isabel Allende 78 Jahre alt und glücklich verheiratet mit ihrem dritten Ehemann.
In sehr kurzen Kapiteln, eher Abschnitten oder Gedanken, geht Allende genau der Frage nach, die der Titel suggeriert: Was wollen Frauen eigentlich? Und daran anschließend der Folgefrage: Was hindert Frauen daran, zu bekommen bzw. zu erreichen, was sie wollen? 

Einige der Gedankengänge sind dabei sehr persönlicher und biografischer Natur, sie denkt viel über ihre Mutter, Großmutter und auch die männlichen Familienmitglieder nach, die sie geprägt haben. Dabei ist sie zwar kritisch, aber immer liebe- und verständnisvoll.
Deutlicher wird sie, wenn sie über den Machismo, das Patriarchat spricht. Sie spricht über geschichtliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Strukturen und über das Interesse von Männern, diese zu erhalten, weil das bestehende System ihnen Vorteile bringt. Sie rechnet ab mit all den Grausamkeiten, unter denen Frauen fast überall auf der Welt zu leiden haben. Sie spricht über das Recht über den eigenen Körper bestimmen zu können - und denkt dabei über Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Verbot von Abtreibungen, Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung nach. Sie spricht über Gleichberechtigung - und legt den Finger in die Wunde ungleich bezahlter Arbeit, die immer noch bestehende männliche Dominanz in vielen Berufsfeldern, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Kunst. 

Sie spricht über Feminismus und dass dieser einschüchternd wirke, weil er "radikal daherkommt oder als Hass auf die Männer verstanden wird" - das haben wohl alle, die sich mit Feminismus beschäftigen schon einmal gehört. Sie definiert daher (S.19f.):

"Und worin besteht nun mein Feminismus? Dass es nicht darauf ankommt, was wir zwischen den Beinen, sondern was wir zwischen den Ohren haben. Er ist eine philosophische Haltung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer. Er ist eine Form, die Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen und auf die Welt zu schauen, er setzt auf Gerechtigkeit, kämpft nicht nur für die Emanzipation von Frauen, von schwulen, lesbischen und queeren Menschen (LGBTQIA+) und allen anderen, die durch das System unterdrückt werden, sondern von jeder Person, die sich anschließen möchte. Herzlich willkommen, würden die jungen Leute heutzutage wohl sagen: Je mehr wir sind, desto besser."

Einverstanden. 

Natürlich sind Allende Gedanken nicht alle neu und vielleicht sind sie auch nicht an allen Stellen zuende gedacht oder werden zu sehr vermischt mit ihrem eigenen Erleben. Aber es sind auch ihre persönlichen Erinnerungen und Beweggründe zu ihren Gedanken, die Was wir Frauen wollen zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen. Diese teils emotionalen Betrachtungen der gleichzeitig faktisch klar belegbaren Ungleichheit der Geschlechter spiegeln die weibliche Sicht auf die Welt und unterstreichen damit die Notwendigkeit, dass Frauen mehr Macht auf die Geschicke Welt ergreifen müssen, um die Gesellschaft - vielleicht - in eine bessere Zukunft zu lenken. Angesichts der ersten Monate der Corona-Pandemie schließt Allende ihr Buch mit folgendem Gedanken (S. 184f.):

"Wir wollen eine Welt, in der es Schönheit gibt, und nicht nur von der Art, die sich mit den Sinnen erfassen lässt, sondern auch eine Schönheit, die man wahrnimmt, wenn das Herz offen ist und der Geist klar. Wir wollen einen sauberen Planeten, bewahrt vor jeder Form von Aggression. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründet. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschließt und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieden herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt. Danach streben wir guten Hexen. Was wir uns wünschen, ist kein Luftschloss, es ist ein Vorhaben. Zusammen können wir Frauen das erreichen."

Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Suhrkamp, Berlin 2021.

Sunday, March 27, 2022

Terry Pratchett - Das Erbe des Zauberers

Nach einer kurzen Gewöhnungsphase an die immer wieder überraschend andere Stimme von Katharina Thalbach war das Audiobook Das Erbe des Zauberers von Terry Pratchett ein großer Genuss. Denn tatsächlich passt Thalbachs Stimme prima zu der Perspektive der Hexe Granny Wetterwachs. Es ist einer der frühen Scheibenweltromane (erstmals erschienen 1987) und der erste Band um die Hexen, die gleich in Kontrast gesetzt werden zu den Zauberern, denen sie in Ankh-Morpork begegnet. Denn leider ist einem sterbenden Zauberer ein Missgeschick passiert, als er seinen mächtigen Zauberstab versehentlich einem Mädchen übergibt, von dem er dachte, es sei der achte Sohn eines achten Sohnes. Eskarina, so der Name des Mädchens, zeigt magische Talente, lernt viel von Granny Wetterwachs, aber "nur" Hexe zu sein genügt nicht, sie soll an die Unsichtbare Universität. Es folgt eine spannende und urkomische Geschichte - halb Roadmovie durch die Scheibenwelt, halb feministischer Feldzug der Hexe und eines trotzigen Kindes, dass sich nicht sagen lassen will, was es tun kann oder nicht tun kann. Zahlreiche wundervoll witzige Bemerkungen (LOL im wahrsten Sinne der Abkürzung!), scharfsinnige Dialoge und Pratchetts übersprudelnde Ideen für diese noch neue Fantasywelt machen Das Erbe des Zauberers zu einem echten Vergnügen. Einiges wirkt noch ein wenig ungeschliffen, noch nicht so ausgefeilt, wie es im Laufe der Geschichte der Scheibenwelthistorie dann vom Autor ausgearbeitet wird, aber das stört einen Fan natürlich nicht. 

Terry Pratchett, Das Erbe des Zauberers. Random House Audio 2016. 

 zur Übersicht der Pratchett-Scheibenwelt-Romane

Sunday, March 20, 2022

Mariana Leky - Erste Hilfe

So gut wie in jeder Rezension zu Erste Hilfe von Mariana Leky schreiben die LeserInnen, dass es nicht so gut war wie Was man von hier aus sehen kann. Zwischen dem Erscheinen dieses kurzen Romans 2004 und dem "Okapi" liegen 13 Jahre, in denen die Autorin sich ganz offensichtlich weiterentwickelt hat. Es ist eher unfair, sie zu vergleichen. 

In Erste Hilfe geht es um die Freundschaft der Ich-Erzählerin mit Matilda und Sylvester. Matilda leidet an einer Angststörung und eines Tages schafft sie es nicht mehr, eine Straße zu überqueren, und zieht daher kurzfristig bei Sylvester und der Ich-Erzählerin ein. Zusammen gehen die drei das Problem an, teilweise auf sehr pragmatische, dann wieder auf recht ungewöhnliche Weise. Dabei wird klar, dass auch Sylvester und die Erzählerin die ein oder andere ungelöste Problematik in sich tragen. Eine Verhaltenstherapie bringt Matilda schließlich dazu, wieder die Macht über ihr Leben zurückzugewinnen, bei den beiden anderen bleibt offen, wie es mit ihnen weitergeht. 

Die Charaktere sind ungewöhnlich - vor allem was die klare Beschreibung ihrer Unzulänglichkeiten angeht. Hier wird nichts beschönigt, alle sind in einer Weise "beschädigt", nehmen sich selbst oft negativ wahr, während sie sich gegenseitig stützen. Ihrer Freundschaft liegt eine tiefe Akzeptanz (und Liebe) zugrunde, die sie zusammen stark, ja erst überlebensfähig werden lässt. Ganz nebenbei bricht Leky auch noch eine Lanze für die Menschen mit Angststörungen, indem sie deren Vielfalt sachlich darstellt und vor allem ihre Häufigkeit betont. Man sieht die Ängste und Zwänge der Menschen nicht von außen, aber die Statistik spricht für sich: 

"Die Gruppe der Angststörungen ist die häufigste psychische Störung. Circa 10 bis 14 Prozent der Bevölkerung leiden unter einer behandlungsbedürftigen Angststörung. Jeder Vierte leidet im Laufe seines Lebens zu irgendeinem Zeitpunkt an einer Angststörung. (...)" [Quelle: psychiatrie.de]

Insgesamt hat mir Erste Hilfe gut gefallen, wenngleich mir die Charaktere nicht sonderlich nahe gekommen sind. 

Mariana Leky, Erste Hilfe. Dumont, Köln 2014 (erstmals 2004).

Friday, March 18, 2022

Otfried Preußler - Der kleine Wassermann

Der kleine Wassermann von Otfried Preußler zählt zu den deutschen Kinderbuchklassikern und stammt aus dem Jahr 1956. Obwohl einige Szenen vielleicht in die Jahre gekommen sind, so ist die fantastische Unterwasserwelt, die Otfried Preußler kreiert, doch immer noch wunderbar. Der kleine Wassermann ist Entdecker und macht Blödsinn, schließt Freundschaften und entwickelt einen Gerechtigkeitssinn.
Die kurzen Episoden enthalten kleine Wahrheiten und lassen den Leser mit dem kleinen Wassermann wachsen. Die Lesung von Florian Lukas ist eher ruhig und passt zu dem gemäßigten Tempo des Kinderbuchs.

Otfried Preußler, Der kleine Wassermann. DAV 2011.

Wednesday, March 09, 2022

Arto Paasilinna - Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle

Arto Paasilinnas Roman Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle handelt von Lauri und Kalle, die einen Apparat erfinden, der Gebete, Predigten und religiöse Gesänge aufnehmen, wiedergeben und später wohl auch erzeugen kann. Sie begeben sich auf eine Reise, um für diese Gebetsmühle, wie sie den Apparat nennen, Produktionsstätten und Absatzmärkte zu erschließen. Dabei lassen sie sich von einer absurden Idee zur nächsten treiben und auf wundersame Weise gelingen ihnen auch noch die sonderlichsten Pläne.
Ich habe das Buch etwa zu einem Drittel gelesen und etwa an dieser Stelle treffen sie den Dalai Lama, der den Apparat super findet und sich von den beiden zwei Mungos schenken lässt, die Lauri und Kalle zuvor von einer chinesischen Delegation geschenkt bekommen haben... Paasilinna ist ein humoristischer Autor, der für seine skurrilen Geschichten bekannt ist. Erfahrungswerte zeigen, dass man ihn wohl entweder liebt oder blöd findet. Ich kann mich nicht erinnern, zuvor schon etwas von dem finnischen Autor gelesen zu haben, ich mag schräg aber sonst schon, gerade skandinavisch schräg. Diese Gebetsmühlenstory geht mir allerdings ziemlich auf die Nerven, weswegen ich das Buch jetzt als erledigt betrachte.
Es erfüllte nebenbei die Challenge, das am schlechtesten bewertete Buch von meinem Goodreads-SuB zu lesen - vor diesem Hintergrund ist ein Abbruch nicht nur nicht überraschend, sondern war zu erwarten.

Arto Paasilinna, Die wundersame Reise einer finnischen Gebetsmühle. Bastei Lübbe, Köln 2012.

Monday, March 07, 2022

Jurek Becker - Bronsteins Kinder

Bronsteins Kinder von Jurek Becker (1938-1997) erschien erstmals 1986. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des 19jährigen Hans Bronstein, ein Jahr nach dem Tod des Vaters 1973. Hans ist bei der Familie seiner Freundin Martha untergekommen, inzwischen sind die beiden nicht mehr zusammen und er findet seine Situation unerträglich und will ausziehen.
Gleichzeitig erinnert er sich an die Ereignisse vor dem Tod des Vaters. Eines Nachmittags trifft er im Wochenendhaus des Vaters auf eine für ihn unbegreifliche Situation: Der Vater quält dort zusammen mit zwei Freunden einen Gefangenen! Er findet heraus, dass dieser Gefangene ein ehemaliger KZ-Aufseher war, den die drei jüdischen Männer nun zu einem Geständnis bringen wollen. Hans begreift nicht, warum sein Vater dies tut, alle Versuche, mit ihm darüber zu sprechen, schlagen fehl. Die ohnehin schwer angeschlagene Familie - die Mutter schon lange verstorben, die Schwester in einer "Irrenanstalt" - zerbricht immer mehr.

Während Hans in der Gegenwart vorsichtig versucht, seine Zukunft in den Blick zu nehmen, durchlebt er in den Erinnerungen erneut, wie der Vater nicht bereit ist, mit ihm über die Ereignisse der NS-Zeit zu sprechen und dem Sohn jegliches Recht auf eine eigene Meinung verbietet und ihm gleichzeitig keine Chance gibt, seine Erinnerungen und jüdische Sichtweise auf die Vergangenheit kennenzulernen. Er grenzt den Sohn bewusst aus und zerstört damit die familiären Bande, die Hans sowieso kaum empfindet. In die Opposition getrieben und mit der Selbstjustiz der älteren Männer nicht einverstanden, entschließt er sich, den Gefangenen zu befreien. Im Wochenendhaus angekommen, findet er den Vater tot am Boden vor, vermutlich ist er an einem Herzinfarkt gestorben. 

Die beiden Ebenen wechseln sich stets ab und werden noch ergänzt durch die Briefe der Schwester, die einen ganz eigenen, fast sphärischen Gestus haben. Trotz der vielen Zeitbrüche bleibt die Geschichte durchgehend im Fluss, entwickelt eine Dynamik, die den Leser mitnimmt. Es bleiben Leerstellen, Fragen nach dem Warum müssen selbst beantwortet werden, und ob Hans sein Leben erfolgreich wieder aufnehmen kann nach dem einen Jahr der Starre nach dem Tod des Vaters bleibt ebenfalls unklar. Er wirkt nach wie vor verloren - und zeigt damit eine fast unheimliche Ähnlichkeit zu seinem Vater, der nach seinen Erlebnissen im KZ nie wieder zu sich und seiner Familie zurückgefunden hat.

Obwohl mir der Erzählstil durchaus gefallen hat, bin ich dennoch froh, dass ich mir die Geschichte von Christoph Grube sehr bequem vorlesen lassen konnte und mich nicht durch das minimalistische Schriftbild meiner SZ Edition (Band 45) kämpfen musste.


Jurek Becker, Bronsteins Kinder. Random House Audio 2012.

Saturday, March 05, 2022

Bernardine Evaristo - Mädchen, Frau, etc.

Bernardine Evaristo erhielt für ihren Roman Mädchen, Frau, etc. 2019 den Booker Prize. 

Es ist ein besonderes Buch mit einem ungewöhnlichen Aufbau. In den ersten vier Kapiteln werden jeweils drei Frauen vorgestellt. Sie sind Mutter, Tochter, Großmutter, Freundin,... Die Gedanken und Erlebnisse dieser Frauen bewegen sich in einem Spannungsfeld von Rassismus, Feminismus, Sexualität, Gender, Geschichte, Politik, beruflichem Erfolg in den verschiedensten Bereichen, Liebe und vielem mehr. Alle sind "people of colour", womit Evaristo nach eigener Aussage eine Lücke in der britischen Literatur schließen wollte. Sie sagte in einem Interview mit dem Guardian (04/2019)

I wanted to put presence into absence. I was very frustrated that black British women weren’t visible in literature. I whittled it down to 12 characters – I wanted them to span from a teenager to someone in their 90s, and see their trajectory from birth, though not linear. There are many ways in which otherness can be interpreted in the novel – the women are othered in so many ways and sometimes by each other. I wanted it to be identified as a novel about women as well.

Erst im fünften und letzten Kapitel kommen einige der Frauen bei einer Premierenfeier zusammen und interagieren. Vorher setzt die Autorin sie innerhalb ihrer Kapitel miteinander in Beziehung. Sie sprechen oder handeln zwar nicht direkt miteinander, aber durch die Perspektivwechsel erhält man weitere Eindrücke zu den vorangegangenen Charakteren. Bei manchen der Frauen hätte ich gern länger verweilt, bei einigen könnte ich mir sogar einen ganzen Roman vorstellen. Jede einzelne Geschichte beleuchtet neue Aspekte, was es heißt, eine Woman of colour in einer von Weißen und Männern dominierten Gesellschaft zu sein.

Es ist ein sehr intensives, sehr vielfältiges Buch mit vielen Themen, Denkanstößen, Fragen. Es ist schwer, eine Quintessenz zu ziehen - ich glaube aber, dass es ein Buch ist, das nachwirkt. Die schriftstellerische Leistung der Autorin ist definitiv zu Recht gewürdigt worden. 

 Bernardine Evaristo, Mädchen, Frau, etc. Tropen, Berlin 2021.

Thursday, March 03, 2022

Karsten Dusse - Achtsam morden

Die Hörbuchproduktion von Achtsam morden des Autors und Rechtsanwalts Karsten Dusse erhielt 2020 den Deutschen Hörbuchpreis. Der Schauspieler Matthias Matschke liest den Roman mit genau der passenden Mischung aus Ironie und Seriösität, die sehr gut zum Protagonisten der Geschichte passt.
Björn Diemels Ehe droht zu scheitern. Obwohl er als hart arbeitender, stets gestresster Rechtsanwalt kein bisschen daran glaubt, besucht er unter dem Druck seiner Frau ein Achtsamkeits-Seminar. Wider Erwarten erweisen sich die dort erlernten Übungen als hilfreich und schon bald nimmt er sich eine Auszeit vom Job, um mit seiner Tochter ein Wochenende zu verbringen. Doch leider hat er die Rechnung ohne seinen kriminellen Mandanten gemacht, der ausgerechnet an diesem Wochenende Hilfe braucht, weil er einen Mord begangen hat. Doch Björn setzt die Tipps des Achtsamkeitstrainers äußerst konsequent um... was leider zum Tod seines Mandanten führt und im Anschluss zu einer Verkettung weiterer unerfreulicher Ereignisse. Doch wundersamerweise bringt die Achtsamkeit ihn durch all das Schlamassel hindurch, natürlich nicht ohne weitere Todesfälle. 

Achtsam morden ist kein Krimi im eigentlichen Sinne, trotz der kriminellen Handlungen und brutalen Szenen, die das Buch enthält. Die Art, wie die Achtsamkeit hier zwar angewandt, aber dennoch auf den Kopf gestellt wird, ist unterhaltsam und enttarnend zugleich - nicht alles kann man "wegatmen", nicht immer kann alles in dem einen Moment wertneutral wahrgenommen werden. Aber Karsten Dusses satirischer Ansatz sitzt, macht sich einerseits lustig, aber birgt dennoch eine Wertschätzung für Entschleunigung und nun... eben Achtsamkeit. Ein Kritikpunkt ist, dass es ein Roman mit ausschließlicher Männerperpektive ist, Frauen bleiben ohne Stimme und werden eher geringschätzig behandelt - Klischees, die man leicht hätte vermeiden können.

Karsten Dusse, Achtsam morden. Random House Audio 2019.

Friday, February 25, 2022

Julian Barnes - Die einzige Geschichte

In einem Londoner Vorort der 60er Jahre trifft der neunzehnjährige Paul im Tennisclub, zu dem ihn seine Eltern geschickt habe, auf die 48jährige Susan Macleod. Diese lebt in einer schwierigen Ehe, hat zwei Töchter und ist selbstverständlich ganz anders als alle Frauen, denen Paul bisher begegnet ist. Sie verlieben sich ineinander, eine Weile geht dies sogar halbwegs gut, obwohl Paul studiert und Susan bei ihrem Mann bleibt. Doch dann beschließen die beiden, auszubrechen und ziehen in eine gemeinsame Wohnung in London. Doch was das "Happy ever after" für die beiden sein sollte, bricht schnell auseinander, Paul kann Susan nicht das geben, was sie braucht, sie bleibt unzufrieden und unglücklich. Der Alkohol erledigt den Rest. 

Paul erzählt von seiner einen Geschichte - der einen, die erzählenswert ist - in drei Teilen mit wechselnden Erzählperspektiven: Das rosarote Verliebtsein, die Krise und die Resignation - in ihrer Abfolge recht desillusionierende, traurige Schritte. Natürlich ist das ursprüngliche Setting, der unerfahrene junge Mann mit der viel älteren Frau, der in ihrem Leben selten Gutes widerfahren ist, schon auf das Scheitern angelegt und der Erzähler macht von Beginn an keinen Hehl daraus, dass diese Geschichte nicht gut ausgegangen ist. So nehmen einen die beiden Protagonisten zwar mit auf eine sehr intensive emotionale Reise, aber im Verlauf wird diese auch zur Anstrengung, vielleicht sogar zur Belastung. Man möchte, dass Paul mehr versteht, dass beide besser und mehr miteinander sprechen, offener sind, man möchte, dass Susan sich nicht aufgibt. Interessant ist noch der Aspekt, dass der Erzähler, der sich im Alter an diese Liebesgeschichte erinnert, sich darüber bewusst ist, wie subjektiv seine Erinnerungen an all dies sind. So relativiert sich alles - vielleicht bis auf die Bitterkeit, die in diesem Roman kontinuierlich mitschwingt.
Die einzige Geschichte ist stilistisch interessant und gut konstruiert - nicht ohne Grund gewann Julian Barnes den Booker Prize (2011). Dennoch habe ich es nicht mit besonderer Begeisterung gelesen.

Julian Barnes, Die einzige Geschichte. Argon 2019.

Thursday, February 17, 2022

Hakan Nesser - Der Verein der Linkshänder

Gern hätte ich Hakan Nessers Roman Der Verein der Linkshänder mehr gemocht. Ein toller Titel, Van Veeteren und Barbarotti ermitteln gemeinsam, eine verstrickte Geschichte, die Vergangenheit und Gegenwart verknüpft... - das sollte mich begeistern. Ich mag Nessers Erzählstil, ich mag seine Charaktere, ich mag seinen Zynismus, der immer wieder durchblitzt. Und die Geschichte der Linkshänder begann vielversprechend, dazu kommt dann der alte Mordfall, den Van Veeteren doch nicht wie gedacht aufgeklärt hat, wie die neu entdeckte Leiche des vermeintlichen Täters beweist. Andere Beteiligte kommen in Rückblenden, Briefen und Tagebüchern zu Wort. Dann fügt sich der Erzählstrang um Barbarotti ein. Das alles zieht sich auf über 600 Seiten in einem kontinuierlichen Wechsel und irgendwann fragt man sich doch, ob es auch mal vorwärts geht mit den Ermittlungen, die Ergebnisse kommen nur schleppend herein, obwohl der Täter nun schon deutlich erkennbar wurde - als der letzte, der noch nicht erwähnt und auseinander genommen wurde. Nicht alle Charaktere waren für mich glaubwürdig und ihre Zerrissenheit wirkte für mich zum Teil aufgesetzt. Spannung erzeugte das schlussendlich nicht mehr und ich habe lange gebraucht, um den Roman zuende zu lesen. Wäre es kein Hakan Nesser gewesen, der selbst in den schlechteren seiner Werke noch ein guter Autor bleibt, hätte ich es vielleicht abgebrochen. 

Hakan Nesser, Der Verein der Linkshänder. btb, München 2019.

Sunday, February 06, 2022

Dorothy Parker - New Yorker Geschichten

Dorothy Parker (1893-1967) war eine schillernde Persönlichkeit und galt als eine der bedeutendsten Autorinnen ihrer Zeit. Sie schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Drehbücher. Sie gehörte dem Literaturzirkel Algonquin Round Table an, der sich in den 1920er Jahren im New Yorker Hotel Algonquin traf. 

Es scheint nicht allzu viele Ausgaben ihrer Werke in deutscher Übersetzung zu geben, was einerseits angesichts ihrer Bedeutung in der US-amerikanischen Literaturszene verwundert, andererseits sind ihre Geschichten - so mein persönlicher Eindruck - sehr von der amerikanischen Gesellschaft ihrer Zeit geprägt, was vielleicht erklärt, warum sie nicht zeitnah übersetzt wurden. 
Dabei sind diese Kurzgeschichten wirklich gut! Die meisten ihrer Erzählerinnen sind Frauen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten, häufig werden ihre Beziehungen zu Männern, zu anderen Frauen und die New Yorker Gesellschaft karikiert. Dabei sind der Tonfall und der Erzählstil von Geschichte zu Geschichte sehr unterschiedlich (was Elke Heidenreich in dieser Lesung ausgesprochen trefflich umsetzt). Da wäre beispielsweise die Dame, die von einem Herren zum Tanz aufgefordert wird, diesen auch annimmt und dem Herren beständig sagt, wie gern sie doch mit ihm tanzt - während der Leser mit voller Wucht ihren Gedankenstrom zu hören bekommt, wie schrecklich dieser Mann ist, dass er nicht tanzen kann und dass sie ihn absolut nicht leiden kann. Oder die Geschichte, in der man nur den endlosen Monolog einer "Freundin" beim Krankenbesuch zu hören bekommt, die nur scheinbar die Kranke bemitleidet, sie und ihre Gefühle aber mit unbarmherzigem Redestrom niedermacht, bis diese gänzlich aus der Fassung gerät. Alle Geschichten zeichnet eine äußerst gewitzte und zynische Sprache aus, so dass man kaum glauben mag, dass sie aus den 30er und 40er Jahren stammen. Ihre Sichtweise auf das Verhalten der New Yoker und der Frauen im Allgemeinen ist vielschichtig, reflektiert und für die damalige Zeit sicher modern und emanzipiert.

Dorothy Parker, New Yorker Geschichten. Random House Audio 2005.

Monday, January 31, 2022

Lucinda Riley - Die Schattenschwester

Um das Kitschbedürfnis zu befriedigen, funktioniert Lucinda Riley stes zuverlässig. Nach Band 1 (Die sieben Schwestern) und Band 2 (Die Sturmschwester) handelt Die Schattenschwester von der eher stillen Star d'Aplièse. Auch ihr hat ihr kürzlich verstorbener Adoptivvater Pa Salt einen Hinweis hinterlassen, wie sie ihre Blutsverwandten finden kann. Sie weiß erst nicht, ob sie dies wirklich will, zu verwoben ist ihr Leben mit dem ihrer Schwester CeCe. Doch dann besucht sie die Londoner Buchhandlung, dessen Adresse in dem Abschiedsbrief steht. Von dort geht es nach und in den Lake District, als sie sich einer Familie annähert, deren Mitglieder skurril und problembelastet zugleich sind und zu denen sie schnell eine liebevolle Beziehung aufbaut. Wie alles zusammenhängt, erfährt man in den Rückblenden in die Zeit von Beatrix Potter, von Debütantinnen in London und von King Edward VIII. durch die Erlebnisse von Flora, einer jungen Frau, die ihren eigenen Weg suchen muss. Natürlich endet Stars Geschichte mit Hoffnung und Liebe (siehe Satz 1). 

Die Rahmenthemen dieses Bandes sind Literatur, Essen und eine gewisse Naturverbundenheit, die größtenteils an den Lake District gebunden ist - eine zugegeben wirklich wunderschöne Landschaft. Star ist im Grunde völlig planlos, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte - auch ihr Weg im Roman wirkt scheint eher zufällig, ihre Entscheidungen trifft sie unbewusst und vergisst dabei ihre Schwester (der Cliffhanger am Ende signalisiert, dass diese die Schwester für Band 4 sein wird). Viel spannender ist dagegen Flora, die sich in einer für Frauen durchaus deutlich schwierigeren Welt bewusst ist, was sie will und was nicht. Zwar muss sie sich hier und da steuern lassen und sich den gesellschaftlichen Zwängen beugen, aber sie ist ein deutlich stärkerer Charakter und damit viel interessanter. Wieder einmal ist die historische Geschichte besser als die Rahmenhandlung (die einige Absurditäten aufweist, die eher ärgerlich wären, wenn man den Roman ernst nähme)... und damit habe ich erst einmal wieder für eine Weile genug von dieser Form von Romantik. 

Lucinda Riley, Die Schattenschwester. Hörverlag 2016.