Saturday, September 10, 2022

J.D. Salinger - Der Fänger im Roggen

J.D. Salingers Der Fänger im Roggen steht in einer Uraltausgabe aus dem Jahr 1977, die eigentlich meiner Mutter gehört, in meinem Regal - vergilbte und eng bedruckte 156 Seiten über diesen Holden Caulfield.
Ich weiß, ich habe das Buch als Jugendliche schon einmal gelesen, erinnerte mich aber an fast nichts, außer, dass es mich beeindruckt hat.

Über den Inhalt kann man viel oder nichts sagen, in aller Kürze dies: Der 16jährige Holden fliegt zum dritten Mal wegen mangelnder Leistungen von einer Schule, ist angenervt von den Lehrern, den Mitschülern und der Gesellschaft im Allgemeinen. Er flieht eines Abends aus dem Zimmer seines Internats nach New York, vermeidet dort aber die Rückkehr in die elterliche Wohnung und streunt einige Zeit durch die Stadt. 

Entscheidend sind dabei seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen, von denen er manchen zufällig trifft, mit anderen verabredet er sich. Viele dieser Kontakte enden problematisch, mit Ablehnung, Streit oder sogar Gewalt. Holden ist deprimiert, wütend und hat keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen will. Die meisten Menschen widern ihn an, er fordert mehr Mitgefühl einerseits, empfindet andererseits aber Abscheu gegenüber den Normen, die Gesellschaft in geordnete Bahnen lenken. Der Tod seines Bruders und der Selbstmord eines Mitschülers haben ihn tief getroffen und sind kaum verarbeitet. Einzig die Beziehung zu seiner Schwester Phoebe hat für ihn großen Stellenwert, ansonsten kann er kaum Dinge benennen, die er mag.
Passend zum Weltschmerz Holdens ist der Erzählstil geprägt durch den häufig thematisch springenden, emotional-aufgeladenen Stream-of-Consciousness, wobei die Jugendsprache der in die Jahre gekommenen Übersetzung meiner Ausgabe inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Er ist ein zutiefst unzuverlässiger Erzähler, dennoch folgt man ihm und seiner ganz eigenen Wahrnehmung bereitwillig durch die New Yorker Nacht.

Hat mich Der Fänger im Roggen wieder beeindruckt bei der Wiederbegegnung? Ja. Vielleicht aber anders. Eine andere Wahrnehmung von Sprache, zahlreiche andere Coming-of-Age-Stories später,... Gefallen hat mir der Roman auch als Spiegel der 50er Jahre, mit gesellschaftlichen Klischees und einer ganz anderen Wahrnehmung von Gender und Sexualität. Faszinierend finde ich, wie dieses Buch gleichzeitig eines der am meisten zensierten und "verbotenen" Bücher sein kann und sich gleichzeitig auf zahlreichen Literaturkanons und unter den "100 best novels" (Radcliffe list) befindet. Viele Widersprüche, viele Fragen, auf die der junge Holden keine Antworten weiß, aber die man sich vielleicht in allen Alterstufen noch einmal neu stellen kann. 

J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen. rororo, Reinbek 1977.

Monday, September 05, 2022

Jeffery Deaver - Die Menschenleserin

Neben seinem erfolgreichen Ermittlerduo Rhyme und Sachs lässt Jeffery Deaver auch Kathryn Dance in immerhin vier Fällen ermitteln, wobei seit 2015 kein neuer Fall erschienen ist. Die Menschenleserin ist der erste Band.

Dance ist Verhörspezialistin beim California Bureau of Investigation und soll den Psychopathen Daniel Pell verhören, der vor Jahren eine ganze Familie auslöschte - mit Ausnahme der jüngsten Tochter. Doch kurz nach dem Verhör gelingt Pell die Flucht. Dance soll nun die Maßnahmen zu seiner Ergreifung koordinieren und es beginnt eine Jagd nach dem Täter, der aber auf Hilfe angewiesen ist. Er manipulierte von jeher Frauen, die für ihn scheinbar alles zu tun bereit sind...

Die Story ist gut konstruiert, Kathryn Dance eine sympathische und intelligente Protagonistin, eingebettet in eine familiär-persönliche Rahmenstory. Sie ist sozialer als Rhyme, weiß sich aber schlussendlich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen, trotz gelegentlicher Selbstzweifel. Allein das Ende nahm - wieder einmal - für meinen Geschmack eine Extrawendung zuviel, so dass es am Ende etwas brauchte, um alle losen Fäden zurechtzuknoten. Insgesamt aber eine gelungene Abwechslung zu Lincoln Rhyme, der nicht mehr immer für Begeisterung sorgt (was aber nach meinem 13. gelesenen Fall mit ihm auch nicht verwundert und irgendwie dann ja doch für die Reihe spricht....). 

Jeffery Deaver, Die Menschenleserin. Random House Audio 2009.


 

Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Prize for Fiction (and several other prizes) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prizes but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Sunday, July 31, 2022

Lars Kepler - Der Spiegelmann

Joona Linnas achter Fall Der Spiegelmann beginnt mit einem ermordeten Mädchen auf einem Spielplatz. Auf perfide Art ist Jenny Lind an einem Klettergerüst erhängt worden - nachdem sie fünf Jahre lang verschwunden war! Schon bald wird klar, dass sie nicht das einzige Opfer ist und Linna nimmt die Spur auf. Parallel dazu erleben wir mit, Pamela nach dem Verlust ihrer Tochter vor einigen Jahren mit zahlreichen Problemen kämpft: Ihr Mann Martin leidet unter schweren psychischen Problemen, sie selbst trinkt zuviel und ob die Adoption von Mia, einem Mädchen im Alter ihrer Tochter, klappen wird, ist ungewiss. Da wird ausgerechnet Martin Zeuge des Mordes von Jenny Lind, wie die Überwachungskameras zeigen. Doch er kann sich an nichts erinnern. Erst die Hypnose durch Erik Maria Bark (siehe Der Hypnotiseur) hilft, erste Hinweise zu finden. Doch der Täter will verhindern, dass Martin der Polizei hilft, und entführt Mia. Unter großem Zeitdruck beginnt die Suche nach der Identität des Mörders und seinem Versteck...

Das Autorenteam Lars Kepler hat einen höchst spannenden Thriller verfasst, dessen Plot geschickt aufgebaut ist und dessen Charaktere nicht enttäuschen. Auffällig war allerdings eine Steigerung der Brutalität der Handlung. Dies hat mich erstmalig wirklich gestört, da ich es auch nicht als essentiell für den Fortgang der Geschichte empfunden habe. Einerseits wird viel Zeit darauf verwendet, Traumata und psychische Befindlichkeiten darzustellen, andererseits lässt es die Beteiligten scheinbar kalt, dass ein Kollege bei einem Einsatz brutal getötet wird, alle machen weiter, als wäre nichts gewesen. Insgesamt wirken manche Aspekte und Szenen übertrieben und dadurch surreal bis unrealistisch. Kann man darüber hinwegsehen, so ist Der Spiegelmann durchaus empfehlenswert. 

Lars Kepler, Der Spiegelmann. Lübbe, Köln 2020.

Thursday, July 21, 2022

T.C. Boyle - Dr. Sex

Als Alfred Kinseys Reports über Sexual Behaviour 1948 (Männer) und 1953 (Frauen) erschienen, war die Entrüstung groß. Niemand hatte zuvor Studien über das menschliche Sexualleben veröffentlicht und so schlugen die Publikationen des US-amerikanischen Biologen große Wellen. Für seine Ergebnisse hatte er erstmals konkrete Befragungen von Männnern und Frauen mit einem umfangreichen Fragenkatalog erhoben, der u.a. auch homosexuelle Erfahrungen einbezog – allein dies sorgte schon für große Entrüstung.

2004 veröffentlichte T.C. Boyle seine literarische Darstellung der Recherche-Phase Kinseys unter dem Titel Dr. Sex (Original: The Inner Circle). Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters, John Milk, der zunächst noch als Student Interesse für Kinseys Forschungsgebiet enntwickelt. Er gehört dann später zum inneren Kreis derjenigen, die Daten erheben und auswerten. Pararallel dazu wird aber auch deutlich, dass Kinsey selbst durch seine hohen Ansprüche und seine ausgelebte eigene sexuelle Freiheit keine einfache Persönlichkeit war. Hier greift Boyle Gerüchte über   homosexuelle Beziehungen oder auch Gruppensex mit den verheirateten Partner innerhalb der Kinsey-Gruppe auf, die offiziell nie bestätigt werden konnten. Die Ehefrau John Milks ist es schließlich, wegen der es in einer Szene des Romans schließlich zu einem Bruch mit diesen Praktiken kommt und Milk seine eigene Positiion überdenken muss. Zentrale Frage ist nicht die nach der Normalität oder Moral verschiedener sexueller Handlungen, sondern eher die nach einer Trennung von wissenschaftlicher Arbeit und emotionaler Involviertheit. Vermissen lässt Boyle in seinem Roman eventuell eine Beleuchtung der Arbeitsweise und auch der Ergebnisse Kinseys. Auch die Frage nach der Bedeutung seiner Arbeit wird nicht beantwortet. Zwar wird Kinseys plötzlicher Erfolg nach seinen Veröffentlichungen kurz dargestellt, aber die gesellschaftlichen, politischen (z.B. für Homosexuelle) und wirtschaftlichen (in Hinsicht auf weitere Forschung) Folgen bleiben unerwähnt. So bleibt Dr. Sex eher eine sehr persönliche Beleuchtung eines fiktiven Kinseys – da wäre vielleicht mehr möglich gewesen…

Die Lesung von Jan-Josef Liefers hat mir gut gefallen, er setzt die durch den Erzähler John Milk von sich selbst geforderte Ehrlichkeit auch stimmlich gut um.

 

T.C. Boyle, Dr. Sex. Hörverlag 2005. 

Wednesday, July 20, 2022

Pink - Irrelevant

Nothing but irrelevant… 


The kids are not alright
None of us are right
I'm tired but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive
The kids are not alright

None of us are right
I'm tirеd but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive…

 

Sunday, July 17, 2022

Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera veröffentlichte seinen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins 1984 aus dem französischen Exil, denn er kehrte nach einer Gastprofessur in Rennes ab 1975 nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück. Die Themen, die ihn auch in diesem Roman beschäftigen, sind die universellen der Liebe und des Lebens, aber auch der Kommunismus in seinen ganz konkreten Erscheinungsformen.
Eher als Anlass für philosophische Überlegungen berichtet der durchaus nicht gerade zuverlässliche Erzähler die Geschichte von Teresa und Thomas. Ein mehrfacher Zufall bringt die Kellnerin und den Arzt im Prag der 60er Jahre zusammen. Obwohl Thomas Teresa liebt, ist er ihr in Serie untreu, er behauptet, seine erotischen Abenteuer zu brauchen. Die unsichere Teresa will weg von der Abhängigkeit zur Mutter, begibt sich aber statt dessen in eine neue emotional ungleiche Beziehung, wobei sie ihre Schwäche dazu benutzt, Thomas trotz allem an sich zu binden. 
Anhand der Protagonisten und einiger Nebenfiguren wird außerdem geschildert, wie die Ereignisse des Prager Frühlings und der daran anschließenden Zeit Einfluss auf das Leben Einzelner sowohl in der Tschechoslowakei als auch für Exilanten hatte. Kundera lässt seinen Erzähler außerdem phasenweise das Politische mit dem Philosophischen verknüpfen, indem er ihn reflektierend aus der Geschichte heraustreten lässt, die Beziehungen der Figuren analysiert und weitere Gedankengänge beispielsweise zum „Leichten und Schweren“ oder zu „Körper und Seele“ folgen lässt. 
Manche Überlegungen wirkten auf mich leicht esoterisch und wenig glaubhaft, anderes fand ich bedenkenswert. Mit dieser Art des Erzählers hatte ich allerdings so meine Schwierigkeiten, gewinnt man doch den Eindruck, seine Figuren seien für ihn zweitrangig und ihr Schicksal beliebig. Anrührend fand ich allein die Bedeutung, die der Hund Karenin für Teresa und Thomas erhält, auch wenn die Überlegungen zu Massentierhaltung und zur Philosophie (Nietsches Tierethik) dem wieder etwas störend entgegengestellt werden.
Insgesamt war Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ganz und gar kein leichtes Leseerlebnis, sondern enthielt eher Schweres und Sperriges und war damit eine Begegnung, die ich nicht wiederholen muss. 


Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Random House Audio 2015.

Saturday, July 16, 2022

Eduard von Keyserling - Wellen

Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte seinen Roman Wellen 1911 in der Zeit des literarischen Impressionismus. 

Die Figuren des Romans befinden sich alle zur Sommerfrische an der Ostsee in eigens für sie eingerichteten Häusern, während die einheimischen Fischer und ihre Familien sich in Nebengebäude zurückziehen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das aufsehenerregende Pärchen Doralice und Hans. Doralice hat ihren adligen Ehegatten verlassen, um mit dem Maler Hans zusammen sein zu können. Ihre Anwesenheit stört das gesellschaftliche Denken der Familien von Buttlär und Palikow, aufgrund der räumlichen Nähe am Strand begegnen sie sich jedoch zwangsläufig, was zu emotionalen Wirrungen führt, als die Töchter der Familie Doralice anhimmeln und der Verlobte einer der Töchter glaubt, sich in sie verliebt zu haben. Einzig der Geheimrat Knospelius scheint die Lage so hinzunehmen, wie sie ist, und sich mit allen gut verstehen zu wollen. Eine besondere Rolle fällt dem stets gegenwärtigen Meer zu, dessen titelgebende Wellen das Geschehen und vor allem die Stimmungen stark beeinflussen. Getreu dem impressionistischen Gedanken spielen die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Wahrnehmung – sei es in tatsächlichen Schilderungen oder in Träumen – eine gravierende Rolle. Die Darstellung des Meeres als natürlichem Protagonisten der Geschichte war sehr interessant, während mir Doralice als übernatürliche Schönheit, der alle erliegen, mir zu konstruiert und zu bedürftig erschien. Ihre Unzufriedenheit und ihr ständiges Bedürfnis nach Bestätigung wird schlussendlich durch das Meer abgestraft. 

Insgesamt ein recht lesenswerter Klassiker, der zu Unrecht wenig beachtet wird.

 

Eduard von Keyserling, Wellen. SZ Bibliothek Band 30, München 2004.

Monday, July 11, 2022

Sommer in Finnland: Ein Tag in Helsinki

Wenn man zum zweiten Mal in eine Stadt wie Helsinki kommt, kann man das ein oder andere an Sehenswürdigkeiten getrost am Wege liegen lassen und sich voll und ganz auf die persönlichen Vorlieben einlassen.

Das Amos Rex ist ein Kunstmuseum benannt nach seinem Gründer Amos Anderson, das aufgrund von Platzmangel am ursprünglichen Ort unterirdisch erweitert wurde (Eröffnung 2018) und eine beeindruckende Architektur aufweist. Die aktuelle Ausstellung heißt „Subterranean“ und befasst sich mit dem Unterirdischen auf vielfältige Weise. Vor allem gab es sehr spannende Skulpturen zu sehen.

Das Museum von außen…

…beziehungsweise von oben.


Auf halbem Weg nach unten

Der erste Ausstellungsraum

Down the rabbit hole… Bezug zu Alice im Wunderland!

Auguste Rodin


Blick nach oben, draußen…

Nach der Kunst startete die Tour durch Helsinkis Schreibwaren- und Buchläden, die Muminshops und natürlich war ich auch bei iittala und Arabia. 

Antiquariat


Academic Bookstore

…mit integriertem Muminshop.

Nach all dem Trubel klang der Tag dann an den ruhigen Ufern der Festungsinsel Suomenlinna aus. 

Stadtpanoramen von der Fähre aus (übrigens im Tagesticket des öffentlichen Nahverkehrs inklusive)




 



Sunday, July 10, 2022

Terry Pratchett - Der Zauberhut

Der Zauberhut von Terry Pratchett ist einer der frühen Scheibenwelt-Romane über die Charaktere der Zauberer. Der achte Sohn eines achten Sohnes, genannt Münze, wird als kreativer Magus geboren. Sein Vater ist voller Zorn, weil er einst von der Unsichtbaren Universität der Zauberer ausgeschlossen und verbannt wurde. Er überlistet TOD, indem er sich in seinen eigenen Zauberstab einschließt und diesen seinem Sohn vererbt. Als Münze zwölf Jahre alt ist, begibt er sich nach Ankh-Morpork, um Erzkanzler der Universität zu werden. Er beeindruckt und beschämt die dortigen Zauberer mit seiner ungebremsten magischen Kraft, für die er keine Zaubersprüche benötigt. Doch diese Kraft bringt auch das magische Gleichgewicht auf der Scheibenwelt durcheinander… 

Der einzige, der bemerkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, ist ausgerechnet Rincewind – dessen Truhe aus intelligentem Biirnbaumholz mehr magische Fähigkeiten in einem Scharnier hat als er selbst. Wie immer gerät er ungewollt mitten ins Zentrum des Spektakels, in dem auch noch der Hut des Erzkanzlers, eine schöne Barbarin namens Conina und ein Möchtegernbarbar namens Nijel und dem vergnügungssüchtigen Herrscher von Al-Khali eine Rolle spielen. Natürlich hat auch TOD seinen Auftrittt und es wimmelt von diversen anderen schrägen Charakteren (e.g. ein Djinn, der für die Besprechung der Wunscherfüllung einen Termin für nächste Woche Dienstag ausmachen will und angezogen ist wie ein bekannter Disney-Djinn…). 

Die Lesung von Volker Niederfahrenhorst besticht durch eine gute Ausarbeitung der verschiedenen Charaktere/Stimmen mit unterschiedlichen Dialekten, Sprachfehlern und -färbungen – eine beachtliche Leseleistung! 

Dieser frühe Pratchett zeigt einmal mehr, wie genial der Autor mit den Bezügen zwischen seiner schrägen Scheibenwelt und den gesellschaftlichen Auffälligkeiten der realen Welt zu spielen weiß, die sprachliche Genialität und der Wortwitz funktionieren selbst in der Übersetzung (Andreas Brandhorst) – Lesefreude gararantiert. 

Terry Pratchett, Der Zauberhut. Schall und Wahn 2014.


Friday, July 08, 2022

Karan Mahajan - In Gesellschaft kleiner Bomben

In Gesellschaft kleiner Bomben ist ein Roman des indisch-amerikanischen Schriftstellers Karan Mahajan, der im Jahr 2017 für einiges Aufsehen sorgte und unter anderem als eines der „25 wichtigsten Bücher der Saison“ betitelt wurde  (Spiegel online). 

In Delhi explodiert auf einem Markt eine ‚kleine Bombe‘. Dabei werden die Brüder Khurana getötet, ihr Freund Mansoor überlebt – alle drei sind noch Kinder. Attentate wie dieses geschehen nicht selten, kurz berichten die Medien darüber, danach wird das Thema von einer anderen kleinen Tragödie abgelöst. Hier setzt Mahajans Idee an: Er verfolgt die Auswirkungen dieser einen kleinen Bombe auf das Leben der Menschen über Jahre hinweg. Er beginnt mit der akuten Trauer, die die Familie Khurana erfasst, ihren Selbstzweifeln und Depressionen, und schließt deren Auseinandersetzung mit den angeblichen Tätern ein, wobei immer die Unsicherheit bleibt, ob die indische Polizei, die als korrupt und folternd dargestellt wird, tatsächlich die richtigen verhaftet hat.

Doch auch Mansoor und seine Familie sind massiv betroffen, Schuldgefühle und Wut, aber auch bleibender psychischer und physischer Schmerz begleiten vor allem Mansoor über Jahre. Nach den Attentaten von 9/11 sieht sich der muslimische Mansoor auch zusätzlich Anfeindungen ausgesetzt, er will sich für einen gewaltfreien Protest einsetzen und schließt sich einer Aktivistengruppe an, deren Aktionen leider nicht den gewünschten Erfolg haben. 

Ein Mitglied der Gruppe, Ayub, mag sich damit nicht abfinden und sucht andere Wege. Hier webt Mahajan die Perspektive der Bombenbauer und Attentäter ein, beschreibt ihren Werdegang, ihre Erfahrungen im System, ihre Beweggründe.

Die kleinen Bomben wirken im Roman auf vielen Ebenen nachhaltig, prägen das Leben der Menschen – das der Opfer, der Überlebenden, der Angehörigen und der Täter, deren Leben nach dem Attentat ebenfalls vollständig verändert ist. Dabei hat der Autor für alle Empathie und schildert ihre Emotionen nachdrücklich. Hierin liegt sicherlich die Stärke des Romans, auch wenn ich manchen der Perspektiven eher unwillig gefolgt bin und mir nicht alle Protagonisten gefallen haben. Inhaltlich ist In Gesellschaft kleiner Bomben sicherlich ein interessantes und wichtiges Buch, als Leseerfahrung hatte es für mich persönlich einige Durststrecken, dennoch ist es gut, die Perspektivwechsel erfahren zu haben. 

Karan Mahajan, In Gesellschaft kleiner Bomben. Culturbooks, Hamburg 2017.



Monday, July 04, 2022

John Buchan - The Thirty-Nine Steps

John Buchan’s story The Thirty-Nine Steps was first published as a serial in a magazine in 1915. 

It is about Richard Hannay who has previously lived in Rhodesia and is now bored with his life in London. When a strange American spy named Scudder seeks refuge in his flat he listens to his story and wants to help him. Without having learned much about the details he finds Scudder murdered in his flat a few days later. He fears to be the next victim of Scudder’s enemies or at least to be arrested for his murder by Scotland Yard he flees but takes Scudder’s encoded notebook with him.

What follows is an unlikely road movie with Hannay being on the run from a group of German spies and the British police. The adventure includes several stolen and borrowed vehicles who get destroyed in the process, changing of clothes with more or less strangers and lots of helpful people who Hannay tells some fairytales or bits and pieces of the real  story. There even is a bomb explosion.

It is only after he returns to London that he understands the full meaning of Scudder’s notes. He reveals an imposter at an important political meeting but the imposter flees and surely wants to escape from Britain to bring his information to the Germans. Hannay figures out the meaning of the mentioning of the thirty-nine steps and is able to stop the Germans. 


Wikipedia calls John Buchan’s book an adventure novel and surely Hannay experiences quite a few adventures on his trip. The basic plot about an innocent man escaping his enemies and triumphing at the end was copied several times – influenced of course by the popular film by Alfred Hitchcock.  

I am not extraordinarily impressed by the story but I can see why this particular kind of plot became popular therefor I am happy to have finally read it. 


Sunday, June 26, 2022

Bret Easton Ellis - American Psycho

American Psycho von Bret Easton Ellis erschien 1991 und wurde in Deutschland 1995 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt - erst seit 2001 ist der Roman in Deutschland frei verkäuflich. Das ist für einen "Klassiker" der amerikanischen Literatur schon bemerkenswert. In den USA ist es unter den Top 100 der "most banned and challenged books"
und auch in anderen Ländern gab und gibt es Auflagen.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Der 26jährige Patrick Bateman ist Investment Banker und steinreich. Er sieht gut und gepflegt aus, bewegt sich in den "besten Kreisen" und ist intelligent. Leider ist er - so sagt er selbst - ein Psychopath. Hinter der Fassade lebt er ein zweites Leben voller Drogen und Gewalt, er misshandelt und tötet Frauen - später auch Männer - zu seinem eigenen Vergnügen.

Anfangs wechselt der Roman zwischen sehr langatmigen Passagen, in denen das Yuppie-Leben von Bateman und seinen Kollegen/Freunden geschildert wird, und den düsteren Gewalteskapaden.
Ersteres dreht sich egoman um das äußere Erscheinungsbild (unendlich viele Schilderungen, wer welche Kleidung von welcher Marke trägt) und Restaurantbesuche, bei denen es weniger um das Essen als um das Sehen und Gesehen werden geht. Hier kriegt die Fassade schon erste Risse, denn ständig werden Personen verwechselt, nicht erkannt oder mit falschen Namen angeredet. Was nützt es, top gekleidet in den hippen Lokalen zu sein, wenn man gar nicht als derjenige erkannt wird, der man ist? Natürlich ist das alles massive Kapitalismuskritik, das Schein mit Sein verwechselt, echte Gespräche finden nicht statt, die Personen bleiben stereotyp. Zäh ist es dennoch.
Die Gewaltschilderungen steigern sich im Verlauf des Romans, von anfänglichen Andeutungen, er habe jemanden umgebracht, bis hin zu sehr drastischen Schilderungen von Sex, Mord, bis hin zum Kannabalismus. (Anmerkung: Vor dem Hintergrund ist das Buch sicherlich wirklich nicht für alle Altersstufen geeignet...) Das Ganze gipfelt in einer Art Amoklauf von Bateman, bei dem er wahllos Leute tötet und von der Polizei verfolgt wird - die ihn aber nicht fasst! Statt dessen kehrt er am Ende in sein normales Leben zurück, als wäre nichts gewesen.
Spätestens jetzt muss man hinterfragen, wie verlässlich Patrick Bateman als Erzähler eigentlich ist: schizophrene Züge, massiver Alkohol- und Drogenkonsum und eine zutiefst zynische Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der Gesellschaft. Er will aus der Rolle fallen, er will der Banalität und dem Konsum etwas entgegen setzen - aber tut er es wirklich oder ist am Ende alles gar nicht wahr? Die Grenzen der Realität verschwimmen mehrfach und zunehmend im Laufe des Romans, sogar die Erzählperspektive wechselt kurzfristig, als sähe Bateman sein Leben plötzlich von außen, nachdem er sich sonst in einem unfassbar detaillierten Stream-of-Consciousness ergießt.
Hinzu kommt ein Symbolismus, der mit dem Holzhammer daherkommt, das Musical Les Miserables und die Rückgabe seiner Leihvideos sind nur zwei Beispiele.

Ich gestehe American Psycho gern eine gewisse literarische Bedeutung zu und vor dem Hintergrund seines Erscheinens 1991 ist es sicherlich keine uninteressante Gesellschaftskritik. Als Leseerlebnis fand ich es sehr anstrengend. Die Darstellung aller weiblichen Figuren ist diskriminierend und schlichtweg inakzeptabel, das Namedropping all der 90er-Jahre-Modemarken nervtötend und die Gewaltszenen schwer verdaulich (selbst wenn man durch die aktuellen Thriller einiges gewöhnt ist). Weiterempfehlen würde ich es nicht und ich werde es auch auf keinen Fall ein zweites Mal lesen oder hören.
Das Audiobook hat übrigens ein kleines Vorwort, das vor den drastischen Inhalten warnt - so etwas hatte ich zuvor auch noch nie.

Bret Easton Ellis, American Psycho. Random House Audio 2005.

Friday, June 24, 2022

Andreas Gruber - Todesmärchen

Auch der dritte Band Todesmärchen von Andreas Grubers Reihe um Nemez und Sneijder enttäuscht nicht und hält die Spannung von Anfang bis Ende. 
Quer durch Europa wird eine Reihe von Mordopfern gefunden, denen Zahlen in die Haut geritzt sind. Es dauert nicht lang, bis einem der Ermittler die Ähnlichkeit mit einer Mordserie vor fünf Jahren auffällt - damals löste Sneijder den Fall, weswegen er auch jetzt zu Hilfe gerufen wird. Sabine Nemez, inzwischen ausgebildete  BKA-Kommissarin, soll mit ihm - dem Teamunfähigen - ein Team bilden. Parallel erfahren wir einiges über den damaligen Täter Piet van Loon, der in einer speziellen Haftanstalt in Nordfriesland einsitzt. Es wird klar, dass die Morde mit van Loon zu tun haben müssen, denn die kunstvoll drapierten Leichen verweisen auf verschiedene Märchen, die dieser in einem Theaterstück verwendet hat. Sneijder und Nemez befinden sich in einem Wettlauf mit der Zeit, aber die persönlichen Verwicklungen Sneijders mit van Loon bergen noch viel größere Gefahren...
Es ist wohl die Mischung aus starken Protagonisten, guten Dialogen, einem gut angelegten Spannungsbogen plus einigen überraschenden Wendungen (die man wirklich nicht kommen sieht), die diese Reihe sehr lesenswert macht. Für schwache Nerven sind einige der Szenen wohl nicht geeignet, aber das ist man bei Krimis über Serienkiller ja durchaus "gewöhnt".
Die Lesung von Achim Buch hat mir gut gefallen, sein niederländischer Akzent funktionierte prima. 

Andreas Gruber, Todesmärchen. Hörverlag 2016.

 


Sunday, June 19, 2022

Michael Robotham - Wenn du mir gehörst

Wenn du mir gehörst von Michael Robotham handelt von der Londoner Polizistin Philomena McCarthy. Bei einem Einsatz gerät sie in Konflikt mit einem Detective, der seine Geliebte Tempe offensichtlich verprügelt hat. Sie wird vom Dienst suspendiert, dem Detective geschieht nichts, aber sie freundet sich mit Tempe an. Lange bevor Philomena es selbst bemerkt, wird dem Leser klar, dass diese Freundschaft ungesunde Züge hat. Tempe ist sehr anhänglich und übergriffig, so dass sogar Philomenas Beziehung zu ihrem Verlobten dadurch gefährdet wird... Gleichzeitig kreuzt der Detective immer wieder ihren Weg und scheint eine ständige Bedrohung zu sein.

Die Protagonistin ist einerseits eine selbstbewusste, junge Frau, die sich in der männerdominierten Polizei ihren Weg sucht und sich zu verteidigen weiß, birgt aber unter dieser harten Oberfläche dennnoch große Unsicherheiten, die dazu führen, dass sie fast übertrieben naiv an die Beziehung zu Tempe herangeht. Sie sieht die problematischen Verhaltensweisen erst, als sie ihr förmlich ins Gesicht springen, trotz der Warnungen der Menschen in ihrem Umfeld. Dies steht in Konflikt mit ihrer ursprünglich angelegten Cleverness und Stärke.
Der Psychothriller birgt aber dennoch so viele spannende Wendungen und Verwicklungen, dass man ihn schwerlich beiseite legen kann.

Michael Robotham, Wenn du mir gehörst. Hörverlag 2021.

Friday, June 17, 2022

Cecilia Ahern - Flawed - Wie perfekt willst du sein?

Meine Erwartungen für Flawed - Wie perfekt willst du sein? waren nicht hoch. Schließlich kommt von der Erfolgsautorin Cecilia Ahern eher romantische Unterhaltung als ein literarischer Höhenflug. Ich war für die Popsugar Challenge 2022 auf der Suche nach einer Duologie und Flawed hat nun einmal zwei Teile und war vorhanden (Stadtbibliothek). Ungewöhnlich, dass es sich dabei um eine Young Adult Dystopie handelt, schließlich ist das auch nicht das übliche Schreibrevier der Autorin.

Das Setting ist der realen Welt recht ähnlich in Bezug auf Technologie und auf die generellen sozialen Gepflogenheiten. Jedoch gibt es neben der normalen Gesetzgebung auch noch eine moralische Überwachung: Man muss sich perfekt und integer verhalten, lügt man, verhält sich "inakzeptabel" oder gesellschaftlich illoyal, so kann einen die Gilde verhaften und verurteilen. Die Strafe ist immer Brandmarkung (ja, so mit Brandeisen und einem dicken F für Flawed oder fehlerhaft!) und lebenslängliche gesellschaftliche Ächtung. Diese Regeln - erschaffen, um einen hohen moralischen Standard zu kreieren - führen zu Angst und auch zu Lügen und zu einer Überheblichkeit der "Perfekten" gegenüber den "Fehlerhaften".
Die Protagonistin Celestine gehört mit ihrer Familie zu den perfekten Exemplaren des Systems. Sie ist glücklich und kennt scheinbar keine Probleme. Eines Abends erlebt sie, wie eine Frau in der Nachbarschaft von den Abgesandten der Gilde verhaftet wird - eine Frau, bei der sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, was sie falsch gemacht haben kann. Erst ab diesem Moment setzt sich Celestine mit dem System, in dem sie lebt, auseinander. Auf einer Busfahrt (Rosa Parks Bezug vermutlich beabsichtigt) fällt sie dann plötzlich aus der Rolle: Sie hilft spontan einem kranken alten Mann, der aber ein Fehlerhafter ist und dem sie laut Gesetz nicht helfen darf. Sie wird verhaftet, verurteilt und mehrfach gebrandmarkt. Der Richter, eigentlich ein Freund ihrer Familie, wird wütend, weil sie sich nicht so verhält, wie er es wünscht, und straft sie mit ungewöhnlicher Härte.
Nach dem ersten Schock und den körperlichen Schmerzen muss sich Celestine nun an neue Regeln gewöhnen, aber auch an das intensive Interesse von Medien, politischen Gruppen und hassenden Mitschülern. Nur sehr langsam verliert sie ihre Naivität und Vertrauensseligkeit und beginnt, über das System und ihre Rolle an dem wachsenden Widerstand gegen die absurde Moralität und Härte der Gilde nachzudenken.

Ich habe schon schlechter konstruierte Dystopien gelesen, allerdings auch bessere. Ich ärgere mich immer über diese naiven Mädchen, die keine Ahnung von gar nichts haben und höchst egozentrisch und unsensibel durchs Leben laufen, um dann plötzlich zu gesellschaftlichen Umstürzlerinnen wider Willen zu werden. Celestine gehört zum Teil auch in diese Kategorie Protagonistin. Die weiteren Charaktere werden im Vergleich eher wenig entwickelt, hätten aber vielleicht Potenzial gehabt, wie beispielsweise Celestines glatt gebürsteter Freund Art, ihre schwer zu durchschauende Schwester Juniper oder auch Celestines Großvater. Nun, vielleicht ergibt sich dafür ja noch Platz im Band zwei. Nahezu völlig unsinnig für den Plot ist hingegen ein junger Mann namens Carrick, der in der Nachbarzelle inhaftiert ist, während sie auf ihren Prozess warten. Obwohl sie fast nichts miteinander sprechen, steigert sich Celestine im weiteren Verlauf in eine massive Verliebtheit hinein, die durch nichts gerechtfertigt ist und komplett aufgesetzt wirkt. Klar, dass er später noch eine Rolle spielen wird, aber hier wurde die Liebesgeschichte sozusagen mit dem Holzhammer in die Geschichte gedrückt. Nicht gut gemacht. 
Gelungen ist meines Erachtens wie geschildet wird, dass man in dieser moralisch höchst anspruchsvollen Gesellschaft niemandem trauen kann. Die wahren Motive der Menschen bleiben stets verborgen, ihre Handlungen sind doppeldeutig, ihr Interesse an Celestine nie ohne Hintergedanken. Manipulation ist allgegenwärtig. Obwohl sie lange nur eines will, nämlich sich wieder anzupassen und ein halbwegs normales Leben zu leben trotz ihrer Brandmarkung, muss sie schließlich erkennen, dass dies nicht mehr möglich ist, weil sie ungewollt ein Instrument einer Widerstandsbewegung geworden ist, deren Ausmaß und Motive sie nicht erfassen kann. Zu welchen Konsequenzen dies führt und wie dieser Umbruch weiter verläuft, hat sich die Autorin für Band zwei aufgehoben, Ende Band eins offen.

Cecilia Ahern, Flawed - Wie perfekt willst du sein? Argon 2016.

Thursday, June 16, 2022

Gabrielle Zevin - Die Widerspenstigkeit des Glücks

Gabrielle Zevins Roman Die Widerspenstigkeit des Glücks handelt von dem Buchhändler A. J. Fikry. Nachdem seine Frau, mit der er seine Buchhandlung auf Alice Island zuvor geführt hat, verstorben ist, versinkt er in Selbstmitleid und Alkohol. Er ist wütend auf die Welt und lässt das eines Tages auch die Verlagsvertreterin Amelia spüren. Eine Veränderung tritt erst ein, als er die zweijährige Waise Maya in der Kinderbuchecke seiner Buchhandlung findet, die ihre Mutter vor ihrem Selbstmord dort abgesetzt hat. Nachdem er Maya notgedrungen über das Wochenende versorgt, entschließt er sich zur Adoption. Weitere Veränderungen folgen mit dem wiederentdeckten Lebenswillen...
Anfangs folgen wir intensiv der Hauptfigur Fikry, seinen Emotionen und Entscheidungen. Später macht die Geschichte größere Sprünge, schildert wichtige Lebensentscheidungen und Schicksalsschläge. Auch das Leben einiger Nebenfiguren wird beleuchtet, einige Hintergründe zu Mayas Herkunft werden aufgedeckt.
Vielleicht ist es diesen Sprüngen geschuldet, dass ich das Gefühl hatte, mich beim Fortgang der Geschichte immer weiter von den Charakteren zu entfernen anstatt mich ihnen näher zu fühlen. Hatte ich anfangs noch Interesse für die Lebens- und Liebesgeschichte der Protagonisten, so ließen sie mich am Ende fast unberührt - ein eigenartiges Phänomen. Die zahlreichen bibliophilen Bezüge und das Wohlfühl-Setting der kleinen Buchhandlung kann man auf der Plusseite verbuchen - wer Interesse für Kurzgeschichten hat, erhält durch Fikry einige Leseanstöße. Insgesamt war Die Widerspenstigkeit des Glücks ganz sympathische Unterhaltung, konnte mich aber nicht so begeistern wie es angesichts der vielen hohen Bewertungen und enthusiastischen Rezensionen bei vielen anderen Leserinnen der Fall war. 

Gabrielle Zevin, Die Widerspenstigkeit des Glücks. Diana, München 2015.



Sunday, June 12, 2022

George Saunders - Lincoln im Bardo

Lincoln, genau, der amerikanischer Präsident Abraham Lincoln, ist eine der Hauptfiguren des Romans Lincoln im Bardo von George Saunders. Eine weitere ist sein Sohn Willie, der mit nur elf Jahren im Jahr 1862 verstarb. Basierend auf einer Zeitungsmeldung, nach der der trauernde Präsident nachts den Friedhof aufsuchte, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten, baut George Saunders eine ungewöhnliche Story auf. 

Nach seinem Tod befindet sich Willie in einem Zwischenreich, bei den Tibetern Bardo genannt, und "geistert" über eben jenen Friedhof. Bei ihm sind hunderte anderer skurriler Gestalten, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht von der hiesigen Welt verabschieden wollen. Sie alle kommen mit ihren vielfältigen Stimmen zu Wort, einige nur kurz, andere öfter und erzählender. An verschiedenen Stellen werden auch die Geschehnisse in der realen Welt wiedergegeben, Saunders nutzt historische Quellen - Briefe, Erinnerungen, Zeitungsberichte... - und fügt fiktive hinzu, um die Situation von Lincoln und seiner Frau zu schildern und in den historischen Kontext des Civil War einzuordnen. So werden Fiktion und Realität, Geschichtliches und persönliches Schicksal intensiv miteinander verwoben. 

Das Leseerlebnis bei diesem Roman ist schon ein besonderes: Man treibt durch die zahlreichen Stimmen und Quellen, wird von einem gefühlsintensiven Moment in den nächsten geworfen. Einige der Bruchstücke fügen sich zwar zu einer Chronologie zusammen, aber das Lesen ist mehr Gefühl als Plot. Ich kann gut verstehen, dass man das Buch entweder faszinierend oder grundweg nervtötend finden muss. Lässt man sich darauf ein, so ergeben sich möglicherweise einige Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und des Todes... Es ist absolut nachvollziehbar, dass dieses ungewöhnliche Werk den Booker Prize (2017) gewonnen hat und ich bin froh, es gelesen zu haben. 

George Saunders, Lincoln im Bardo. Luchterhand, München 2017.

 

 

Friday, June 03, 2022

Hakan Nesser - Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

Man muss Hakan Nesser und seinen Stil mögen, um Barbarotti und der schwermütige Busfahrer schätzen zu können. Kommissar Barbarotti und Kommissarin Backman nehmen sich eine Auszeit auf Gotland. Es ist Herbst und das Leben auf der Insel wird von Tag zu Tag ruhiger. Da begegnen die beiden einem Radfahrer, in dem Barbarotti Albin Runge zu erkennen glaubt. Problem dabei: Runge ist schon vor Jahren verschwunden und inzwischen für tot erklärt worden. In einer anderen Erzählebene erfahren wir die Einzelheiten des damaligen Falls: Runge bekam Drohbriefe, hinter denen er Angehörige des Busunglücks mit vielen Toten vermutete, bei dem er am Steuer gesessen hatte. Einige Zeit später verschwand Runge auf einer Fährüberfahrt nach Finnland und tauchte nicht mehr auf...

Es gibt keinen wirklichen Kriminalfall, keinen Mord, in diesem Roman. Es ist eher die Geschichte eines ungelösten Rätsels, das Barbarotti und Backman Jahre später entwirren dürfen. Das Erzähltempo ist eher langsam, die Charaktere bedächtig. Die Gespräche der beiden Kommissare drehen sich oft um das Leben als solches und welche Dinge wirklich wichtig sind, es ist eher ein philosophischer als ein kriminalistischer Roman.
Mir hat die Geschichte, die langsam aber beständig weitergesponnen wird trotz ihrer Langsamkeit gefallen, ich mag die Charaktere und vor allem auch Dietmar Bärs Lesung, die hervorragend dazu passt. 

Hakan Nesser, Barbarotti und der schwermütige Busfahrer. Hörverlag 2021.

Saturday, May 28, 2022

Hugo Horiot - Der König bin ich

Hugo Horiot wurde als Kind mit Asberger-Autismus diagnostiziert. In Der König bin ICH erzählt er die Geschichte seines Wegs in die Welt, seinen Wegs mit seiner Andersartigkeit leben zu können. Horiot arbeitet  inzwischen als Regisseur und Schauspieler in Paris.

Das Buch beginnt mit dem vierjährigen Julien, der mit niemandem spricht. Er will nichts von sich preisgeben, er will vielmehr der Welt entfliehen, zurück in den Mutterleib.
Alles, was seine Mitmenschen um ihn herum als normal erachten, interessiert ihn nicht. Er nimmt keinen Kontakt mit Gleichaltrigen auf. Doch als er sechs wird, beschließt Julien, dass er in die Welt hinaus muss und sich von seiner Innenwelt trennen muss, um leben zu. Er bittet seine Mutter ihm einen neuen Namen zu geben und er wird zu Hugo. Hugo spricht, aber bleibt immer anders und unangepasst. 

Während des Lesens erahnt man, wie anstrengend Hugos andere Innenwelt sein muss, wie fremd und abstoßend ihm die Realität der "normalen" Menschen vorkommen muss. In den letzten Kapiteln und im Nachwort, in dem auch seine Mutter zu Wort kommt (ebenfalls Schriftstellerin, die bereits ein Buch über ihn verfasste), klingt deutliche Kritik an dem System und einem Gesundheitssystem durch, dass noch keine adequate Behandlung oder besser Hilfestellung für Asperger-Autismus gefunden hat. Auch das Leiden der Mutter wird deutlich - trotz ihrer absoluten Liebe und Willen zur - erfolgreichen - Förderung ihres Kindes.
Diese kurze, aber dennoch etwas anstrengend zu lesende Biographie gibt Einblicke und erzeugt Verständnis, hinterlässt aber auch ein Gefühl von Hilflosigkeit, wie diesen besonderen Menschen begegnet und geholfen werden kann, damit sie ein erfülltes Leben führen können ohne ständig gegen die Barrieren der Norm ankämpfen zu müssen. 

Hugo Horiot, Der König bin ich. Hanser, Berlin 2015.

Thursday, May 26, 2022

Chanel Cleeton - Nächstes Jahr in Havanna

Chanel Cleetons Roman Nächstes Jahr in Havanna erzählt die Geschichten zweier kubanischer Frauen, Elisa und Marisol. Elisa ist Marisols Großmutter und verlässt Kuba im Jahr 1958 mit ihren Eltern und Schwestern noch vor dem endgültigen Sturz des kubanischen Diktators Fulgencio Batista und der Machtergreifung durch Fidel und Raúl Castro, Camilo Cienfuegos und Ernesto "Che" Guevara.
2017 fliegt Marisol von Miami aus nach Kuba, um die Asche ihrer Großmutter dort beizusetzen.
In Elisas Geschichte erfahren wir viel über den Luxus, in dem die wohlhabenden Plantagenbesitzer in Kuba leben: Sie verkehrt in den besseren Kreisen, kümmert sich wenig um Politik und ist mit Kleidern und Parties beschäftigt. Das ändert sich, als sie einen jungen Mann kennenlernt, der intensiv an den politischen Veränderungen beteiligt ist - ihre Liebe muss daher geheim gehalten werden und hat keine Zukunft.
Marisol erfährt erst etwas über diesen Aspekt des Lebens ihrer Großmutter, als ihr deren Jugendfreundin alte Erinnerungsstücke und Briefe aushändigt, die sie 1958 zurückgelassen hat. Während sie nach und nach mehr darüber herausfindet, verliebt sie sich selbst in einen Mann, der wegen seiner politischen Ansichten ebenfalls verfolgt wird.

Cleeton verbindet die zwei Zeitebenen sowohl durch die Liebesgeschichten und durch die politischen Probleme. Ich weiß zu wenig über Kubas Geschichte, um zu beurteilen, wie gut diese im Roman wiedergegeben wird. Die politischen Passagen erschiedenen mir persönlich allerdings etwas verkürzend-oberflächlich - gerade so, dass man einen groben Eindruck erhält, worin die Probleme des Landes bestehen. Nachvollziehbar erschien mir die Naivität Elisas, die nur langsam begreift, was in ihrem Land geschieht, wobei ihre Liebe auf den ersten Blick zu dem Revolutionär nicht ganz glaubhaft ist. Aus ihrer Rolle heraus wäre eine stärkere Ablehnung von allem, wofür er steht, logischer gewesen. Ebenso schwierig finde ich die Liebesgeschichte Marisols, die sehr gezwungen wirkt, wobei mich an ihrer Geschichte die Naivität, mit der sie in das Land ihrer Familie reist, noch stärker gestört hat. Sie will einen Bericht über touristische Ziele und Restaurants schreiben? Das kann mit ihrem familiären Hintergrund und dem Wissen um die Vergangenheit und Gegenwart des Landes nicht ernsthaft ihr Wunsch sein! Die etwas gezwungene Zusammenführung der beiden Geschichte durch die Person des ehemaligen und von Elisa totgeglaubten Geliebten ist nachvollziehbar, damit der Plot einen Abschluss finden kann. 
Sprachlich konnte ich dem Roman nicht viel abgewinnen, viele sprachliche Wendungen wirkten plump und es gab auffällige Wiederholungen bestimmte Formulierungen. Dies mag eventuell aber der Übersetzung geschuldet sein.

Insgesamt hatte ich mir von dem Roman deutlich mehr versprochen. Kuba ist mir nicht wirklich näher ans Herz gewachsen, es kam keine Faszination mit dem Land auf, eher ein bedrückendes Gefühl. Der Spagat zwischen emotionaler Liebesgeschichte und politischer Schilderung gelingt meines Erachtens nicht - aber vielleicht ist dies auch nicht der Anspruch gewesen.

Chanel Cleeton, Nächstes Jahr in Havanna. Random House Audio 2019.

Saturday, May 21, 2022

Jules Verne - 20000 Leagues under the Sea

 Jules Vernes 20000 Meilen unter dem Meer ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur. Die Figur des Captain Nemo und seiner Nautilus wurde tausendfach in Film, Fernsehen und anderen Medien umgesetzt.
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Im Jahr 1866 tauchen Berichte über ein mysteriöses "Unterwasserwesen" auf, es gab diverse Sichtungen, aber auch Zusammenstöße. Eine amerikanische Expedition macht sich auf die Jagd. Als sie schließlich auf das Wesen treffen, stellt es sich als metallenes Unterwassergefährt heraus, dass aus der Konfrontation siegreich hervorgeht. Das verfolgende Schiff sinkt, drei Überlebende - unter ihnen der Erzähler Professor Aronnax - werden von der Nautilus aufgenommen und lernen Captain Nemo kennen. Sie reisen für mehrere Monate auf der Nautilus mit und erleben die unwahrscheinlichsten Abenteuer unter Wasser, bis ihnen schließlich die Flucht gelingt.
Auch wenn die Wissenschaft inzwischen einiges besser weiß als Jules Verne zu seiner Zeit, ist die Informationsdichte in diesem Roman doch verblüffend. An vielen Stellen referiert Nemo Zusammenhänge, Tiere werden klassifiziert und detailliert beschrieben, Mythologie erläutert... Bringt man ein entsprechendes Interesse für diese Dinge mit, so ist dies sicher ein Bonus, andernfalls hat die Story dadurch natürlich auch Längen. Der mysteriöse Nemo ist ein spannender Charakter, doch bleibt es bei den Andeutungen und Vermutungen, die Aronnax anstellt, eine Auflösung oder Erklärung fehlt, sieht man von den Seitenhieben auf den Kolonialismus ab.
Mir hat der Klassiker durchaus gefallen, aber nicht begeistert. 

Jules Verne, 20000 Leagues under the Sea. Sterling, New York 2006.

Sunday, May 08, 2022

Martha Wells - Tagebuch eines Killerbots

Mit dem Titel Tagebuch eines Killerbots und der Seitenzahl (573) hätte ich wahrscheinlich sonst nie zu Martha Wells' Buch gegriffen - wieder einmal suchte ich aber etwas für die Popsugar Reading Challenge 2022. Es sollte ein Buch sein, dass den Hugo Award gewonnen hat - so landete der Killerbot auf der Liste.

Obwohl ich Science Fiction mag, lag der Roman auch thematisch leicht außerhalb der Komfortzone mit all dem Techzeug, aber ich wurde positiv überrascht. Protagonist der Serie (denn in diesem Band werden die ersten vier Novellen/Kurzromane zusammengefasst) ist der "Killerbot", der sich sarkastisch selbst so nennt. Eigentlich ist er ein Hybrid, als Roboter konzipiert, aber mit menschlichen Komponenten ausgestattet. Gesteuert wird er computerbasiert durch verschiedene Routinen, die ihm ermöglichen als SecUnit für die Sicherheit von menschlichen Klienten zu sorgen, Panzer und integrierte Waffen tun das übrige. Doch diese SecUnit hat ihr firmenbasiertes Überwachungsmodul gehackt und sich damit von bestimmten Aspekten ihrer Programmierung abgekoppelt. Sie versieht weiterhin ihren Job, hat aber gleichzeitig mentale Freiheiten (zum Beispiel das exzessive Anschauen von Unterhaltungsserien). Natürlich birgt die fehlende Steuerung bzw. die langsam zunehmenden Empfindungen, die mit ihrer Freiheit einhergehen, neue Herausforderungen bei der Interaktion mit den menschlichen Klienten. Im Grunde ist diese SciFi-Geschichte also ein hochtechnisierte Coming-of-Age-Geschichte mit einem sehr zynischen, selbstkritischen Protagonisten.
Dazu kommt ein sich durch die vier Bände ziehender Plot von fiesen Großfirmen, die für ihren Profit vor nichts zurückschrecken. Hätte die SecUnit nicht ihren Job extrem gut erledigt, wäre die Gruppe der alternativen, selbstbestimmt lebenden Menschen um Dr. Mensah schon im ersten Band bei ihrer Forschungsmission von ihnen getötet worden. Dr. Mensah kauft deswegen die SecUnit von ihrer Betreiberfirma frei - woraufhin diese erst einmal untertaucht, weil sie nicht weiß, was sie mit ihrem plötzlich gewonnenen Leben anfangen soll. An manchen Stellen geht es zwar etwas zäher voran, viele Seiten, auf denen es darum geht verschiedene Sicherheitsvorkehrungen auszuschalten, aber es gibt auch actionreiche Szenen, die sehr anschaulich geschildert werden und gleichzeitig durch die ironischen Kommentare der kämpfenden SecUnit recht witzig sind. 

Alles in allem bin ich sehr angetan von Tagebuch eines Killerbots und kann es jedem, der Science Fiction nicht komplett von seinem Lesemenü gestrichen hat, empfehlen.

Martha Wells, Tagebuch eines Killerbots. Heyne, München 2019.

Saturday, May 07, 2022

Johannes Mario Simmel - Ein Autobus groß wie die Welt

Johannes Mario Simmel ist ein inzwischen oftmals belächelter Autor, der bei einer bestimmten Generation beliebt und - oft in Buchclub-Ausgaben - Schrankwandregale füllte. Ich kann dazu eigentlich nichts sagen, weil ich nichts von ihm gelesen habe. Bis auf eine Geschichte, die ich als Kind als Hörspiel so oft gehört habe, dass die Wiederbegegnung viel Freude gemacht hat. 

Ein Autobus groß wie die Welt (1951) erzählt die Geschichte einer Kinderverschickung (heute würde man Freizeit sagen...), bei der eine Gruppe von 19 Kindern mit einer Erzieherin und dem Busfahrer aufbrechen, um die Kinder in den Winterurlaub zu bringen. Erstes Highlight - sie nehmen wirklich ein Schaf mit in den Bus! Das hat ein Mädchen als Lamm geschenkt gekriegt und nun soll es vielleicht doch besser nicht mehr im Kinderzimmer wohnen...! Dann dramatische Szenen, als eine Lawine in der Nähe des Busses niedergeht und der Bus festsitzt. Noch viel dramatischer: Eines der Kinder hat Diphtherie und muss zu Fuß ins Krankenhaus gebracht werden, was schließlich dazu führt, dass die Kinder allein im Bus zurückbleiben... 

Die kurze Geschichte hat leicht stereotype Charaktere, was vielleicht nicht anders zu erwarten ist: Der Schlaumeier mit den guten Ideen, der Unruhestifter, der egoistische Dicke usw.  Ungewöhnlich ist, dass die Erwachsenen die Kinder in den Entscheidungsprozess mit einbeziehen und sogar abstimmen lassen. Die Kinder verinnerlichen dies und treffen gemeinsam sinnvolle Entscheidungen. Das ist vielleicht Lernen mit dem Holzhammer, aber dennoch ist es alles in allem eine anrührende und vor allem spannende Geschichte. Mir hat sie als Kind gut gefallen und sie gefällt mir auch heute noch. 


Martin Walker - Grand Prix

In Martin Walkers Serie um Bruno, Chef de Police, geht es selten hauptsächlich um den Kriminalfall, es sind eigentlich idyllische Romangemälde über eine fiktive französische Kleinstadt mit liebenswerten Charakteren und Berichten von gutem Essen und Wein. Es sind Wohlfühlbücher und ich glaube, das macht auch den Erfolg der Serie aus. Auch ich lese/höre sie schließlich deswegen. Leider scheint es auch dafür Grenzen zu geben, denn Grand Prix war für mich ein echter Tiefpunkt der Reihe. 

Es geht um Autos - zunächst muss Bruno als Beifahrer bei einer Oldtimer-Rallye einspringen. Die Schilderung der Straßenbeläge und Kurvenlage war schon mäßig spannend für mich. Persönliches Desinteresse, zugegeben. Dann kommt nach und nach heraus, dass sich der ganze Fall (inklusive zweier Morde) um die Suche nach einem verschwundenen Oldtimer (einem Bugatti 57) dreht. Für mich trotz des Wertes des Fahrzeugs ein eher sehr schwaches Mordmotiv. Nebenbei geht es auch mal wieder um ein bis zwei Jugendliche, die Bruno kraft seiner Person persönlich rettet und die sonst natürlich Berufskriminelle geworden wären. Achja, und die übliche Frauengeschichte - eigentlich heult er Isabelle hinterher, die auch einen plot-technisch völlig unverständlichen Auftritt hat, aber verliebt sich selbstverständlich neu und selbstverständlich auch wieder in eine Frau, die St. Denis und ihn tags drauf wieder verlässt. Am Plot kann ich nicht viel Überzeugendes, nur viel Sentimental-Auto-Schwärmerisches finden, die Auflösung hat mich wenig interessiert. 

Natürlich werde ich dennoch nach St. Denis zu Bruno zurückkehren, aber dieser Band war kein Treffer.

Martin Walker, Grand Prix. Diogenes 2017. 

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