Sunday, August 07, 2016

Jeffery Deaver - Der Insektensammler

Der Insektensammler ist ein Jugendlicher namens Garrett aus einem kleinen Ort in North Carolina, der verdächtigt wird einen jungen Mann ermordet und zwei Mädchen verschleppt zu haben. Lincoln Rhyme und Amelia Sachs sind in der Gegend, weil Lincoln Rhyme sich eine experimentellen Operation unterziehen möchte, um vielleicht einen Teil seiner motorischen Fähigkeiten zurückzugewinnen, natürlich birgt dies auch gesundheitliche Risiken und Amelia ist gegen die Operation. Sie ist daher sofort dafür, die lokale Polizei in den Ermittlungen zu unterstützen, als diese mit der Bitte nach Analyse der Tatortspuren an sie herantreten. Doch die Spurenlage ist dürftig und Rhyme fühlt sich unwohl, weil er sich mit den geologischen, infrastrukturellen Gegebenheiten nicht so gut auskennt wie daheim in New York. Amelia hingegen muss feststellen, dass nicht alle der hiesigen Polizeibeamten sie unterstützen und auch andere Einwohner des Ortes scheinen eigene Interessen zu verfolgen und den Jungen um jeden Preis selbst finden und töten zu wollen. Polizeiliche Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit stehen in diesem Fall von Anfang an in Frage. Als der Junge schließlich doch festgenommen wird, beteuert er seine Unschuld, will aber das Versteck von einem der verschleppten Mädchen nicht verraten. Irrationalerweise schlägt sich Amelia plötzlich auf seine Seite und flieht mit Garrett, um ihn dazu zu bringen, sie zu dem Versteck zu bringen. Daraufhin sind Polizei und die Gruppe von aggressiven und bewaffneten Männern hinter ihnen her. Rhyme bleibt nichts übrig, als zu versuchen, den Spuren doch noch mehr Informationen abzupressen. Es kommt zu einem actionreichen Showdown, Garretts Handlungsweisen erklären sich, aber Amelia hat auf der Flucht einen Polizisten erschossen und sieht nun ihre Karriere und Zukunft zerstört. Aber Lincoln Rhyme gibt sie nicht auf und weitere Spuren und Ermittlungen bringen Rettung. 

Der Plot von Der Insektensammler hat Stärken und Schwächen. Das Erzähltempo ist hoch, man hat das Gefühl von mehreren Akten, in denen sich die Dramatik noch steigert. Viele der Charaktere sind nicht, für wen man sie zunächst hält, und es ist ein ungutes Gefühl, nicht zu wissen, wem man trauen soll. Vielleicht ist dies auch einer der Kritikpunkte - es bleiben nur wenige "Gute" übrig. Das schadet der Glaubhaftigkeit des Buches. Auch waren mir einige der Charaktere zu emotional und handelten dadurch irrational - was man beispielsweise von Amelia Sachs nicht in der Form erwartet hätte. Größter Kritikpunkt ist, dass Rhyme die Bedeutung einer Spur nicht erfasst (natürlich damit die Erkenntnis die Aufklärung erst gegen Ende ermöglicht) - das ist bei seiner Genialität eigentlich nicht denkbar. Der Insektensammler selbst war ein interessanter Charakter, aber auch er ist an einigen Stellen inkongruent, mal ist er der verletzliche Junge, dann wieder handelt er logisch-berechnend in einer Weise, die nicht dazu passen will.
Spannend bleibt der Roman dennoch bis zum Ende und das Setting in North Carolina ist interessant umgesetzt.

Jeffery Deaver, Der Insektensammler. Blanvalet, München 2003.

Jeffery Deaver's Lincoln Rhyme series

#1 Der Knochenjäger (Originaltitel: The Bone Collector, 1997)
#2 Letzter Tanz (Originaltitel: Coffin Dancer, 1998)
#3 Der Insektensammler (Originaltitel: The Empty Chair, 2000)
#4 Das Gesicht des Drachen (Originaltitel: The Stone Monkey, 2002)
#5 Der faule Henker (Originaltitel: The Vanished Man, 2003)
#6 Das Teufelsspiel (Originaltitel: The Twelfth Card, 2005)
#7 Der gehetzte Uhrmacher (Originaltitel: The Cold Moon, 2006)
#8 Der Täuscher (Originaltitel: The Broken Window, 2008)
#9 Opferlämmer (Originaltitel: The Burning Wire, 2010)
#9.5 A Textbook Case, 2013
#10 Todeszimmer (Originaltitel: The Kill Room, 2013)
#11 Der Giftzeichner (Originaltitel: The Skin Collector, 2014)
#11.5 The Deliveryman, 2016
#12 Der talentierte Mörder (Originaltitel: The Steel Kiss, 2016)
#13 Der Komponist (Originaltitel: The Burial Hour, 2017)
#14 Der Todbringer, (Originaltitel: The Cutting Edge, 2018)
#15 The Midnight Lock, 2021

Jeffery Deaver's German Website
Jeffery Deaver's Website 

Saturday, August 06, 2016

Franz Kafka - Die Verwandlung

"Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt."

Damit beginnt Kafka berühmte Erzählung Die Verwandlung, von ihm 1912 verfasst. Das erneute Lesen bzw. Anhören der Geschichte über die Familie, die damit zurecht kommen muss, dass statt ihrem fleißig für das Familieneinkommen arbeitende Sohn nun ein Käfer in der Wohnung lebt, hat mich nicht für sie erwärmen können. Natürlich gibt es zahlreiche Deutungsansätze und literarische Bezüge für diese Metamorphose, auch eine biographische Interpretation, z.B. in Hinblick auf Kafkas schwieriger Vaterbeziehung ist denkbar, aber bei alledem kann mich die Geschichte, so wie sie erzählt wird, nicht recht packen. Muss sie vielleicht auch nicht.

Franz Kafka, Die Verwandlung. Argon 2009.

Tuesday, August 02, 2016

Ethan Cross - Ich bin die Nacht

Fast sieben Stunden Audiobook (bzw. 400 Seiten) lang ist dieser Thriller des amerikanischen Autors, der unter dem Namen Ethan Cross nun bereits vier Bände der Reihe veröffentlicht hat.
Zunächst erhält man den Eindruck, es ginge um die Verfolgung des psychopathischen Serienmörders Francis Ackerman junior, der mit seinen Opfern "Spiele" spielt, um ihnen angeblich eine Chance zu geben zu überleben. Nach und nach werden immer mehr Charaktere eingeführt, die einander als Gegenspieler von Ackerman ablösen. Konfuse Wendungen im Plot (Verschwörung! Geheimorganisationen!) und unwahrscheinliche physische und psychische Leistungen einzelner Personen und immer wieder pseudophilosophisches Schwadronieren  über Licht und Dunkel und Bestimmung (Wolf, Lamm oder Hirte?) machen den Roman relativ schnell zu einer echten Zumutung.
Achtung Spoiler: Wenn sich über vier Fünftel eines actionreichen Plots mit zahlreichen Toten und tragischen Kämpfen um Leben und Tod als reines Rekrutierungsszenario für eine Geheimorganisation zur Bekämpfung von Serienmördern mit allen Mitteln jenseits von Gesetz und Ordnung herausstellen, dann weiß man wirklich nicht mehr, warum man das alles gelesen hat. Sprachlich ist das ganze auch noch sehr flach, vor allem die achso-bedeutsamen Metaphern passen nicht, schon gar nicht in Bezug auf die brutale Gewalt die der philosophische Ackerman und der gewissenlose Sheriff an den Tag legen.
Ein schlechtes Buch.

Ethan Cross, Ich bin die Nacht, Lübbe Audio 2013.

Sunday, July 31, 2016

Nicholas Sparks - Wie ein einziger Tag

Vorhersehbar und kitschig sind die ersten zwei Adjektive, die mir zu Wie ein einziger Tag einfallen. Von meinen Challenges lasse ich mich ja gern auch mal dazu anregen, außerhalb meiner Vorlieben zu lesen, aber an den romantischen Frauenbüchern scheitere ich doch jedes Mal. Die erzählerischen Elemente und Gefühle und auch die Protagonisten in diesem wie auch in anderen Romane von Nicholas Sparks oder von ähnlichen Autoren sind klischeeüberfrachtet und das Happy End immer zahnschmerzsüß.
Diesem speziellen Roman kann man den tragischen Rahmen des im Altersheim unter Alzheimer leidenden Paares zugute halten, aber auch hier wird die Tragik süßlich durch die immer währende Liebe zumindest zum Teil überwunden. Und wenn ich auch weiß, dass es nicht realistisch sein soll, dass es zu Tränen rühren soll, dann kann ich diese dick aufgetragene Sahnschicht dennoch nicht ertragen - zu anders ist meine Vorstellung von einem guten Roman. 

 Nicholas Sparks, Wie ein einziger Tag. Heyne, München 2013.

Saturday, July 30, 2016

John Steinbeck - Von Mäusen und Menschen

Lenny und George sind auf dem Weg zu einer neuen Arbeitsstelle auf einer Farm nahe Soledad, Kalifornien. Ihren alten Arbeitsplatz mussten sie verlassen, weil der große, sehr starke, aber geistig schwache Lenny dort "Ärger gemacht" hat. George verzweifelt oft an der Begriffsstutzigkeit und Vergesslichkeit von Lenny und denkt, dass er es ohne ihn leichter hätte, aber sie bleiben dennoch beieinander.
Diese Verbundenheit zeichnet sich auch in dem gemeinsamen Traum von einer eigenen kleinen Farm aus, ist aber gleichzeitig der Anlass von Misstrauen der anderen Arbeiter auf der neuen Farm.  Dort ist der Ärger bereits vorprogrammiert, denn der Farmersohn Curley ist aggressiv und seine Frau so einsam, dass sie ständig Kontakt zu den Arbeitern sucht, was Curley natürlich gar nicht gefällt.
Eines Tages erlaubt sie Lenny, ihr Haar zu streicheln, was für diesen mit seiner Vorliebe für alles Weiche zu verlockend ist, um zu wiederstehen. Als es ihr zuviel wird, kann er nicht aufhören und bricht ihr das Genick, als er versucht, sie am Schreien zu hindern.
Lenny flieht, wie er es vorher mit George vereinbart hat für den Fall, dass "etwas Schlimmes" passiert. George kommt ihm nach und sie sprechen ein letztes Mal von ihrem Traum von der gemeinsamen Farm - bevor ihn George in den Hinterkopf schießt und damit der Lynchjustiz von Curley und den anderen bewahrt.

Die Novelle war bei ihrem Erscheinen 1937 in den USA recht erfolgreich und wurde bereits zwei Jahre später verfilmt. Eine zweite Verfilmung mit John Malkovich als Lenny erschien 1992. Natürlich wurde sie auch wie viele amerikanische Klassiker immer wieder in Schulen angefochten, wegen angeblicher Verherrlichung von Euthanasie, rassistischer Aspekte oder auch nur wegen vulgärer Sprache.

Beeindruckend an Von Mäusen und Menschen ist, dass auch fast 80 Jahre nach dem Erscheinen die Themen noch genauso aktuell sind: Einerseits die Einsamkeit und als Gegenpol dazu die Suche nach Freundschaft und einem verlässlichen Partner. Andererseits das Leiden darunter, gesellschaftlich und finanziell niedriggestellt und chancenlos zu sein und als Gegenentwurf dazu das Streben nach Unabhängigkeit, sowohl persönlich als auch ökonomisch. Dramatik entsteht durch das Scheitern beider Gegenentwürfe in der Freundschaft von Lenny und George, die Lennys Defizite und Fehler nicht überbrücken kann, so dass George keinen Ausweg mehr sieht und ihrenTraum aufgeben muss.
Besonders gefallen haben mir die vielen symbolischen Querbezüge - und dadurch die Deutungsfülle - und die sehr klar gezeichneten Charaktere, die Steinbeck in dieser kurzen Erzählung unterbringt - so manch 500+ Seiten lang schreibender Krimiautor sollte sich davon inspirieren lassen...


John Steinbeck, Von Mäusen und Menschen. Hörbuch Hamburg 2009.

Thursday, July 28, 2016

Lars Kepler - Paganinis Fluch

Nach dem Lesen des ersten Bands der Reihe, Der Hypnotiseur, gab es für mich einige Kritikpunkte trotz einer insgesamt positiven Einschätzung. Über ein Jahr später überzeugt mich jetzt Paganinis Fluch, die weiteren Bände der Reihe um Joona Linna auch noch zu lesen.

Der Selbstmord von Carl Palmcrona, der Generaldirektor der Staatlichen Waffenkontrollbehörde in Schweden, und die tote Frau, die im Inneren einer Jacht, die in den Stockholmer Schären treibt, aufgefunden wird, scheinen zunächst nichts miteinander zu tun zu haben. Doch sein Instinkt sagt Joona Linna, dass an beiden Fällen etwas seltsam ist, er bohrt weiter und findet eine Verbindung.
Als der Zusammenhang mit Waffenhandel offensichtlich wird, ermittelt auch der Staatsschutz und Joona bekommt Hilfe von Saga Bauer, einer ungewöhnlichen Frau, die ebenso wie Joona nicht ganz ins System passen will. Gemeinsam jagen sie einem Killer hinterher, der scheinbar unaufhaltsam sein Ziel verfolgt, wie wir aus der Perpektive des Opfers wissen, deren Flucht wir mitverfolgen. 
Joona und Saga decken Schritt für Schritt die Hintergründe auf, während sie gleichzeitig versuchen den Killer zu stoppen und schließlich an dessen Auftraggeber heranzukommen.
Paganinis Fluch bedient sich wie auch der erste Band der Reihe mehrerer Erzählperspektiven, diesmal liegt allerdings der Fokus stärker bei den Ermittlern. Das Erzähltempo ist hoch, es gibt wenige Szenen, die das Geschehen nicht vorantreiben oder neue Informationen bringen, dadurch wird der Spannungsbogen bis zum Schluss gehalten. 
Das Musik-/Geigen-/Paganinithema wirkt zwar manchmal etwas aufgesetzt, z.B. wenn die Musik auch in Sagas Sexleben eine Rolle spielt (sie hört dabei ein "erotisches Duett für Violoncello und Mezzosopran", Kapitel 73), schafft aber andernorts eine sinnvolle Verbindung zwischen zwei Handlungssträngen.
Es bleibt spannend zu sehen, wie das Autorenduo die beiden Ermittlercharaktere weiterentwickeln wird, einige Fragen bleiben noch bewusst offen, glücklicherweise ist Saga trotz der Feenhaftigkeit ihres Äußeren ein toughe, intelligente Frau (im Gegensatz zu den problematischen Frauenfiguren aus Der Hypnotiseur
Lars Kepler, Paganinis Fluch. Bastei Lübbe, Köln 2011.

Lars Kepler's Joona Linna series

photo:  Frankie Fouganthin 

Lars Kepler is the pen name for the Swedish literary couple Alexander Ahndoril and Alexandra Coelho Ahndoril.

#1 Der Hypnotiseur, 2010 (Original: Hypnotisören, 2009)
#2 Paganinis Fluch, 2011 (Original: Paganinikontraktet, 2010)
#3 Flammenkinder, 2012 (Original: Eldvittnet, 2011)
#4 Der Sandmann, 2014 (Original: Sandmannen, 2012)
#5 Ich jage dich, 2015 (Original: Stalker, 2014)
#6 Hasenjagd, 2017 (Original: Kaninjägaren, 2016)
#7 Lazarus, 2019 (Original: Lazarus, 2018)
#8 Der Spiegelmann, 2020 (Original: Spegelmannen, 2020)
#9 Spinnennetz, 2023 (Original: Spindeln, 2022)
#10 Der Nachtgänger, 2025 (Original: Sömngångaren 2024)

Wednesday, July 27, 2016

Astrid Lindgren - Die Menschheit hat den Verstand verloren

Als Synchronstimme von Pippi Langstrumpf ist Eva Mattes bereits länger mit Astrid Lindgren verbunden. Jetzt liest sie die Kriegstagebücher der Autorin, die diese von 1939-1945 verfasste. Vorangestellt ist den Texten eine biographische und historisch-politische Einordnung der Texte:
Schweden konnte als eines der wenigen Länder Europas weitgehend neutral bleiben während des zweiten Weltkriegs, bekommt aber die Auswirkungen natürlich dennoch zu spüren. Astrid Lindgren steht am Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere, verfasst in dieser Zeit Pippi Langstrumpf und blickt besorgt und sehr aufmerksam auf die weltpolitischen Geschehnisse.

Beeindruckend fand ich, dass sich Lindgren praktisch selbst den Auftrag erteilt, die Ereignisse dieser Zeit zu dokumentieren. Sie fühlt sich verpflichtet, ihre Eindrücke aufzuschreiben, darüber zu reflektieren, auch wenn sie um deren Subjektivität natürlich weiß. So wechseln auch Phasen intensiver Auseinandersetzung und detaillierter Beschreibungen mit eher lückenhaften Berichten (einiges mag aber auch den Kürzungen für die Audiobookausgabe geschuldet sein). Durchsetzt ist alles auch mit ihren privaten Erlebnissen, den Familienfesten, Krankheiten der Kinder oder ihrer Ehekrise. Dabei verliert sie dennoch nie das Gesamtbild, die Bedeutung dieses Krieges für die Welt und die Menschen und Kinder, aus dem Auge. Sie kann Verständnis zeigen für die verschiedenen Seiten des Konflikt, zeigt sogar Mitgefühl mit der deutschen Zivilbevölkerung, was angesichtes der Greueltaten des deutschen Volkes auch in Skandinavien überraschen muss. Durch Schwedens Sonderposition in diesem Konflikt hat auch Astrid Lindgren einen besonderen Blickwinkel, nur manchmal blitzt eine Art schlechtes Gewissen durch, weil ihre Familie beruflich und dadurch auch finanziell durch den Krieg profitiert. Einzigartig ist ihre Sicht auch, weil sie nicht nur Zeitungen, Radiosendungen und private Gespräche als Quellen für ihre Beobachtungen und ihre Berichterstattung hat, sie arbeitet außerdem in der Abteilung für Briefzensur des schwedischen Nachrichtendiensts und hat Einblicke in private Korrespondenz von Flüchtlingen und anderen.
In einem Bericht in Die Welt wird erklärt, dass aufgrund des großen Umfangs und reichen Bildmaterials in den 17 Notizbüchern die Kriegstagebücher lange nicht veröffentlicht wurden. Hier musste schließlich, so wird Tochter Karin Lindgren zitiert, auf  den Abdruck vieler der Zeitungsausschnitte, die darin eingeklebt waren, verzichtet werden. Die Resonanz in Schweden beim Erscheinen der Tagebücher war gemischt, da Lindgrens Aussagen eindeutig klarmachen, dass die Menschen in Schweden vom deutschen Holocaust wussten, und auch die damalige große Angst vor Russland, teilweise größer als die Angst vor dem Nationalsozialismus und vor Hitler, wirkt heute auf manche unangenehm.
 So bieten diese Aufzeichnungen allen Lesern neue Perspektiven auf die historischen Ereignisse, Einblicke in das Privatleben der Autorin und lösen vor allem einmal mehr Bewunderung aus für die Sensibilität, Klugheit und den Weitblick der damals noch jungen Astrid Lindgren. 

Astrid Lindgren, Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Hörbuch Hamburg 2015.

ZenArtChallenge July 21-31

Finished early this month... 

Friday, July 22, 2016

Eckhart Nickel - Gebrauchsanweisung für Portugal

Bei der Reihe der Länder-"Gebrauchsanweisungen" aus dem Piper-Verlag weiß man nie, was man bekommt: Das Konzept ist, dass sich die Autoren "mit persönlichem Blick den Ländern, Regionen oder Städten auf ungewöhnliche und literarische Weise annähern", so der Verlag.

So unterschiedlich die Autoren, so unterschiedlich ist selbstverständlich auch das Ergebnis. Eckhart Nickel ist deutscher Schriftsteller und Journalist (u.a. für ZEIT und SZ) und liebt Portugal schon seit langem und unternahm zahlreiche Reisen in das Land. Er strukturiert seine Gebrauchsanweisung in Kapiteln mit knappen Überschrift - zumeist in Verbform - wie "Unterkommen", "Essen", "Trinken" oder "Beten".
Er informiert anekdotisch über die portugisische Geschichte und die Hintergründe einige Gebräuche und Gegebenheiten und gibt dadurch nebenbei auch einige Tipps für den Reisenden. Dabei behandelt er Land und Leute durchaus mit einem liebevollen Blick und nicht allzu kritisch. Einiges ist sehr von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt und so ergab sich bei mir der Eindruck von sehr subjektiven Momentaufnahmen, aber einen wirklichen Überblick glaubt man nach Beendigung der Lektüre nicht zu haben. Natürlich waren einige Beobachtungen witzig und vieles ließ sich auch - kurz nach der Madeira-Reise - durch eigene Erfahrungen bestätigen. Ob sich die Portugiesen gut repräsentiert fühlen würden, kann ich nicht beurteilen. Nickel schreibt in einem literarischen Tonfall, vielleicht rührt der Eindruck von subjektiv geprägten Informationen auch daher. Als Einstimmung für oder Nachsinnen über eine Protugalreise aber dennoch geeignet - als klare Informationsquelle hingegen eher weniger, aber das ist ja auch nicht das Anliegen der Reihe.

Eckhart Nickel, Gebrauchsanweisung für Portugal. Piper, München 2003.

Sunday, July 17, 2016

Juan Villoro - Das wilde Buch

Juan Villoro ist in seinem Heimatland Mexico bekannt und beliebt, Das wilde Buch war dort ein Bestseller.
Der 13jährige Juan wird in den Ferien zu seinem schrulligen Onkel Tito geschickt, der ganz allein in einer riesigen und mysteriösen Bibliothek lebt. Laut seinem Onkel ist Juan ein besonderer Leser, der Einfluss auf Bücher hat, die sich für ihn bewegen und verändern können. Er soll seinem Onkel bei der Suche nach dem wilden Buch helfen, welches im Haus lebt, aber das bisher von niemandem "gefangen" oder gelesen wurde.
Juan betrachtet diese Aufgabe mit großer Skepsis und glaubt seinem Onkel längst nicht alles, was dieser ihm über Bücher und ihr Verhältnis zu ihren Lesern erzählt. Vielmehr beschäftigt ihn die Trennung seiner Eltern, das Unglück seiner Mutter darüber, aber auch seine neue Verliebtheit in die Tochter der Apothekerfamilie gegenüber. Auch seine Schwester kommt später noch zu ihm und seinem Onkel und erst als sich all diese Menschen ihrer Beziehungen und ihrer Verantwortungen einander gegenüber bewusst werden, lässt sich das wilde Buch fangen und schreibt sich selbst...
Der Roman ist eine Mischung aus abenteuerlicher Suche, Problemgeschichte und poetischem Nachdenken über die Bedeutung von Büchern, dem Lesen und Geschichten für die Menschen in einer Sprache, die auch für Kinder angemessen ist, ohne dabei ihren Anspruch zu verringen. Kein schlechtes Buch.

Juan Villoro, Das wilde Buch. Hanser, München 2014.

Saturday, July 16, 2016

Paula Hawkins - Girl on the train

Aus der Sicht von drei Frauen, Rachel, Megan und Anna, werden die Geschehnisse im kleinen Londoner Vorort Ashbury um Juni bis Augst 2013 erzählt.
Rachel ist das Girl on the train, sie ist Alkoholikern, arbeitslos und täuscht ihrer Mitbewohnerin immer noch täglich vor zur Arbeit zu fahren, obwohl sie zwischen ihren Pendlerzugfahrten in London nichts erwartet. Aber sie träumt sich im Vorbeifahren in ihr altes Leben mit ihrem Exmann Tom zurück, der mit seiner neuen Frau Anna und Kind in Rachels altem Haus in Ashbury lebt. Außerdem beobachtet sie ein Pärchen - Megan und Scott -, das ihren Lebenstraum zu leben scheint - bis sie eines Tages vom Zug aus Megan im Garten mit einem anderen Mann sieht. Kurz darauf verschwindet Megan und irgendwie findet sich Rachel inmitten dieser Geschichte wieder. Sie ist darin verwickelt, ohne aber wirklich zu wissen, was genau passiert ist, denn das Alkoholblackout lässt sie sich nur an Bruchstücke des entscheidenden Abends erinnern. So kann die Polizei ihre Aussagen zunächst nicht ernstnehmen und in ihrer Verzweiflung wendet sich Rachel an alle, die ihr in Ashbury begegnet sind. Lange bleibt unklar, was Anna, Tom, Megan, Scott und Rachel in der Tatnacht genau getan haben, nur mühsam gelingt es Rachel ihre Erinnerungen zu rekonstruieren.
Die beiden anderen Frauen ergänzen mit ihren Sichtweisen, ihren Wahrnehmungen und Erinnerungen die Geschichte, verraten aber dennoch nie zuviel. Dadurch wird der Spannungsbogen gehalten und auch die unterschiedlichen Perspektiven auf Wünsche, Träume der Frauen und die verschiedenen Wahrnehmungen von Ereignissen werden sehr deutlich. Die Themen Trauma, psychischer Missbrauch und Alkoholismus tragen zum Facettenreichtum von Girl on the train bei.

Rachel ist mir persönlich zwar unsympathisch geblieben, ihre Hartnäckigkeit stand für mich teils in Widerspruch zu ihrer Alkoholsucht, aber es ist eine gut konstruierte und spannende Geschichte mit einem interessanten Aufhänger - denn wer hat nicht schon einmal auf langen, eintönigen Zugfahrten aus dem Fenster geschaut und über die Menschen nachgedacht, an deren Häusern und Gärten man vorbeifährt?

Das Audiobook überzeugt mit drei verschiedenen und kompetenten Sprecherinnen für die unterschiedlichen Perspektiven.

Paula Hawkins, Girl on the train. Random House Audio 2015.

Wednesday, July 13, 2016

Lene Kaaberbøl - Die Feuerprobe (Wildhexe #1)

Lene Kaaberbøl





Monday, July 11, 2016

Jennifer Rush - Escape (Altered #1)

Die Ich-Erzählerin Anna in Jennifer Rushs Roman Escape wächst in einer bizarren Umgebung auf, sie wird zuhause unterrichtet und hilft ihrem Vater bei der Betreuung von vier Jungen, die bei ihnen im Keller eingesperrt sind. Es handelt sich um ein genetisches Experiment - es sind keinen normalen Jungen, sondern sie sind mit Fähigkeiten und Kräften ausgestattet, die sie zu Superwaffen machen sollen.
Als das Experiment eines Tages beendet werden soll und die Agenten der beauftragenden Organisagtion die Jungen abholen sollen, nutzen diese ihre Kräfte und fliehen. Die Umstände führen dazu, dass die vier Anna mitnehmen - eine Tatsache, über die nicht alle begeistert sind, obwohl Anna eine besondere Beziehung zu einigen der Vier hat. Ihre Flucht entwickelt sich zu einer Art Schnitzeljagd nach Hinweisen, mit denen die Jungen mehr über ihre Vergangenheit erfahren wollen, denn sie leiden als Folge der genetischen Veränderungen unter Amnesie. Dabei muss Anna zunehmend feststellen, dass ihre Anwesenheit unter den vier Jungen doch kein Zufall war, sondern dass auch ihre Vergangenheit Geheimnisse birgt. Davon werden selbstverständlich nur einige in Escape aufgeklärt, damit auch noch ausreichend Mysteriöses für die Folgebände übrig bleibt. Lovestory inklusive.
Unterhaltsamer erster Band, auch wenn die männlichen Protagonisten wie die Mitglieder einer gecasteten Boygroup anmuten und Anna leider nicht die schlaueste ist... Ganz typisch für das Genre eben.

Jennifer Rush - Escape (Altered #1). Loewe, Bindlach 2013.

Sunday, July 10, 2016

Arnaldur Indridason - Duell

Island im Jahr 1972: Mitten im Kalten Krieg treffen sich die weltbesten Schachspieler Bobby Fischer und Boris Spasski ("Match des Jahrhunderts") und spielen um den Weltmeistertitel. 
Als ein jugendlicher Isländer in einem Kino ermordet wird, ist Kommissar Mariam Briem (später Ausbilder von Erlendur aus Indridasons bekannter Krimireihe) zunächst ratlos, was das Motiv sein könnte. Er verfolgt sensibel alle möglichen Spuren und treibt durch die Befragung der anderen Kinobesucher, die nicht alle leicht aufzufinden sind, schließlich eine Spur auf, die zu ausländischen Geheimdiensten (russische und amerikanische) führt, so unglaubwürdig dies im beschaulichen Reykjavík auch zunächst erscheint. Die anfängliche Ermittlungsarbeit baut logisch aufeinander auf, gespannt verfolgt man die mit Mariam die Spuren. 
Dennoch trägt die Spannung einen nicht bis zum Ende, trotz eines mit Action versehenen Finales. Der Titelbezug fällt schwach aus und auch die Wichtigkeit von Mariam als Persönlichkeit lässt nach - plötlich entwickelt sich der Fall mehr um ihn herum, als dass er ihn vorantreibt. So kann Duell nicht ganz überzeugen und darüber kann einen auch nicht Erlendurs Miniauftritt am Ende als frischgebackener Streifenpolizist hinwegtrösten. 


Arnaldur Indridason - Duell. Lübbe Audio 2014.
 

Monday, July 04, 2016

ZenArtChallenge June 2016 revisited

All of June's tangles of the June ZenArtChallenge combined in one big zentangle piece. 

Wool

Cute woolen postcard 
from a postcrossing meeting in Passau, 
sent by busy-marie - thanks a lot!

Sunday, July 03, 2016

Love

Love by Alexandr Milov, from Odessa, Ukraine, presented at Burning Man (festival in Nevada, USA)

The sculpture "demonstrates a conflict between a man and a woman as well as the outer and inner expression of human nature. The figures of the protagonists are made in the form of big metal cages, where their inner selves are captivated. Their inner selves are executed in the form of transparent children , who are holding out their hands through the grating. As it’s getting dark (night falls) the children chart to shine. This shining is a symbol of purity and sincerity that brings people together and gives a chance of making up when the dark time arrives."

Friday, July 01, 2016

ZenArtChallenge June 2016

Heather Buchman started a Zentangle Challenge with one tangle pattern per day and named it #ZenArtChallenge. Here's the link to the facebook group. This is my journal spread with all the patterns of the completed June challenge.

Thursday, June 30, 2016

Pierre Lagrange - Tod in der Provence

Pierre Lagrange ist das Pseudonym eines deutschen Krimiautors, so der Fischer Verlag. Dahinter steckt Sven Koch, dessen Krimis zum Teil an der deutschen Nordseeküste spielen, der aber in OWL lebt und arbeitet.
In diesem provenzialischen Krimi kommt der pensionierte Commissaire Leclerc nicht von den ungelösten Fällen verschwundener und ermordeter Frauen los. Sie alle haben scheinbar nichts gemeinsam - außer ihrer roten Haarfarbe. Als weitere Opfer auftauchen, setzt Leclerc alles daran, trotz seiner Pensionierung an den Ermittlungen teilzuhaben.
Parallel dazu wird die Geschichte der Malerin und Illustratorin Hanna "Henna" Streuben - natürlich rothaarig - erzählt, deren Mann Niklas von seinem Onkel ein kleines Chateau in der Provence geerbt hat. In ihrer Ehe gibt es massive Schwierigkeiten, Niklas arbeitet zuviel und zeigt kein Interesse für seine Frau oder seine Tochter. Hanna schöpft Hoffnung, als Niklas das Chateau in ein Hotel umwandeln und in der Provence bleiben möchte. Doch Niklas verhält sich weiterhin ignorant und entfernt sich immer weiter von ihr.
Die beiden Perspektiven sind mit den Stimmen von Wolfram Koch (Tatort Frankfurt, Hauptkommissar Brix) und Britta Steffenhagen gut besetzt. Sie spiegeln den Kontrast zwischen dem leicht verschrobenen, aber raffiniert vorgehenden Franzosen, der mit seinem Mops spricht und schüchtern der Blumenverkäuferin den Hof macht, und der überemotionalen Künstlerin, die zwar zunächst recht ahnungslos ist, aber schließlich doch Strategien zu ihrem eigenen Schutz entwickelt. Von den beiden Protagonisten ist Leclerc definitiv der besser gezeichnete Charakter, er handelt stringend, ist liebenswert und humorvoll. Hanna hingegen verliert sich in ihren eigenen verwirrenden Emotionen und geht ihre Probleme gar nicht oder auf sehr verqueren Wegen an. Wenn dies vom Autor als absichtlicher Kontrast so angelegt war, dann hätte es auch ein wenig weniger davon getan. Aber ein Wiedersehen mit Leclerc kann ich mir gut vorstellen...

Pierre Lagrange, Tod in der Provence. DAV 2016.



Sunday, June 26, 2016

Lemony Snicket - Der Fluch der falschen Frage


Lemony Snicket (eigentlich Daniel Handler, *1970 in San Francisco) schreibt über die Erlebnisse seines fiktionalen Selbsts als Lehrling von 12 Jahren. Er soll von S. Theodora Markson ausgebildet werden und für ihren ersten gemeinsamen Auftrag reisen sie nach Schwarz-aus-dem-Meer, einer heruntergekommenen Stadt, in der nur Tinte (natürlich von Tintenfischen...) produziert wird, um dort eine Statue zu finden und ihrem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Lemony lernt dabei die skurillen Charaktere der Stadt kennen und stellt scheinbar immer die falschen Fragen, was Theodora aufregt und ihn aber irgendwie doch voranbringt..., ans Ziel wird er wohl erst am Ende der vierbändigen Reihe kommen, wenn überhaupt.
Vermutlich lesen sich vor allem die Namen im englischen Original mit weitaus mehr Wortwitz als in der deutschen Übersetzung. Die Handlung besticht - wie auch schon in Eine Reihe betrüblicher Ereignisse (Originaltitel: A Series of Unfortunate Events) - durch Absurdität und Ironie. Das muss man mögen.
Mir war die Handlung von dieser kurzen Lemony Snicket Geschichte etwas zu ziellos, trotz der zugegeben witzigen Einfälle.

Lemony Snicket, Der Fluch der falschen Frage. Goldmann, München 2012.

www.lemonysnicket.com

Friday, June 24, 2016

Have a great summer!


This is an illustration card from the Little Golden Books series - a series that started in 1942 in the USA and changed book publishing for kids permanently. They only cost 25 cents each and made children's book affordable and available for everyone. Unfortunately the card doesn't give the title of the book nor the name of the illustrator of this lovely fishing cat. The card was sent by Irene from the Netherlands.

Thursday, June 23, 2016

A


Čtyřlístek is a Czech cartoon series by Jaroslav Němeček. It was first published in 1969. The card was sent by Lenka from Czech Republic.

Monday, June 20, 2016

Jules Verne - Reise zum Mittelpunkt der Erde

Diese Hörspieladaption von Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde wurde 2006 vom rbb/mdr produziert.

Professor Lidenbrock und sein Neffe Axel entdecken in einem alten isländischen Buch eine Wegbeschreibung ins Erdinnere. Sie reisen nach Island und mit einem einheimischen Führer namens Hans steigen sie durch den Vulkankrater des Snæfellsjökull hinab. Nach einigen Hindernissen, Wassermangel und Erschöpfung erleben sie eine unterirdische Welt voller faszinierender Landschaften und Lebewesen. Der glückliche Zufall bringt sie allen Gefahren zum Trotz durch einen anderen Vulkan sicher wieder an die Erdoberfläche. 
Jules Vernes Abenteuer und Science Fiction sind auch heute noch faszinierende Geschichten, wenngleich man sie aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, angesichts der technischen Entwicklung, die sich seit dem Erscheinen seiner Romane Ende des 19. Jahrhunderts vollzogen haben.
Das Hörspiel war durchaus ein Vergnügen, da die verschiedenen Schauplätze akustisch sehr atmosphärisch umgesetzt waren und der Erzähler den Zuhörer (Florian Lukas als Neffe Axel) einem durch das VoiceOver intensiv an seiner Gedankenwelt teilhaben ließ. 

Jules Verne, Reise zum Mittelpunkt der Erde. Der Hörverlag, 2006.

(reread: Juli 2025)

Sunday, June 19, 2016

Oliver Harris - London Killing

Oliver Harris (*1978 in London) entwirft in London Killing mit Nick Belsey einen Ermittler der verkommenen Art. Er ist Detective Constable der Londoner Polizei, spielt und trinkt, ist völlig abgebrannt und wegen des Disziplinarverfahren, das ihm droht, denkt er ernsthaft über Flucht nach. Sein letzter Auftrag soll eine Vermisstenanzeige sein - deshalb sucht er das Haus eines russischen Oligarchen namens Alexej Devereux auf und findet diesen tot in einem Versteck auf. Während Belsey noch überlegt, ob er daraus Kapital schlagen und Devereux' Identität annehmen kann, versinkt er knietief in einem Morast aus betrügerischen Finanzmachenschaften. Es entwickelt sich ein komplexer Plot mit vielen Verwicklungen und weiteren Morden, die das Gelingen von Belseys Plänen, mit dem Geld zu fliehen, immer unwahrscheinlicher machen. Mit einem temporeichen und actionreichen Showdown bringt Harris seinen Ermittler zum Ende der komplexen Geschichte und gibt ihm eine neue Perspektive.

Der Protagonist ist ein schwieriger Charakter, der einem zunächst unsympathisch erscheinen muss (mehr dazu auch in der Rezension von Andreas Kurth auf krimi-couch.de) und in seinen Entscheidungen zum Teil durchaus schwer zu ertragen ist. Insgesamt gibt es kaum positive Figuren in London Killing, die meisten handeln egoistisch und unmoralisch. Daran muss man sich als Leser/Zuhörer erst einmal gewöhnen. 
Die Story hingegen ist gut erzählt, was in ihrer Komplexität durchaus kein leichtes Unterfangen ist. Harris' London ist düster, von Geldgier und Vergnügungssucht geprägt, eine Atmosphäre, die zu Belseys Situation und Charakter passt, während man ihm durch die Stadtviertel Londons und in die Pubs folgt. Am Ende staunt man über den wilden Showdown am Flughafen Stansted, den Belsey geschickt für sich nutzt, um einigermaßen heil aus dem Schlamassel herauszukommen, zwar wieder einmal nicht moralisch integer, aber insgeheim freut man sich doch, dass er endlich mal Glück hat - und ist vielleicht auch ein wenig neugierig, was er aus dieser Chance machen wird.

Oliver Harris - London Killing. Random House Audio 2012. 

Saturday, June 18, 2016

Siegfried Lenz - So zärtlich war Suleyken

So zärtlich war Suleyken ist die erste Kurzgeschichtensammlung von Siegfried Lenz. Sie erschien erstmals 1955  und umfasst 20 Geschichten, deren Handlung im ländlichen Masuren, hauptsächlich in dem Dorf Suleyken, angesiedelt ist.


1. Der Leseteufel
Großvater Schaß ist so vernarrt ins Lesen, dass er dem Krieg durch schiere Ignoranz auszuweichen vermag. Man muss schmunzeln, denn wie oft hat man selbst schon gesagt "Nur noch das Kapitel zuende lesen..." und nichts anderes um sich herum wahrgenommen.

2. Füsilier in Kulkaken
Nun soll Schaß bei den Füsilieren dienen, entzieht sich dem Dienst aber auf ähnliche Weise wie zuvor.

3. Das war Onkel Manoah
4. Der Ostertisch
5. Das Bad in Wszscinsk
6. Ein angenehmes Begräbnis
7. Schissomirs großer Tag

8. Duell in kurzem Schafspelz
Absurd stehen sich zwei Männer auf einem Waldweg mit ihren Schlitten gegenüber, keiner der beiden will ausweichen oder zurückfahren. Sie bleiben eine lange Weile, werden mit Nahrung und allem Nötigen versorgt und müssen schließlich mit einem Kran abtransportiert werden, als die Kleinbahn gebaut werden soll.

9. So war es mit dem Zirkus
10. Der rasende Schuster
11. Die Kunst, einen Hahn zu fangen
12. Eine Kleinbahn namens Popp
13. Die Reise nach Oletzko
14. Sozusagen Dienst am Geist
15. Eine Sache wie das Impfen
16. Der Mann im Apfelbaum

17. Die große Konferenz
Wieder ist es die Penetranz des Großvaters Schaß, die ihn erfolgreich aus dem Kampf um eine Wiese zwischen den Ortschaften Suleyken und Schissomir hervorgehen lässt. Er bleibt einfach so lange Gast in dem gegenerischen Ort, dass er diesen so lästig wird, dass sie die Wiese Suleyken überlassen, nur um ihn loszuwerden.

18. Eine Liebesgeschichte
 Joseph Waldemar Gritzan verliebt sich in die Wäsche waschende Katharina Knack, besorgt sich flugs einen Taufschein und macht ihr mit Hilfe einer Stange Lakritz einen Antrag, bevor die Wäsche zuende gewaschen ist.

19. Die Schüssel der Prophezeiungen
Ludwig Karnickel  hat Angst vor der Zukunft, lässt sie sich prophezeien und findet dann, dass es "ein wenig Mühe" gekostet hat, alles richtig zu machen.

20. Die Verfolgungsjagd
Die Verfolgungsjagd nach dem kapitalen 28-Ender ist doch etwas albern geraten, ist aber irgendwie auch Tierschutz auf masurisch.

Siegfried Lenz selbst wollte seine Geschichten als "zwinkernde Liebeserklärungen" an sein Land, als eine "aufgeräumte Huldigung an die Leute von Masuren" (S. 117) verstanden wissen, so schreibt er im Nachwort, das er mit "Diskrete Auskunft über Masuren" betitelt. So kann man auch tatsächlich nicht umhin, über die teils absurden, teils slapstickartigen Szenen zu schmunzeln und dennoch Hochachtung für die Lebensschläue und die Einzigartigkeit der Charaktere zu haben. Dabei sind die Geschichten zeitlos und werden sicher immer lesenswert bleiben. 

Siegfried Lenz, So zärtlich war Suleyken. Fischer, Frankfurt am Main 2002 (51. Auflage).

Saturday, June 04, 2016

Alice Walker - Die Farbe Lila

Die Farbe Lila ist wohl eines der wenigen Bücher, bei denen ich den Film schon lange kannte, bevor ich das Buch zur Hand nahm. Das wäre vielleicht auch nie geschehen, hätte der Roman nicht auf der Liste der modernen Klassiker der Bücherkultur Challenge gestanden. So habe ich es in der Bibliothek gesucht und gefunden, viele Ausgaben sind in Übersetzung nicht erhältlich, weswegen die Zeit es als einen der Titel für ihre Bibliothek der verschwundenen Bücher auszuwählte. In den USA ist es eines der 100 am häufigsten in Frage gestellten/angeklagten Bücher, wobei sich dort auch viele absurde, preisgekrönte Titel finden. Alice Walker gewann mit ihren Roman den Pulitzer-Preis und das meines Erachtens zu Recht!
Erstmals 1982 veröffentlicht, fasst Walker viele unbequeme Themen an. Der Briefroman beginnt in den 30er Jahren und verdeutlicht schon auf den ersten Seiten, wie problematisch die soziale und gesellschaftliche Situation der afro-amerikanischen Bevölkerungsschicht war und ist. Im ländlichen Georgia leben viele Armut und besonders den Frauen werden keinerlei Rechte zuerkannt, sie werden von Weißen und von Männern unterdrückt und missbraucht. Es ist die oft drastische Darstellung des physischen und psychischen Missbrauchs, der vor allem zu Beginn des Romans schockiert. Die Form des Briefromans und die schlichte, slanghafte Sprache, mit denen sich die Protagonistin Celie an Gott wendet, weil sie sonst niemanden hat, der ihr zuhört, macht es leicht, die Welt durch ihre Augen zu betrachten. Am schockierendsten ist die Perpektivlosigkeit Celies, man sieht - wie sie selbst - keinen gangbaren Weg aus ihrem Leid.
Erst die Freundschaft und Liebe anderer Frauen in ihrem Leben, die Anteilnahme am Schicksal anderer, denen das Leben und die Männerwelt ebenso schlecht mitspielt, bringt Bewegung und damit Veränderung in ihre Situation. Durch Briefe ihrer Schwester Nettie, von der Celie nach ihrer Verheiratung getrennt wird, wird ein zweiter Schauplatz eingeführt. Nettie ist mit einem Paar von Missonaren in Afrika und erlebt dort andere Aspekte von Unterdrückung von Weißen, aber auch eine weitere patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen kaum Rechte haben. Nahezu mit Erleichterung liest man von Celies langsamer Befreiung, aber auch dem positiven Wandel, den Walker dem ursprünglich feindlichen Ehemann Celies zuspricht.

Während des Lesens standen mir viele Bilder der Verfilmung (Spielberg, 1985) deutlich vor Augen, zumal der Film dem Plot des Buches sehr detailgetreu folgt. Vor allem die großartige Whoopi Goldberg, die mit ihrer Leistung ihren Durchbruch als Schauspielerin hatte und eine Oskarnomierung erhielt, war mir noch in vielen Szenen präsent. Obwohl auch der Film die Gewalt gegenüber Frauen deutlich zum Ausdruck bringt, war die Schilderung besonders dieser Szenen beeindruckend bis niederschmetternd. Trotzdem Hoffnung, Mut und schließlich auch wieder Glauben zu finden, scheint in Celies Welt nahezu unmöglich und doch...
Und mit dieser Botschaft löst sich Alice Walkers Geschichte aus ihrem historischen Kontext, macht Mut, mahnt zugleich und übergibt uns auch Verantwortung.

Alice Walker, Die Farbe Lila. Rororo, Reinbek bei Hamburg 1998 (erstmals 1984).


Monday, May 30, 2016

Marc Levy - Solange du da bist

Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter... Carpe Diem. Nutze den Tag, genieße den Augenblick.
Das ist die Botschaft von Marc Levys Solange du da bist.
Er verpackt sie in eine ungewöhnliche Liebesgeschichte: Die junge und schöne Ärztin Lauren verunglückt und liegt im Koma. In ihre Wohnung zieht nach einer Weile der junge Architekt Arthur, dem Lauren plötzlich in ihrem Schrank erscheint. Nach ersten Hindernissen glaubt er ihr schließlich die Geschichte ihres paranormalen Daseins und versucht mit ihr zusammen mehr über Komaphänomene herauszufinden. Als Laurens Mutter von den Ärzten überredet wird, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden, entführt Arthur Laurens Körper aus dem Krankenhaus und bringt sie in ein altes Haus am Meer, wo Arthur sich mit seiner Vergangenheit konfrontiert und die beiden sich endgültig ineinander verlieben. Doch ein Kommissar kommt der Entführung auf die Spur, aber schlägt sich auf die Seite der Liebenden, ohne die Geschichte wirklich zu glauben. So hat der Roman die Chance sein Happy End zu finden...
Liebesromane überzeugen mich nur selten, auch dieser war mir an vielen Stellen zu süßlich, zu dick aufgetragen und die Botschaft mit dem Holzhammer vermittelt. Vor allem die Nebendarsteller, Arthurs Freund und auch der Kommissar, handeln nicht sonderlich plausibel. Arthur, zunächst als Arbeitstier dargestellt, der keine ordentliche Beziehung führt und sein Leben vergeudet, wird widerlegt von seiner eigenen Geschichte, in der er höchst sensibel, naturverbunden und reflektiert erscheint. Lauren selbst blieb mir als Person fremd und bot wenig Möglichkeit zur Identifikation. Aber romantisch ist der Roman natürlich schon, irgendwie...

Marc Levy - Solange du da bist. Blanvalet, München 2011.

Saturday, May 28, 2016

David Almond - Zeit des Mondes

Michael zieht mit seinen Eltern in ein stark renovierungsbedürftiges Haus, erkundet die Umgebung und findet in der zugerümpelten Grage ein Wesen, das eigentlich kein Mensch mehr sein kann, so verfallen wirkt es. Michael spricht dennoch mit ihm, bringt ihm zu essen und zu trinken. Es ist die passende Ablenkung davon, dass seine kleine Babyschwester wieder zurück ins Krankenhaus und um ihr Leben kämpfen muss. Michael fühlt sich verantwortlich, fühlt eine merkwürdige Verbindung zu seiner Schwester und zu diesem Wesen, von dem wir später erfahren, dass es Skellig heißt (so auch der Originaltitel von 1998, benannt nach den Skellig Islands vor Irland).
Dann trifft Michael auch noch auf Mina, die nebenan wohnt, von ihrer Mutter zuhause unterrichtet wird und die Welt mit ganz anderen Augen sieht. Sie hilft ihm dabei, Skellig zu versorgen, und staunt mit ihm gemeinsam, wie dieser sich zunehmend verändert und wie ihm Flügel wachsen...

Die Flügel haben in David Almonds Geschichte eine große Symbolkraft, die in ihrer Schlichtheit auch für die Zielgruppe des Kinderromans funktioniert. Gleichzeitig geht es um die großen Themen Familie und Freundschaft. Michaels alte Jungenfreundschaften werden in der Krise auf die Probe gestellt, während Mina mit ihrer Andersartigkeit mit schlafwandlerischer Sicherheit Michaels wunde Punkte erkennt und ihm trotz der noch neuen Freundschaft beisteht. Und auch wenn ihr mystisches Wunderwesen weiterzieht, bleiben beiden die Erinnerungen und die Wirklichkeit und das Wissen, dass auch Menschen Flügel haben, auch wenn man sie nicht sieht.
Zeit des Mondes ist eine anrührende und beeindruckende Geschichte, die zu Recht zahlreiche Preise gewonnen hat.

David Almond, Zeit des Mondes. Ravensburger, Ravensburg 2013.

Monday, May 23, 2016

Harper Lee - Wer die Nachtigall stört


Harper Lees Wer die Nachtigall stört ist einer der amerikanischen Klassiker schlechthin. Die meisten haben zumindest die großartige Verfilmung (1962) mit Gregory Peck gesehen. Meine Begegnung mit dem Roman war intensiv und ich habe jede Leseminute genossen. Es fühlte sich so an, als müsse ich das Buch auskosten, die vielen kleinen Begebenheiten, Geschichten und Beobachtungen der kleinen Scout, die eine recht besondere Erzählerin ist, in Ruhe miterleben.
Es ist eine großartige atmosphärische Darstellung der amerikanischen Südstaaten der 1930er, eine facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Rassismus dieser Zeit und der Roman umfasst alle großen Themen des Lebens: Erwachsenwerden, Liebe, Gender, Recht und Unrecht, Moral und Mitgefühl.
Die eigentliche Geschichte von Anwalt Atticus Finch, der die Verteidigung eines unschuldigen Schwarzen übernehmen muss, beginnt erst später im Roman und zusammen mit Jem und Scout entdeckt der Leser nach und nach die ganze Tragweite des Falls. Der idyllisch-verklärte Blick auf die behütete Kleinstadt verschiebt sich, zusammen mit den Kindern müssen wir feststellen, dass die Menschen leider nicht alle so gradlinig und moralisch integer sind wie Atticus, der vor allem seinen Kinder das bestmögliche Vorbild sein möchte.
 Die Botschaft, mit der der Roman schließt, ist so simpel und schwer zugleich - mit Empathie den Menschen begegnen und Verständnis für ihn und seine Sichtweise entwickeln. Dem ist nichts hinzuzufügen.

“You never really understand a person until you consider things from his point of view... Until you climb inside of his skin and walk around in it.”

Tuesday, May 17, 2016

Jan Costin Wagner - Tage des letzten Schnees

Im fünften Band der Serie ermittelt Kimmo Joentaa gleich in zwei Fällen: Ein Unfall mit Fahrerflucht, bei dem ein elfjähriges Mädchen stirbt, und zwei seltsam auf einer Parkbank drapierte Leichen. Beide Fälle berühren ihn persönlich. Er kennt die Familie des Mädchens durch seine verstorbene Frau Sanna und nimmt großen Anteil am Leiden der Eltern. Eine der beiden Toten hat als Prostituierte unter falschem Namen gearbeitet und erinnert Kimmo an seine wieder einmal verschwundene Freundin Larissa, deren Namen er immer noch nicht erfahren hat.
Wie auch schon in den vorangegangenen Bänden wählt Jan Costin Wagner weitere Erzählperspektiven, diesmal ist allerdings unklar, ob eine davon Täter ist. Eine der Stimmen kennzeichnet er immer als die Geschichte, die eigentlich nicht erzählt werden soll, die aber dennoch das Geschehen ganz am Schluss abrundet. Alle Ebenen greifen ineinander und kommentieren und ergänzen sich. Tage des letzten Schnees ist noch weniger ein Kriminalroman als seine Vorgänger, aber sprachlich und psychologisch intensiv. Gerade die Ambivalenz von Täter- und Opferperpektive ist höchst interessant und die tatsächlich überraschende (und nicht wie so oft vorhersehbare) Wendung am Ende beweist das Talent Wagners für einen ausgefeilten Plot.

Jan Costin Wagner, Tage des letzten Schnees. Argon Hörbuch 2014.

Friday, May 13, 2016

Moldavites

This is a card to learn something!

Moldavites are the only precious stones in the world created by a meteorite impact. This meteorite went down more than 14 million years ago in the south of Germany and as a byproduct of the impact moldavites rained down on earth, most of them in the area if he Czech Republic.

There - in Český Krumlov - a museum was opened to inform about the geology and the beauty of the moldavites.

The card was sent by Hana from the Czech Republic.
photo by H. Raab


Saturday, May 07, 2016

Jan Costin Wagner - Das Licht in einem dunklen Haus


In dem vierten Roman Das Licht in einem dunklen Haus von Jan Costin Wagner um Kimmo Joentaa sucht dieser nach dem Mörder einer unbekannten Toten, die im Wachkoma lag und im Krankenhaus in Turku ermordet wurde. Trotz zahlreicher Hinweise aus der Bevölkerung bleibt ihre Identität zunächst rätselhaft. Gleichzeitig geschehen in Helsinki zwei Morde nahezu in aller Öffentlichkeit, erst spät entdeckt Kommissar Westerberg (bekannt aus einem der vorigen Romane), dass beide aus dem gleichen Dorf kommen und zusammen zur Schule gegangen sind - in dasselbe Dorf verschlägt es auch Kimmo, als er einem vagen telefonischen Hinweis nachgeht. Erst als die Ermittler dort aufeinander treffen, kommt endlich Bewegung in die Sache. Kimmo vermisst außerdem seine Freundin Larissa, deren wirklichen Namen er nicht kennt und die plötzlich einfach nicht mehr da ist. Durchbrochen wird die Erzählung von den Tagebucheinträgen des Mörders, der über seine Taten, aber auch über Ereignisse vor vielen Jahren, die der Grund für sein Handeln sind, reflektiert. Die Identität desTäters bleibt bis zum Schluss unklar, ebenso wie die Schuldfrage, die ambivalent bleibt.

Das Licht in einem dunklen Haus ist aus ähnlichen Elementen aufgebaut wie die Vorgänger, Joentaa wirkt noch eine Spur isolierter von der ihn umgebenden Welt und den Menschen um ihn herum als zuvor. Der Verlust von Larissa, die ein erster Lichtblick für ihn nach dem Tod seiner Frau war, trifft ihn schwer. Aber seine Kollegen wissen schon, dass seine ungewöhnlichen Gedankengänge und auch Alleingänge ihn oft zum Erfolg führen und ertragen dies bereitwillig. Die einzelnen Erzählebenen greifen ineinander, führen gegenseitig Gedanken weiter und bilden miteinander einen nahezu perfekten Spannungsbogen, wenngleich das tatsächliche Ende dann relativ kurz und schmerzlos abgehandelt wird. Wagners Stil ist für das Genre Kriminalroman durchaus eigensinnig, Schreibstil, Plot und Charaktere überzeugen aber auf der ganzen Linie.

Jan Costin Wagner, Das Licht in einem dunklen Haus. Galiani, Berlin 2011

Friday, May 06, 2016

Franz Kafka - Der Prozess

Zunächst zum Inhalt, wie auf dem Klappentext vermerkt:
"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So beginnt der unvollendete, postum veröffentlichte Roman von Franz Kafka. Erzählt wird die Geschichte des Bankprokuristen Josef K., der an seinem 30. Geburtstag von einer mysteriösen Behörde der Prozeß gemacht werden soll. Vergeblich versucht er in der Folge herauszufinden, wessen er angeklagt wurde und wie er sich rechtfertigen könnte. Doch je mehr er seine Unschuld verteidigen will, desto tiefer gerät er in das grauenhafte Labyrinth einer surrealen Bürokratie mit undurchschaubaren Gesetzen, deren Sinn die "Sinnlosigkeit" ist.


Nach einiger Beschäftigung mit Kafka zu Schulzeiten wäre ich ohne die Klassiker-Liste der Bücherkultur-Challenge vermutlich nicht so schnell darauf gekommen, mich diesem Autor wieder zuzuwenden. Komplex, und verwirrend, so empfinde ich Kafka, damals und heute. Es gibt so zahlreiche Interpretationsansätze, so viele biografische, historische, politische, religiöse... Bezüge, dass einem schwindlig werden mag. Überlegt man dann noch, dass dies ein in Teilen fragmentarischer Roman ist, unvollendet und Editionswissenschaftler auch sicher immer noch überlegen, ob denn die Reihenfolge der Kapitel so stimmt, was hinein und was gestrichen gehört (von der Tatsache abgesehen, dass Kafka sowieso wollte, dass alles vernichtet wird), dann kann man sich kaum mehr eine echte Meinung bilden. Die Lesung mit Martin May (HörGut-Verlag) hat mir gut gefallen und gefesselt hat mich die Geschichte auch. Bei der Parabel Vor dem Gericht gegen Ende kamen Erinnerungen einer intensiveren Beschäftigung mit dem Text wieder. Es ist definitiv ein interessantes Stück Literatur, als Konsumtext oder zu Unterhaltung natürlich weniger geeignet. Es war aber eine gute Wiederbegegnung mit Kafka.

Thursday, May 05, 2016

J. Reppion / C. Worley - Dracula (Graphic Novel)

After reading the original Bram Stoker novel I also found this graphic novel and thought it would be an interesting comparison. It is the complete story and follows the style of the original in showing us different documents by various people. The drawings are dark and surreal, some pictures seem photorealistic, others are more comic style/abstract. The colours are very dark too, even the parts taking place in daylight are dark and forbidding. The colour red is only used for emphasis. This all fits the story very well and the pictures are artistic without question.
Nevertheless I didn't really like the graphic novel. I think it's mainly because the changes of place and time following the different narrator's voices are hard to follow, there are a lot of characters. A great deal of the story has to be told through added documents and lots of text in each panel. I just had the impression that pictures and texts rather competed against each other than working together as they are supposed to do in a graphic novel. But maybe it wasn't just such a good idea to read the original and the graphic novel so shortly after one another.

 John Reppion and Colton Worley, Dracula (Graphic Novel). Panini, Stuttgart 2010.

Wednesday, May 04, 2016

Holly Seddon - Locked in: Wach auf, wenn du kannst


Locked in: Wach auf, wenn du kannst von Holly Seddon ist die Geschichte einer alkoholkranken Jornalistin Alex Dale, die bei einer Recherche über Wach-Koma-Patientin auf den Fall von Amy Stevenson stößt. Diese verschwand zunächst unter ungeklärten Umständen und wurde mit schweren Verletzungen aufgefunden und ist seitdem - 15 Jahre lang - nicht wieder aufgewacht. Trotz ihres schweren Alkoholismus, der konkret ihr Leben bedroht, gelingt es Alex den Geschehnissen von damals auf die Spur zu kommen. Dabei nutzt sie über ihren Ex-Mann die Hilfe der Polizei und von Bekannten von Amy, die offensichtlich mehr wissen, als sie selbst wahrgenommen haben und damals der Polizei gesagt haben.

Seddon wählt die Perspektive mehrerer personaler Erzähler, die in deutlich mit Person und Zeit betitelten Kapiteln die Ereignisse von damals (1995) und heute (2010) beschreiben. Auch Amy kommt zu Wort, 1995 noch klar und ganz emotionale Teenagerin, in den folgenden Jahren mit zunehmend fragender, aber durch das Koma eingegrenzter Wahrnehmung, die aber durch die Besuche von Alex Veränderung erfährt.
Dieser Aufbau funktioniert gut als Erzählform, jedoch flachte das Erzähltempo im Mittelteil ab, so dass sich Längen ergaben. Die tatsächliche Geschichte ist schlussendlich gar nicht so kompliziert, die Idee, die zur Entdeckung des Täters führt, auch schon zu Anfang im Gespräch.  Hier hätte man vielleicht besser ein paar Seiten gekürzt, um die Spannung zu erhalten. Das Ende dafür wird dann relativ gerafft erzählt, über den Täter und seine Beweggründe hätte man gern mehr erfahren. Auch Alex' positive Entwicklung geht dann etwas zu glatt und zu plötzlich, auch die Probleme eines weiteren Erzählers lösen sich in Wohlgefallen auf. Eine so rasche Abhandlung haben die mit Sorgfalt aufgestellten Charaktere eigentlich nicht verdient.

So sehe ich den Roman dadurch etwas im Ungleichgewicht, Story und Charaktere sind durchdacht, der Plot zeigt einen guten, spannungserzeugenden Anfang, aber flacht in Spannungskurve und Abschluss deutlich ab. Insgesamt aber sprachlich ansprechend und gut zu lesen.

Tuesday, May 03, 2016

Jan Costin Wagner's Kimmo Joentaa series

Jan Costin Wagner is a German author whose close connection to Finland (his wife is a Finn) made him set his novels about detective Kimmo Joentaa there. Kimmo, a rather dark character, is struggling after losing his wife but it also enables him to see the world and his cases differently than his colleagues.

#1 Eismond (2005)
#2 Das Schweigen (2007)
#3 Im Winter der Löwen (2008)
#4 Das Licht in einem dunklen Haus (2011)
#5 Tage des letzten Schnees (2014)
#6 Sakari lernt, durch Wände zu gehen (2017)