Monday, April 22, 2019

Else Ury - Nesthäkchen und ihre Puppen

Ganze Generationen von jungen Mädchen lasen und liebten die Geschichten um das Nesthäkchen, das blonde Mädchen Annemarie, deren Leben Else Ury in zehn Bänden verewigt hat.
Ury, geboren 1877 in Berlin, entwarf in Nesthäkchen und ihre Puppen und den Folgebänden eine gut bürgerliche und sehr deutsche Berliner Familie, in der die jüngste Tochter wohl behütet und wohlerzogen aufwächst. Sie dient gleichwohl als Prototyp des perfekten Mädchens - der Vorstellung ihrer Autorin und der Zeit entsprechend.
Heute gelesen schreckt man an vielen Stellen zurück, die aus demokratischer, ideologischer und emanzipatorischer Sicht untragbar sind, wenn man sie vom heutigen Kenntnisstand aus bewertet. Da die Reihe in einem Zeitrahmen von 1913 bis 1925 erschien, also auch den ersten Weltkrieg umfasst (der vierte Band ist entsprechend sogar Nesthäkchen und der Weltkrieg betitelt und war äußerst beliebt) wäre dies selbstverständlich nicht fair. Das Ideal, das Else Ury in und mit Nesthäkchen stellvertretend für andere junge Mädchen entwirft, erscheint uns heute dem in der Ideologie des Nationalsozialismus verkörperten Frauenbild sehr in die Hände zu spielen - der große Erfolg der Reihe wirkt vor diesem Hintergrund sehr naheliegend und verständlich.
Befasst man sich aber mit der Autorin, so ist man überrascht zu lesen, dass ihre Familie jüdischen Glaubens war. Die Familie Ury war seit Generationen in Deutschland und assimiliert und gilt als patriotisch - was auch zu Else Urys Familienbild und Ideologie passt. Nesthäkchen weist keinerlei Hinweise auf die jüdische Kultur oder Religion auf. Der Glaube an Deutschland und "deutsche Werte" war so tief verwurzelt, dass die Urys in den 30er Jahren den richtigen Zeitpunkt für eine Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland verpassten und ermordet wurden. Die Autorin selbst starb 1943 in Auschwitz.
Mit diesem Hintergrundwissen wirkt das so deutsche brave Nesthäkchen, das allen gefallen und es allen recht machen will und strebsam, tugendhaft, fleißig und brav sein will, ganz anders...
Public Domain Ausgabe 
älteres Cover, Ausgabe unbekannt


Sunday, April 21, 2019

Daniel Defoe - Robinson Crusoe

Daniel Defoe, Robinson Crusoe.
Sterling, New York  2011.
Daniel Defoes Klassiker Robinson Crusoe von 1719 gilt als einer der ersten englischen Romane, Defoe ist damit Begründer dieser Gattung. Der Roman inspirierte eine ganze Reihe von ähnlichen Geschichten (Robinsonaden) bis in die heutige Zeit.
In Teilen im Original gelesen (in der sehr schönen Sterling Classics Edition), zusammenfassend als Audiobook gehört, ist die Geschichte für mich trotz der Sprache und historischen Hintergrund heute noch interessant und bedeutsam. Wie überlebt ein Mensch - praktisch-physisch und geistig-psychisch - in einer solchen Extremsituation? Wie gestaltet er den Alltag, wie bleibt er gesund? Dazu kommen so viele andere Bedeutungsebenen und Bezugspunkte (Kolonialisierung, Gesellschaftskritik, Religion, ...), dass dieser Roman definitiv seinen Klassiker-Status verdient hat. Interessant auch, dass meine Sterling Classics Ausgabe am Ende gleich noch mehrere Seiten Essay-Fragen mitliefert, mit denen man weiterdenken und re-evaluieren kann. Das muss ich nicht tun, ich kann mich auch so an der Geschichte erfreuen..
Daniel Defoe, Robinson Crusoe.
Phonetics Group, Leipzig 2006.

Friday, April 19, 2019

A.M. Holmes - Auf dass uns vergeben werde

Ja.
Und nun?
Selten, dass ich gar keine Idee habe, wo und wie ich anfangen soll, über ein Buch zu schreiben.
Was ich sicher weiß:
A.M. Holmes ist eine zweifellos erfolgreiche und anerkannte Autorin, deren Bücher zahlreiche Preise gewonnen, sie unterrichtet kreatives Schreiben in Princeton.
Ihr Roman Auf dass uns vergeben werde (im Original 2012 erschienen) hat 2013 den Women's Prize for Fiction erhalten. Die deutsche Hardcover-Fassung umfasst 672 Seiten, die offensichtlich gekürzte Audiobook-Fassung von GoyaLit bringt dies auf sechs CDs unter, gut gelesen von Jürgen Uter.

Beruhigend ist, dass es anderen Rezensenten offensichtlich ähnlich geht, viel Ratlosigkeit angesichts dieser Achterbahnfahrt von einem Roman. Fasst man den Inhalt zusammen, so gibt dies doch nicht wieder, worum es geht.
George und Harry Silver sind Brüder, ersterer ein zu Gewalt neigender Egomane, der zum Mörder wird, letzterer ein farbloser Geschichtsprof, der sich noch nicht einmal für seinen Forschungsschwerpunkt (Nixon) so richtig begeistern kann und der charakterlich zunächst keine Stärken zu haben scheint. Er lässt sich von Georges Frau verführen und löst damit die Kette der brutalen Ereignisse aus. Harry strandet mit Georges Haus, den Haustieren und Kindern - und mit der Verantwortung für eine Familie, die er sich nicht ausgesucht hat. Unerwartet und scheinbar charakterfremd wächst er in die Rolle hinein und wird zu einem besseren Menschen, von dem alle um ihn herum profitieren.
Vieles an diesem Roman war irritierend. Ich nehme an, das ist Absicht.
Stereotype, wo man hinschaut. Abstruse Plot-Abschnitte, krasse Wechsel, leicht (und tatsächlich) verrückte Charaktere. Handlungsstränge, die scheinbar ins Nirgendwo führen, aber natürlich irgendwie scheinbar Harry verändern. Nicht plausible Jugendliche. Bizarre Sexbesessenheit der meisten weiblichen Charaktere, die alle Harry wollen (warum genau?). Manches erinnert an Paul Austers Parallelwelten. Dann wieder so offensichtlich satirische Passagen und trockener Humor, dass mir beim Hören ein lautes Lachen entfuhr. Aber dann dieses unsäglich amerikanische Mega-Happy-End - im Ernst?
Der Roman hat Spaß gemacht, war aber dennoch anstrengend und wartet mit keiner ernstzunehmenden Botschaft auf, es sei denn: Wirf den Ballast deines alten, miesen, langweiligen Lebens ab (am besten mit Hilfe eines afrikanischer Zaubertranks) und werde zum Übermenschen, der alle retten kann durch bloße Anwesenheit oder das Schmieren von Pausenbroten.
Selten, dass ich gar keine Idee habe, wo und wie ich aufhören soll, über ein Buch zu schreiben.
Und nun?
Ja.

A.M. Holmes, Auf dass uns vergeben werde. GoyaLit 2014.

Website der Autorin

Thursday, April 18, 2019

Jacques Berndorf - Eifel-Müll

Baumeister genießt die Ruhe und Einsamkeit in seinem Eifeler Garten - da weiß man schon, dass das nicht lange anhalten wird! Ein anonymer Anrufer informiert ihn über eine Leiche auf einer wilden Müllkippe. Nati, eigentlich Nathalie Cölln, ist allseits bekannt im Umkreis, ein "wilder Feger", mim liegt sie nackt im Wald, entsorgt wie die alten Sofas und die Giftfässer um sie herum.
Unterstützung bei seinen Ermittlungen erhält Baumeister von Emma (die unruhig auf eine Diagnose wartet und sich ablenken muss), Rodenstock (völlig durcheinander aus Sorge um Emma) und Dina (Polizistin auf (Zwangs-) Urlaub). Zunächst gibt es keine Spuren, zu viele und zu wenige Verdächtige zugleich. Natis Freund ist in der gleichen Nacht durch einen Unfall umgekommen, ihre Mutter verkaufte des Geldes wegen die Tochter an einen Pulk reicher Geschäftsleute, die mit Müll ihr Geld verdienen... Die Rekonstruktion von Natis letztem Tag birgt den Schlüssel, wen hat sie zuletzt getroffen?

Auf der Plus-Seite für Eifel-Müll (erstmals erschienen 2000) von Jacques Berndorf (alias Michael Preute) stehen wie immer das Eifeler Setting, die Protagonisten, aber auch die anderen, gut gezeichneten Charaktere, die interessante Thematik (Was weiß man schon über Müll? Hier kommt Berndorfs journalistischer Background einmal mehr durch.) und die ordentlichen Ermittlungen, bei denen das Team nach und nach die Puzzleteile zusammensetzen. Wobei ihnen in diesem Fall auch einige Teile "reingereicht" werden, weil ihnen verblüffenderweise die Leute mehr erzählen als der Polizei. Vor diesem Hintergrund ist die Zusammenarbeit zwischen Baumeister und der Mordkommission manchmal etwas unglaubwürdig, mal sprechen sie miteinander, mal gerade nicht, dann doch... Die Lesung durch den Autor ist sehr gut (vielleicht nicht excellent), aber passt eben hundertprozentig zu dem Protagonisten. Etwas unbefriedigend ist allein die Auflösung, bei all den komplexen Zusammenhängen der Müllbranche ist es dann doch "nur" die private Tragödie.

Jacques Berndorf, Eifel-Müll. Radioropa 2009. 

Wednesday, April 17, 2019

John Boyne - Die Geschichte der Einsamkeit

Der Roman Die Geschichte der Einsamkeit von John Boyne startet mit diesem schönen Zitat von E.M. Foster:
"Über das Leben zu schreiben ist leicht - es zu leben ist sehr viel schwieriger."
Boyne schreibt über das Leben eines katholischen Paters in Irland - man ahnt schon an dieser Stelle, worum es gehen könnte. In 16 Kapiteln lässt er Odran Yates berichten, jedes Kapitel ist übertitelt mit der Jahreszahl. Diese reichen von der Jugend Odrans 1964 bis in die Jetztzeit 2013, zusammen mit seinen Erinnerungen springt der Leser zwischen den Jahren hin und her. Die Themen, mit denen sich Odran in seiner persönlichen Lebensrückschau beschäftigt, sind seine Familiengeschichte, seine ganz persönlichen Erfahrungen und vor allem seine Ausbildung zum Priester und die Geschehnisse um seinen Freund Tom Cardle.
Odrans Familienleben wird nachhaltig durch den dramatischen Selbstmord des Vaters erschüttert. Danach wird die Mutter hochgradig religiös und drängt ihn zum Priesteramt. Er glaubt allerdings auch daran, dass dies der richtige Weg für ihn ist, entsprechend hat er kaum Schwierigkeiten, sich an das rigide Leben während der siebenjährigen Ausbildung zu gewöhnen. Allerdings beobachtet er bei anderen durchaus Probleme - zum Beispiel bei seinem Zimmergenossen Tom. Jedoch verschließt er - naiv - die Augen vor den Zusammenhängen.
Exemplarisch an Tom Cardle zeigt Boyne die Auffälligkeiten eines pädophilen, irischen Priesters - sein Verhalten gegenüber kleinen Jungen und den Messdienern - und vor allem die Reaktionen der kirchlichen Obrigkeit darauf: Häufige Versetzungen, abgelegene Posten, Drohungen gegen die Opfer bei Beschwerden und anderes, aber keine Anzeigen. Es wird deutlich, dass Fehlverhalten und Schuld nicht nur bei dem tatsächlichen Täter, sondern beim gesamten kirchlichen Apparat vorliegen.
Parallel dazu erlebt Odran die voranschreitende gesellschaftliche Veränderung in Irland in technischer, globaler, aufklärerischer und emanzipatorischer Hinsicht - von Kirchenseite oft nur als moralischer Verfall gewertet und verurteilt, sieht er schon bald die Verlogenheit dieser kirchlichen Moral. Obwohl er selbst unter den Restriktionen der Kirche zu leiden hat, bleibt er seltsam neutral und inaktiv, er kämpft weder für sich noch für andere. Erst spät erkennt er seine eigene Mitschuld, als sie ihm durch Toms Verurteilung vor Gericht und durch die mediale Aufmerksamkeit überdeutlich vor Augen geführt wird. Als Leser bleibt man skeptisch, wie weit seine Naivität wirklich reichte oder ob es vielmehr Selbstbetrug war, der ihn daran gehindert hat zu erkennen, was rund um ihn vor sich ging. Dennoch scheint ein Neuanfang, ein Aufbruch für Odran möglich, wenngleich dieser offen bleibt.
Die Geschichte der Einsamkeit ist eine beeindruckende Reflexion über das große Unrecht der katholischen Kirche (nicht nur) in Irland, für die Boyne eine Stimme wählt, mit der man eine sehr persönliche Sichtweise, eine Innensicht, einnehmen kann. Dass dieser Erzähler nicht verlässlich ist, ist dabei durchaus gewollt wie auch die Skepsis, mit der man nach dem Lesen zurückbleibt.

John Boyne, Die Geschichte der Einsamkeit. Piper, München/Berlin 2015.

Thursday, April 11, 2019

Beckmann/Tauber/Menger - Die drei Fragezeichen - Das Dorf der Teufel

Das Dorf der Teufel ist der zweite Band der drei Fragezeichen, der als Graphic Novel erschienen ist. Als Hörer (und nur selten Leser) der Reihe fand ich einiges irritierend. Justus, Peter und Bob entsprachen nicht meiner Idee der drei Protagonisten und sie wirkten viel zu jung für meinen Geschmack.
Die Story entsprach prinzipiell durchaus einem typischen DDF-Fall: Sie suchen zusammen mit Morton nach einem verschwundenen Ehemann und landen dabei in einem Dorf, in dem die Bewohner sich merkwürdig verhalten. Schnell wird die Lage bedrohlich, denn dieses Dorf will nicht, dass seine Geheimnisse enthüllt werden. Der Spannungsbogen gelingt, dennoch ist die Story auf den 128 Seiten schnell zuende, eine Länge, bei der für erzählerische Tiefe kein Platz bleibt.
Die Zeichnungen sind durchgehend recht düster, klar und tragen phasenweise das Rot und Blau der drei Fragezeichen, was ein netter Effekt ist. Der Stil war vielleicht auch deswegen so gewöhnungsbedürftig, weil man durch die Cover-Art der Hörspiele anderes (und fröhlicheres) mit den drei Fragezeichen verbindet.

John Beckmann und Christopher Tauber (Illustratoren), Ivar Leon Menger (Autor), Die drei Fragezeichen - Das Dorf der Teufel. Kosmos, Stuttgart 2017.

Wednesday, April 03, 2019

Terry Pratchett - Steife Prise

Jens Wawrczeck liest den letzten Roman aus der Sub-Reihe der Wache der Scheibenwelt von Terry Pratchett wie gewohnt meisterhaft, individuelle Stimmen der Charaktere und Dialekte inbegriffen. Hörgenuss.
In Steife Prise ist Kommandeur Mumm gezwungen mit seiner Frau auf deren Familienlandsitz Urlaub zu machen - was er als Workaholic natürlich nicht kann und will. So wundert es nicht, dass er auch fernab der Metropole schnell auf kriminelle Missstände aufmerksam wird. Diese haben - neben Schmuggel und Drogenhandel - auch in dramatischer Weise Rassismus und Unterdrückung einer ganzen Rasse - den Goblins - zum Thema. Die Goblins wenden sich an den berühmten Polizisten, um Gerechtigkeit zu erfahren. Mumm manövriert sich (nicht ohne Selbstzweifel) durch ein Gewirr von konservativen Landbewohnern, schlecht ausgebildeten Polizisten, ungerechten Richtern und brutalen Verbrechern und wird am Ende wieder als Held und Retter gefeiert.
Steife Prise wird bestimmt durch eine düstere Atmosphäre, die natürlich auch dem Thema geschuldet ist. Dennoch gibt es natürlich den üblichen Pratchett-Humor. Die ernste Botschaft kommt aber über und Sam Mumm gewinnt einmal mehr an Größe und Respekt, beides etwas, was dem Autor in seinem letzten Roman über diesen starken Scheibenwelt-Charakter offensichtlich wichtig war.

Terry Pratchett, Steife Prise. Hörverlag 2012.

Saturday, March 23, 2019

Postcard Mandala

by InBetween
The mandalas were meant to be objects of contemplation, aids to meditation, their proportions magically balanced to purify and calm the mind. To stare at a mandala was to experience, if only briefly, the nothingness that is at the heart of enlightenment.

- Douglas Preston, The Wheel of Darkness

Thursday, March 21, 2019

Fredrik Backman - Kleine Stadt der großen Träume

Nach den Romanen um mehr oder weniger verqueren Charakteren wie Ove, Britt-Marie oder Elsa und ihrer Oma schlägt Fredrik Backman in Kleine Stadt der großen Träume einen anderen Ton an. Zwar hatten auch die übrigen Romane stets ernste Töne, doch in dem kleinen Ort Björnstadt wittert man die Schwierigkeiten von der ersten Minute. Zumal auch der Autor von Anfang an nicht damit hinterm Berg hält, dass dramatische Ereignisse anstehen.
Eishockey soll Björnstadt retten: Die Junioren-Mannschaft ist erfolgreich und hat Chancen auf einen Sieg, die Sponsoren hoffen auf ein neues Leistungszentrum, neue Arbeitsplätze und Aufmerksamkeit für die Kleinstadt, die im Grunde seit Jahren im Sterben liegt. Beeindruckend facettenreich sind die Charaktere die Backmann in dem Eishockey-Team und in seiner Umgebung erschafft, sie sind glaubhaft, er gibt ihnen Tiefe und einen Background. Das bedeutet nicht, dass sie alle gut und ehrlich sind, vor allem wissen sie nicht immer, was das Richtige ist. Sie alle handeln in einem komplexen System und stehen unter großem Druck, denn diese Jugendlichen sollen die Zukunft aller in Björnstadt retten. Das kann nicht gutgehen.
Mit raschen Perspektivwechseln und Einschüben eines allwissenden (und leicht moralisierenden) Erzählers entwickelt Backman nach und nach eine hoch emotionale Geschichte, die allen Charakteren viel abverlangt. Viele von ihnen lässt er auf unterschiedlichste Weise daran wachsen und aus festgefahrenen Lebenssituationen entkommen, so dass aus der Katastrophe schließlich neue Chancen entstehen. Das ist sowohl vom Plot her als auch sprachlich beeindruckend.
Eine Begeisterung fürs Eishockey konnte der Roman nicht bei mir wecken, lässt mich aber mit einer noch höheren Meinung von diesem sympathischen schwedischen Autor zurück.

Fredrik Backman, Kleine Stadt der großen Träume. Fischer, Berlin 2017.

Wednesday, March 06, 2019

Michael Robotham - Sag, es tut dir leid

Nachdem Der Insider nicht so sehr begeistern konnte, brachte Sag, es tut dir leid deutlich mehr Spannung auf! Im sechsten Band seiner Reihe um O'Loughlin and Ruiz lässt Michael Robotham wieder den Psychologen im Mittelpunkt stehen.
Eigentlich soll O'Loughlin nur einen kurzen Vortrag in Oxford halten, um auch Zeit mit seiner Tochter zu verbringen, nimmt er diese kurzerhand mit, wovon die Pubertierende nur mäßig begeistert ist. Kurz zuvor ist ein Ehepaar brutal ermordet worden - verdächtigt wird ein pyschisch kranker junger Mann, zu dessen Beurteilung O'Loughlin hinzugezogen wird. Als er ebenfalls den Tatort besichtigt, fallen ihm Indizien auf, die dafür sprechen, dass außer dem Täter und dem Ehepaar noch jemand dort gewesen sein muss.
Als Leser weiß man auch schon, wer es gewesen sein muss, denn parallel erzählt uns Piper Hadley von ihrer Entführung. Sie und ihre Freundin Tash McBain werden seit Jahren in einem Keller gefangen gehalten, doch Tash konnte fliehen und nun wartet Piper auf ihre Rückkehr und Rettung.

Spannend verwebt Robotham die beiden Erzählebenen, die sich ergänzen und nicht zuviel vorwegnehmen. Beim Audiobook werden die beiden Perspektiven mit Johannes Steck und Laura Maire besetzt. Mein persönliches Spannungshighlight bildete der Moment, als beide Erzählstränge zusammengeführt werden und die Sprecher in Dialog treten. Es wäre natürlich kein Psychothriller, wenn es nicht auch die ein oder andere Wendung im Fall gäbe, auch wenn diesmal der wahre Täter meines Erachtens durchaus im Vorfeld erkennbar war. Der Showdown war dennoch beachtlich und so fesselte Sag, es tut dir leid bis zum Schluss.
Bestechend ist die Ehrlichkeit O'Loughlins als Erzähler, der offen mit seinen Begehrlichkeiten, seinen Schwächen und seiner Krankheit umgeht, aber dadurch umso stärker in der Beobachtung anderer wird. Er hat damit Ruiz einiges voraus, dem hier zu Recht nur eine Nebenrolle einberaumt wird.

Michael Robotham, Sag, es tut dir leid. Hörverlag 2013. 

Thursday, February 28, 2019

Michael Engler und Joelle Tourlonias - Wir zwei gehören zusammen

Es ist ein bezauberndes kleines Bilderbuch, getextet von Michael Engler und gezeichnet und gemalt von Joelle Tourlonias, wobei die Bilder einen sofort in den Bann ziehen, so luftig-leicht und emotional wie sie sind.
Der junge Hase und der junge Igel treffen sich eines Tages per Zufall und werden Freunde - "für immer", obwohl sie so verschieden sind. Nur einmal muss der Hase an seinem Freund zweifeln, denn plötzlich lässt ihn dieser den Winter über allein! Doch zum Glück erklärt ihm eine Krähe schließlich, dass der Igel nur Winterschlaf halten muss! Und bald schon hat der Hase eine tolle Idee, wie er es schaffen kann, im nächsten Winter nicht allein zu bleiben...  
Es ist eine feine, sensible Geschichte mit einem Spannungsbogen, den man in einem 32 Pappseiten starken Büchlein gar nicht erwarten würde. 
Empfehlenswert.
 


Michael Engler und Joelle Tourlonias, Wir zwei gehören zusammen. Baumhaus, Frankfurt a.M. 2016.

Monday, February 25, 2019

Michael Robotham - Der Insider

Michael Robothams Der Insider (Fall 5 der O'Loughlin  Reihe) beginnt mit einer Geschichte weit entfernt von Joseph O'Loughlin und Vincent Ruiz in London: In Bagdad werden systematisch Banken ausgeraubt und großen Menge US Dollar erbeutet. Der Journalist Luca Terracini beginnt der Spur des Geldes zu folgen... Währenddessen wird Ruiz Opfer eines Gaunerpärchens, die ihm seine Familienerbstücke klauen, was er natürlich so nicht zulassen kann. Unglücklicherweise haben die beiden auch noch den Bänker Richard North bestohlen, der wiederum plötzlich verschwunden ist. Diese Geschichten verwebt Robotham geschickt zu einem komplexen Fall von internationaler Verschwörung und Betrug. Die Charaktere werden von Johannes Steck gewohnt gut umgesetzt. O'Loughlin kommt nur am Rande vor, im Zentrum steht Ruiz - vielleicht ist dies der Grund, warum mich dieser Fall nicht so sehr packen konnte wie vorherige, wenngleich dies nicht an mangelnder Action lag.

Michael Robotham, Der Insider. Der Hörverlag 2013.

Saturday, February 23, 2019

T.C. Boyle - Die Terranauten

Biosphere 2, gebaut in der Wüste Arizonas, war in den 90er Jahren Schauplatz eines zweijährigen Experiments, ob es möglich ist, ein geschlossenes Ökosystem zu erschaffen und am Leben zu erhalten, in dem Menschen leben können. Eingeschlossen waren dort vier Frauen und vier Männer, die sowohl wissenschaftliche Forschungen betrieben als auch für ihre eigene Versorgung arbeiten mussten.
T.C. Boyle greift in Die Terranauten diese Fakten auf und lässt drei Protagonisten ihre Sicht auf die Ereignisse dieser zwei Jahre schildern: Zwei davon - Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp - sind Terranauten, also Teilnehmer der Projekts, Linda Ryu ist nicht ausgewählt worden für die Crew und arbeitet "draußen" für das Projekt.
Die augenscheinliche Faszination der Thematik ist das Leben und Überleben in diesem geschlossenen System - man fragt sich, an welchen Stellen es schwierig oder lebensbedrohlich werden wird, vielleicht auch, wie das zwischenmenschliche Miteinander in einer solch kleinen Gruppe funktionieren wird. Einige dieser Erwartungen erfüllt Boyle auch und berichtet von ständigem Hunger, zu wenig Sauerstoff und ähnlichem. Doch der Hauptfokus aller drei Erzähler ist geprägt von Eifersucht und Missgunst. Alle handeln höchst egoistisch und haben eine hochgradig egozentrische Weltsicht - alle drei sind äußerst unsympathisch und zeigen kaum positive menschliche Eigenschaften. Das Engagement für das Projekt wird nur vordergründig benutzt, während jede/r innerlich um den eigenen Vorteil (Geld und Ruhm) bedacht ist. Besonders Dawn, die im Verlauf der zwei Jahre ein Kind zur Welt bringt, bedenkt bei ihrem Handeln kaum das Wohl ihres Kindes, sondern gibt ihren eigenen Wünschen rücksichtslos nach und setzt sie durch. Der Vater des Kindes, Ramsay, denkt nur an Sex und vergisst Frau und Kind, seine Liebe ist nur Lippenbekenntnis wie auch seine zur Schau getragene Ergebenheit für das Projekt. Die draußen gebliebene Linda trieft vor Bitterkeit und Missgunst, weiß im Grunde, dass sie ausgebootet und auf verlorenem Posten ist, kann aber ihrem Leben dennoch keine andere, positive Richtung geben. 
Es ist eine armselige Ansammlung von Protagonisten und das im Grunde interessante Setting der Biosphere 2 verliert sich inmitten dieses gehässigen und unschönen Gerangels. Ein bisschen mehr Wissenschaft - wie Boyle dies auch in anderen Romanen umsetzt - hätte den Terranauten gut getan, so war es fast eine Qual, bis das Gewinsel, Gequengel und die egoistischen Äußerungen schließlich ein Ende hatten. 

T.C. Boyle, Die Terranauten. Hörverlag 2017. 

Interessant war es, ein wenig mehr über das reale Projekt zu erfahren, hier der TED Talk einer der ursprünglichen Bewohner von Biosphere 2, Jane Poynter:

Friday, February 22, 2019

Simon Beckett's David Hunter series

#1 Die Chemie des Todes (The Chemistry of Death, 2006)
#2 Kalte Asche (Written in Bone, 2007)
#3 Leichenblässe (Whispers of the Dead, 2010)
#4 Verwesung (The Calling of the Grave, 2010)
#5 Totenfang (The Restless Dead, 2017)
#6 Die ewigen Toten (2019)

Nur in Deutschland erschienene Kurzgeschichten (zwischen Band 4 und 5):
Katz und Maus (2013)
Schneefall und Ein ganz normaler Tag (2016)


Andere Romane des Autors:

Der Hof (Stone Bruises, 2013)
Obsession (Jacob, 1998)
Flammenbrut (Where there is smoke, 1997)
Tiere (Animals, 1995)
Voyeur (Fine Lines, 1994)

Wednesday, February 20, 2019

Simon Beckett - Die ewigen Toten


Nach seinen Abenteuern in Essex (Totenfang) ist David Hunter zurück in London. Er wird zu einem Fall im abbruchreifen St Jude's Krankenhaus gerufen - auf dem Dachboden ist eine mumifizierte Leiche entdeckt worden. Als praktisch sofort durch einen Unfall weitere Tote entdeckt werden, wird der Fall sofort von einem Routinefund zu einer großen Sache. Chefermittlerin Ward wird vor große Herausforderungen gestellt und auch Hunter hat mit Hindernissen zu kämpfen, als man ihm einen allzu jungen Kollegen einer privaten Forensikfirma vor die Nase setzt. So gerät nicht nur Ward durch Druck von Vorgesetzten und der Öffentlichkeit, sondern auch Hunter gerät in teils vorhersehbare, teils überraschende Schwierigkeiten.
Die ewigen Toten besticht durch hohes Erzähltempo, interessante Charaktere und viele Plotüberraschungen, die aber nicht ins Absurde umschlagen, sondern plausibel bleiben. Wenngleich die atmosphärische Dichte im Gruselkrankenhaus mich nicht ganz so mitgerissen hat wie die Wildheit der Marschlandschaften im letzten Band, so war auch dieser Hunter-Fall ein Pageturner, der zum Glück auch einen lang gewebten Handlungsstrang zuende bringt. Einmal mehr steht der Protagonist vor einem Neuanfang und jetzt heißt es wieder warten, warten... auf den nächsten Band der Reihe. Beeilung, Simon Beckett!

Simon Beckett, Die ewigen Toten. Wunderlich, Reinbek 2019.

Friday, February 15, 2019

Thomas Krüger - Erwin, Enten, Präsidenten

Erwin Düsediekers Leben könnte so schön und einfach sein! Er lebt mit Lina und seinen Enten zusammen im beschaulichen Versloh, macht seine Wanderungen und genießt seine Badewanne. Doch dann überreden ihn Lina, Hilde und Arno, dass er doch seinen runden Geburtstag feiern müsse. Erwin meint, er müsse für seine Freunde dann aber auch Geschenke besorgen (immer ein bisschen anders, der Erwin...) und so kommt es, dass er und die Enten im Nebel zum Laden im Nachbarort gehen und dabei Ohrenzeugen eines seltsamen Zusammentreffens werden... Später herrscht in Versloh große Aufregung, der Bürgermeister ist tot! Was nun? Wahlen standen sowieso an und weil der neue Kandidat nun wirklich unsympathisch ist, beschließt Lina zu kandidieren! Die Enten und Erwin stolpern derweil, teils mit Absicht, teils per Zufall, immer weiter hinein in einen Fall von dichtem Dorffilz. Und damit ist er zusammen mit Lina denjenigen im Weg, die im Hintergrund die Fäden ziehen...
Erwin, Enten, Präsidenten ist ein komplexer, gut gewobener Kriminalfall mit einigen überraschenden Wendungen. Die Puzzlestücke werden offen ausgelegt, dennoch ist nicht gleich klar, wie alles zusammenhängt. Dazu kommen die inzwischen ans Herz gewachsenen Charaktere und Enten, erneut wunderbar umgesetzt von Dietmar Bär. Schade, dass dies im Moment der letzte Fall der Reihe ist - ich hoffe auf mehr.

Thomas Krüger, Erwin, Enten, Präsidenten. Schall und Wahn 2017.


Thomas Krügers Erwin Düsedieker-Reihe:

#1 Erwin, Mord und Ente (2013)
#2 Entenblues (2014)
#3 Erwin, Enten und Entsetzen (2015)
#4 Erwin, Enten, Präsidenten (2017)

Sunday, February 10, 2019

Andreas Föhr - Eifersucht

Rachel Eisenbergs zweiter Fall ereilt sie im Biergarten: Per Zufall ist sie dabei, als die Filmproduzentin Judith Kellermann verhaftet wird, sie soll ihren Lebensgefährten Eike Sandner aus Eifersucht in die Luft gesprengt haben. Kellermann behauptet, unschuldig zu sein, aber da Polizei und Staatsanwaltschaft fest der Überzeugung sind, die Schuldige gefunden zu haben, müssen Eisenberg und ihr Team selbst ermitteln. Wer könnte ein Interesse daran haben, Kellermann mit diesem Verbrechen ans Messer zu liefern, wer profitiert davon?
So kommen sie nach und nach lange zurückliegenden Geschichten auf die Spur und können Zusammenhänge herstellen, die unvorhersehbar waren. Gleichzeitig erfahren wir, welch lang gehütete Geheimnis Rachel Eisenberg zu verbergen gesucht hat.
Die Lesung von Michael Schwarzmaier ist prima, aber scheinbar hat das Hörbuch einige Kürzungen erfahren, die dem komplexen Plot nicht gut getan haben, zumindest blieb manches holprig. Die Protagonistin, die im ersten Band mit dem Titel Eisenberg so vielversprechend startet, blieb etwas hinter meinen Erwartungen zurück und ihr Umgang mit ihrer Vergangenheit und bzw. mit ihrer eigenen Tochter ist teils fragwürdig. Auch ihre Mandantin wird eher unsympathisch gezeichnet. Trotz dieser Kritikpunkt aber ein unterhaltsamer Krimi, keine Frage.

Andreas Föhr, Eifersucht. Argon 2018. 



Sunday, February 03, 2019

Anna Sewell - Black Beauty

It wasn't a good time for a horse to be born into the Victorian Age. Anna Sewell (1820-1878) surely thought so too. In Black Beauty she lets a beautiful and well-tempered horse tell his story. Black Beauty is a grateful horse most of the time, happy about a good stable, good food and fair treatment, and very willing to work. But he also criticizes the things that went wrong during that time. Humans had flaws and the general view on animals was that they were beasts without a soul. But Sewell thought to change the cruel misuse of horses in a time when carriages still were used to get around a already very busy London but weren't treated as sentient beings.
Black Beauty has a very intense way of telling his readers about the right and the wrong ways to treat a horse while also touching a number of other problems in society of the time. I wasn't surprised to read that it became a bestseller in 1878, influencing the ways people thought about horses and even achieving some changes in the way carriage horses were bridled.
The author didn't really intend it to be a children's book but rather thought it as a guide for people working with horses. Unfortunately, she died from a long illness shortly after her book was finished so she couldn't see the impact her book had.
The Sterling Classic edition has very nice illustrations by Scott McKowen but I also listened to parts of the book with the librivox recording (by Cori Samuel) which was very good.

Anna Sewell, Black Beauty. Sterling, London 2004.

Saturday, February 02, 2019

C.S. Lewis - Das Wunder von Narnia

Für die deutschspachige Edition der Narnia-Chroniken hat man sich beim Ueberreuter Verlag für die vom Autor vorgesehene, inhaltlich chronologische Reihenfolge entschieden, die nicht der Reihenfolge der Erstveröffentlichung entspricht.

In Das Wunder von Narnia schickt C.S. Lewis zwei Londoner Kinder auf die Reise in unbekannte Welten - denn es gibt davon unendlich viele, unterschiedlich alt, unterschiedlich im Wesen. Zunächst gelangen sie in eine sehr alte Welt und wecken leider eine böse Hexe auf, die ihnen erst nach London und dann in die nächste Welt folgt. Und diese nächste Welt ist jung, tatsächlich wird sie gerade erst geboren: Der Löwe Aslan singt in einer wundervollen Szene Narnia ins Leben, man erlebt die Erschaffung von Bäumen und Tieren und Fabelwesen - doch durch die Hexe ist auch das Übel in diese Welt gekommen. Noch hält sie sich fern, gebannt durch einen magischen Apfelbaum.
Die Kinder kehren mit einem Apfel davon in ihre eigene Welt zurück und schaffen dadurch die magische Verbindung nach Narnia, die in den folgenden Bänden wichtig wird.
In schlichten und schönen Worten schafft Lewis eine Welt, wie sie wunderbarer nicht sein kann: Voller Versprechen auf zukünftige Abenteuer, ein Ort, wo sich das Gute beweisen kann und das Schlechte bekämpft werden muss. Und wer als Erwachsener genau hinschaut, erkennt Allegorien und Warnungen, die auch im Hier und Jetzt noch funktionieren, so viele Jahre nach dem ersten Erscheinen in den 50er Jahren.

C.S. Lewis, Das Wunder von Narnia. Ueberreuter, Wien 2013.

Friday, February 01, 2019

Rick Riordan - Percy Jackson - Diebe im Olymp

Percy Jackson ist der Held einer fünfteiligen Serie von Rick Riordan. In diesem ersten Band entdeckt er, dass es die griechischen Götter noch gibt und dass er selbst der Sohn des Poseidon ist. Natürlich sind zahlreiche Monster hinter ihm her, doch mit etwas Hilfe schafft er es ins Ausbildungscamp für Helden. Dort erhält er seinen ersten Auftrag, den er mit seinen Freunden zusammen meisterhaft bewältigt.

Griechische Mythologie ist nicht mein Steckenpferd, ich kann nicht beurteilen, wie gut die Übertragung der göttlichen Charaktere in die Neuzeit gelungen ist. Es gab zahlreiche witzige Stellen und auch die Protagonisten sind sympathisch und entwickeln sich zu einem guten Team. Dennoch hat mich die Geschichte nicht sonderlich gefesselt und ich bezweifle, dass ich weitere Bände lesen möchte - ich glaube aber, dass die Reihe für die Zielgruppe wunderbar funktioniert und Spaß macht.

Rick Riordan, Percy Jackson - Diebe im Olymp. Lübbe Audio 2010. 

Tuesday, January 29, 2019

Audrey Niffenegger - Die Frau der Zeitreisenden

Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch, aber dies war nicht halb so interessant wie gehofft. Eigentlich war es sogar ... gar nicht spannend.
Die Charaktere blieben mir beide fremd - immer ein schlechtes Zeichen - Henry war mir zu perfekt, bedenkt man, dass er planlos in der Zeit herumspringt, aber irgendwie ist er für Clare perfekt, perfekt und immer noch perfekt. Clare selbst nimmt alles hin, wird nur an einer Stelle wirklich leidenschaftlich, nämlich als sie das Kind bekommen muss, Fehlgeburten, psychische und physische Risiken und Henrys Wünsche in den Wind schlägt, sie muss. Warum? Als weibliche Protagonistin nimmt sie ihr Leben, ihre Freiheit nicht ernst, richtet alles auf das nächste Wiedersehen, auf das Zusammensein mit ihm aus. Und das ab dem zarten Alter von sechs Jahren... Mir machte es keine Freude ihr dabei zuzuschauen.
Vielleicht ist auch schlecht gekürzt worden für das Hörbuch, einige Kritikpunkte anderer Rezensenten konnte ich gar nicht wiederfinden, da sie offensichtlich entfallen sind. Ich bedaure dies nicht, denn so kann ich diesen Roman, der lange auf der Leseliste stand, einfach ad acta legen, ohne zuviel Zeit darauf verwendet zu haben.

Audrey Niffenegger, Die Frau der Zeitreisenden. Argon 2011.

Saturday, January 26, 2019

Tatiana de Rosnay - Sarahs Schlüssel

Sarahs Schlüssel von Tatiana de Rosnay erzählt zwei Geschichten.
Die eine ist die von Sarah, einem 10jährigen Mädchen, das mit über 4000 weiteren jüdischen Kindern am 16. Juli 1942 bei der Rafle du Vélodrome d’Hiver verschleppt wird. Diese Razzia ist bedeutsam, weil französische Polizisten den Befehl der Nationalsozialisten zur Verhaftung der Juden ausführten. Als sie in den Wohnung die jüdischen Männer nicht vorfanden, da diese sich versteckt hielten, wurden stattdessen Frauen und Kinder mitgenommen und später deportiert und ermordet. Aus dem Blick des Mädchens wird das Unverständnis und die Verzweiflung über die Ereignisse deutlich, auch das Entsetzen, dass Franzosen und nicht nur die Deutschen daran beteiligt sind.
Parallel dazu recherchiert die in Paris lebende Amerikanerin Julia im Jahr 2002 für ein Magazin über das Vél’ d’Hiv’ und stellt fest, dass es einen hohen Grad an Verdrängung bezüglich dieser historischen Schuld gibt. Sie wird persönlich involviert, als sie feststellt, dass in der Familienwohnung ihres französischen Ehemanns, in die sie bald einziehen sollen, vor dem Juli 1942 eine jüdische Familie lebte. Sie forscht weiter und trifft auf Sarahs Geschichte...

Sarahs Schlüssel verknüpft erfolgreich die Vergangenheit mit der Gegenwart und macht eindrücklich klar, dass es notwendig und wichtig ist, nicht zu verdrängen und zu vergessen, sondern sich zu erinnern.
Sarahs Erlebnisse sind schockierend, vor allem durch die kindlich-naive Perspektive, die immer mehr kippt, als das Kind merkt, dass die Menschen um sie herum Monster sind. Dennoch erfährt sie auch Freundlichkeit, Mitleid und Hilfe zum Überleben. Wie viele der unzähligen Bücher zum Thema Holocaust rührte mich diese Geschichte zu Tränen. Im Gegensatz dazu kann Julias persönliche Geschichte nicht die emotionale Dichte erzeugen, trotz des Familiendramas, die diese einschließt. Muss sie aber auch nicht, dieser schwächere Aspekt des Romans ist verzeihlich vor dem Hintergrund seiner Botschaft.
Zakhor. Al Tichkah. Erinnere dich. Vergiss niemals.
Beim Lesen einiger anderer Rezensionen stieß ich auf eine von Sol Tetelbaum, der in seiner Rezension darauf eingeht, warum das Buch keine niedrigen Wertungen erhalten sollte, auch wenn einige der Kritikpunkte an Schreibstil und Plot vielleicht berechtigt sind. Ich stimme ihm dabei zu, dass es als Buch über den Holocaust und mit der Mahnung zur Erinnerung funktioniert und wichtig ist. Es mahnt und erinnert uns und das ist gut.
For human beings, the Holocaust is impossible to understand, it is just unexplainable. And the only way to prevent it from happening again is to never forget it.

Tatiana de Rosnay, Sarahs Schlüssel. Bloomsbury, Berlin 2007.

Friday, January 25, 2019

Marie Tourell Søderberg - Hygge

Das P.S. dieses Buches von Marie Tourell Søderberg lautet wie folgt:
Hygge-Momente sind die kleinen alltäglichen Augenblicke, die Sie glücklich machen. Die besten von ihnen leuchten wie Sterne.
Wenn man ein Wort dafür besitzt, wird man sich bewusst, dass sie immer da sind, man muss sie nur einsammeln.
Inzwischen hat fast jeder von Hygge gehört, es ist ein Wort, das durch Lifestyle-Magazine geistert und - häufig handgelettert - einem von Plakaten und Postkarten entgegenkommt. Ich kenne Hygge fast mein Leben lang - auch als Teil der Phrase "tak for en hyggelig aften", mit der sich unsere dänischen Freunde stets nach einem der gemeinsamen Familienabende von uns verabschiedeten. Und ich verbinde damit sofort ein Gefühl, das Ferienhaus im Sommer, Herbst oder Frühjahr, Wochen von Freiheit am Meer, gemeinsam verbrachte Zeit und alles, was ich als typisch dänisch kennengelernt habe. Genau das Gefühl, was in dem Buch Hygge beschrieben wird, ist Teil meiner eigenen Hygge-Empfindung...
Die Autorin Marie Tourell Søderberg beschreibt Situationen, Aktivitäten und Ambiente, die Dänen selbst als Beispiele für Hygge anführen und sie lässt diese in Form von Zitaten zu Wort kommen. Im Anschluss daran gibt es kleine Einrichtungs-/Basteltipps, die dazu dienen sollen, ein Zuhause Hygge-freundlicher zu machen. Illustriert wird dies mit zahlreichen Fotos (in der e-book-Ausgabe nicht sonderlich attraktiv).
Neue Erkenntnisse lieferte das Buch kaum, es war eher eine Bestätigung, dass ich meine Hygge-Momente kenne, d.h. weiß, was mich zufrieden bis glücklich macht. Das löst noch nicht das Problem, wie es zu erreichen ist, sich die Zeiten für Hygge auch wirklich zu nehmen im Spagat zwischen Arbeitsbelastung und verquerer Belastung durch Gadgets und Social Media. Nur in einem kleinen Kapitel am Schluss spricht die Autorin an, dass auch die Dänen ihre Hygge durch diese Dinge bedroht sehen, andererseits dieses Gefühl auch besonders gut durch die bisherige Homogenität der dänischen Bevölkerung getragen werden konnte, dabei aber nicht so weltoffen ist, wie in der heutigen, zunehmend multikulturellen Gesellschaft nötig ist. Trotzdem ist was dran an dieser Philosophie der kleinen Glücksmomente und des Lebens im Augenblick - dänische Achtsamkeit sozusagen...

Marie Tourell Søderberg, Hygge. mvg Verlag, München 2017.

Terry Pratchett - Der fünfte Elefant

Der fünfte Elefant ist auch der fünfte Band in Terry Pratchetts Reihe um Ankh-Morporks Stadtwache. Im fernen Überwald, Heimat der Zwerge, Werwölfe und Vampire, steht die Krönung des nächsten Zwergenkönigs an. In diplomatisch-repräsentativer Funktion reist Sam Mumm mit seiner Frau Sybil dorthin - nur um in politisch-verbrecherische Verwirrspiele hineingezogen zu werden. Die Steinsemmel - Symbol für die immerwährende Macht des Zwergenkönigs - ist gestohlen worden, die Krönung ist in Gefahr. Doch wer zieht die Fäden bei diesem Spiel mit dem Frieden in Überwald?
Derweil droht daheim in Ankh-Morpork ebenfalls Chaos bei der Stadtwache, denn die ist nicht nur ihren Chef los, auch Werwölfin Angua und Karotte machen sich auf nach Überwald. Angua befürchtet, dass ihre Familie hinter den Intrigen steckt, Karotte hingegen verfolgt mit dem ihm eigenen Optimismus Angua, um ihr zu helfen...
Die glorreichen Stadtwachen-Charaktere - überzeugend dargestellt in unterschiedlichsten Stimmfarben und Dialekten durch Michael-Che Koch - plus die schrägen Zwerge, Vampire und Werwölfe (nicht zu vergessen: Igore!) in einer Geschichte voll politischer Verstrickungen mit einer guten Portion Action (Verfolgungsjagden, Kämpfe und Attentate). Dies ist ein Pratchett, wie er sein soll und der Freude macht.

Terry Pratchett, Der fünfte Elefant. Random House Audio 2011.


Thursday, January 17, 2019

Thomas Krüger - Erwin, Enten und Entsetzen

In seinem dritten Fall stürzt sich Erwin Düsedieker mit seinen Enten und seinen Freunden Arno und Hilde in ein großes Abenteuer: Nachdem er tagelang nichts von seiner Freundin Lina gehört hat, reist Erwin ihr voller Sorge auf die Insel Oddinsee nach, denn in der Zeitung wird von ungeklärten Todesfällen dort berichtet. Als sie nach abenteuerlicher Anreise (mit inzwischen drei Gänsen auf einer Fähre voller Feriengäste, man stelle sich das vor!) auf dem Hof von Linas Schwester ankommen, finden sie weder Lina noch deren Schwester vor, dafür aber schon fast verzweifelte Tiere, um die sich Arno zum Glück gleich kümmern kann.
Die Polizei vor Ort ist nicht sehr engagiert und Erwin der Verzweiflung nahe, weil er zunächst aus den Hinweisen nicht schlau wird, die er in Linas Zimmer vorfindet. Doch bald entwickeln sich die Dinge dynamisch um die drei Ostwestfalen herum...

Dieser Fall ist durchaus etwas verzwickter und schwerer zu durchschauen als seine Vorgänger, vielleicht sogar ein bisschen übertrieben hier und da, aber der westfälische Humor blitzt immer wieder auf und die Charaktere, die Thomas Krüger immer weiter ausfeilt, wachsen einem ans Herz (falls man sie nach den ersten beiden Bänden nicht sowieso schon lieb hat). Und erwähnte ich schon die großartige Lesung von Dietmar Bär? Unschlagbar, großer Spaß.

Thomas Krüger, Erwin, Enten und Entsetzen. Schall und Wahn 2015.

Thomas Krügers Erwin Düsedieker-Reihe:
#1 Erwin, Mord und Ente (2013)
#2 Entenblues (2014)
#3 Erwin, Enten und Entsetzen (2015)
#4 Erwin, Enten, Präsidenten (2017)

Tuesday, January 15, 2019

Theodor Fontane - Effi Briest

Diese Hörspielfassung des Klassikers Effi Briest von Theodor Fontane stammt bereits von 1974 (ursprüngliche natürlich eine Radioproduktion) und wurde vom Hörverlag 2008 veröffentlicht. Zur damaligen Zeit namhafte Sprecher und Regisseur Rudolf Noelte machen dies zu einer sehr angemessenen Fassung des Stoffes von 1894.

So erzählt das Hörspiel die Geschichte der zu jung verheirateten Effi Briest in unter fünf Hörstunden, während die vergleichbare Lesung über elf Stunden in Anspruch nimmt - der nicht absolut Fontane- und Klassiker-verliebte Hörer ist dankbar für die ein oder andere weggelassene langatmige Beschreibung.
Effis Schicksal hingegen wird deutlich. Das lebensfrohe Mädchen heiratet den spießigen und viel älteren Baron von Instetten. Eine gute Partie, sicher, aber sie verkümmert an seiner Seite und wird zunehmend schwermütig. Im Hörspiel werden die zunächst vorherrschenden muntereren Dialoge von zunehmend mehr und mehr (inneren) Monologen abgelöst und die Stimmung des Hörspiels wird düsterer parallel zu den Geschehnissen. Trotz der aus heutiger Sicht langatmigen Erzählweise schafft es das Hörspiel Effi Briest, aber auch die übrigen Charaktere, sehr anschaulich umzusetzen und zu verdeutlichen, in welchen gesellschaftlichen Zwängen sich jeder einzelne befindet, die sein oder ihr Handeln bestimmt. Am Ende verliert sich die Mutter - im Grunde eine der starken und gefestigten Figuren - in der Überlegung, ob sie am Ende nicht eine Teilschuld am Schicksal ihrer Tochter trägt durch die frühe Vermählung mit diesem Mann - was ihr Mann jedoch abtut, dass sei nun doch "ein zu weites Feld".

Theodor Fontane, Effi Briest. Hörverlag 2008. 

Jeffery Deaver - Der Giftzeichner

Die ersten Bände von Jeffery Deavers Serie um Lincolm Rhyme und Amelia Sachs waren unbestritten spannend und brachten mit dem höchst intelligenten Quadroplegiker und der draufgängerischen und toughen Polizistin ein Team an den Start, das ungewöhnlich war und auch ungewöhnlich arbeitete. Man erhielt detaillierte Einblicke in die forensische Arbeit, das Setting der ersten Bände in New York trug zur Spannung bei, weil hier Lincoln ein ungewöhnliches Wissen beisteuerte. Seine Gegner - durchweg menschliche Monster - waren ebenfalls intelligent, um es ihm nicht zu leicht zu machen mit der Ermittlung.

Nach einigen Bänden zeichnete sich das Problem ab: Wie sollte der nächste Bösewicht den letzten noch überbieten? Deaver konstruierte immer abstrusere Motive und Winkelzüge, mehrfach wird der ganze Plot herumgerissen und alles ist plötzlich ganz anders als gedacht. Währenddessen sind die Protagonisten in ihren Rollen erstarrt und entwickeln sich nicht weiter. War ihre Beziehung zu Anfang ebenfalls noch ein Element, das zur Spannung beitrug, so ist sie nun in Normalität gemündet. Im wahren Leben wäre das normal und keineswegs schlecht - für eine Thrillerserie ist es weniger gut.

In Der Giftzeichner - dem elften Band der Reihe - werden zudem noch die alten Geister vergangener Bände wieder heraufbeschworen. Ah, Knochenjäger, der Uhrmacher und auch noch die fiesen Milizen, vor denen Amelia vor einiger Zeit ihre Quasi-Kleine-Schwester gerettet hat,... Nach einem scheinbar ganz plausiblen Ende folgen dann noch drei Reprisen, die das ganze noch einmal umdeuten (siehe oben). Nein, insgesamt hat mir Deaver noch weniger gefallen als die letzten - es ist ein wenig, als hätte man sie alle schon gelesen. Vielleicht ist dies der Zeitpunkt, sich von der Reihe zu verabschieden.

Jeffery Deaver, Der Giftzeichner. Random House Audio 2015.

Monday, January 14, 2019

Nancy Mitford - Englische Liebschaften

Englische Liebschaften (erschienen 1945) ist der bekannteste Roman der britischen Autorin und Journalistin Nancy Mitford (1904-1973).

Die Erzählerin Fanny berichtet uns vom Leben ihrer Cousine Linda. Sie selbst wächst phasenweise mit Linda und ihren Geschwistern auf Alconleigh, dem Sitz der Familie Radlett, auf, nachdem ihre Tante Emily sich bereiterklärt hat, sie aufzuziehen. Fannys eigene Mutter lebt ein eher umtriebiges Leben für die Zeit mit wechselnden Partnern, worüber sich die Familie lustig macht.  Auch Linda scheint nicht recht in das konservative Raster der Upper-Class-Familie zu passen. Sie ist eine Person intensiver Gefühle, die impulsiv Entscheidungen trifft, die ihr Leben (und das der Menschen um sie herum) kräftig umkrempeln. Dabei erlebt sie viele Enttäuschungen, aber auch Höhenflüge. Trotz Lindas Art, ihre Familie vor der Kopf zu stoßen, schildert Fanny sie immer liebevoll, fast bewundernd.

Stärke des Romans ist allerdings weniger Lindas Liebesleben und Lebensgeschichte, sondern vielmehr die unterschiedlichen Charaktere, aus denen die Radlett-Familie besteht und die farben- und facettenreich geschildert werden, obwohl sie nicht im Mittelpunkt der Erzählung stehen. Der vorliegenden Übersetzung von Reinhard Kaiser (erstmals erst 1988) merkt man das Bemühen an, Mitfords Sprache gerecht zu werden, jedoch gelingt es nicht immer den sprachlichen Witz und die durch die Sprache verdeutlichten Unterschiede der britischen Gesellschaft umzusetzen. Vermutlich lohnt es, hier im Original zu lesen. Weniger im Fokus stehen die politischen Hintergründe jener Zeit (kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs), sie werden erwähnt, beeinflussen auch zum Teil die Handlung. Fanny schildert aber recht emotionslos, wer für welche Seite Partei ergreift und lässt dies im Weiteren unkommentiert. Es ist mehr Familien-, Charakter- und Gesellschaftsstudie, kein umfassendes Zeugnis dieser Zeit. Insgesamt ist der Roman sehr britisch, ein Kind seiner Zeit, interessant vor dem Hintergrund eines vergangenen Frauenbilds... bezüglich der Handlung aber hat er auch Längen.

Nancy Mitford, Englische Liebschaften. List, Berlin 2013.

Sunday, January 13, 2019

Arnaldur Indridason - Schattenwege

Schattenwege von Arnaldur Indridason ist der erste Band einer neuen Reihe alter isländischer Kriminalfälle zur Zeit der amerikanischen Besatzung des kleinen Landes während des zweiten Weltkriegs.

1944 wird in Reykjaviks "Schattenviertel" eine junge Frau ermordet aufgefunden. Die isländische Kriminalpolizei und ein Mitglied der amerikanischen Militärpolizei ermitteln gemeinsam und stoßen auf den Fall einer weiteren vermissten Frau. Das seltsamste ist aber (aber typisch isländisch), dass Feen und andere mystische Wesen für die Taten verantwortlich sein sollen.
Parallel dazu im heutigen Reykjavik: Ein 90jähriger Mann wird tot in seinem Bett aufgefunden, er ist erstickt worden. Konrád, Exkriminalbeamter, interessiert sich für den Fall, weil bei dem alten Mann Zeitungsartikel über den alten Fall entdeckt werden. Er selbst ist im "Schattenviertel" aufgewachsen.

Die abrupten Wechsel der beiden Zeitebenen waren im Hörbuch zunächst nicht immer leicht erkennbar, andere Rezensenten bemängeln dies auch in der Printedition. Aber darin liegt auch ein Spannungsmoment der Geschichte, da sich die Geschichten ergänzen und gegenseitig komplementieren. Während die beiden Ermittler sich 1944 alle Mühe geben, den Schuldigen zu finden, wird in der Gegenwart klar, dass sie absichtlich hinters Licht geführt wurden und dass die Geschehnisse damals noch Auswirkungen auf das Leben einiger Menschen heute haben.
Vielleicht liegt es daran, dass es so viele Ermittelnde in diesem Roman gibt, jedenfalls sind mir die Protagonisten recht fremd geblieben und keiner wirkt annähernd so charismatisch (oder schräg), wie Erlendur in Indridasons ursprünglicher Serie. Interessant war die Story durchaus, so dass man Stephan und Flovent noch eine Chance geben sollte.

Arnaldur Indridason, Schattenwege. Lübbe Audio 2015.

Wednesday, January 09, 2019

Colin Cotterill - Dr. Siri und der explodierende Drache

Dr. Siris achter Fall im Laos der 70er Jahre... Er wird zwangsrekrutiert, um an einer gemeinsamen Suchaktion von US-Amerikanern und Laoten teilzunehmen. Ein amerikanischer Hubschrauber-Pilot wird vermisst - allerdings liegt dessen Absturz schon zehn Jahre zurück! Siri schafft es, seine Freunde mit in die Suchkommision einzuschleusen und hofft auf eine Art Urlaub, zumal die Amis immerhin Essen und alkoholische Getränke stellen. Doch natürlich geschehen einige unvorhergesehene Dinge, die nur mit viel Geschick und Humor aufzuklären und zu bewältigen sind.

Auch dieser Cotterill besticht durch seine besondere Atmosphäre und die skurrilen Charaktere, die dem Verfolger dieser Serie ans Herz gewachsen sind. Die Lösung des Falls war abenteuerlich und manche der Wendungen waren selbst für diese schräg-humorvolle Reihe etwas ...wild. Dennoch hoher Spaßfaktor, auch durch den interessanten historischen Hintergrund.

Schmerzlich vermisst habe ich bei diesem Audiobook die Interpretation durch Jan-Josef Liefers, der die vorangegangenen Bände zu einem besonderen Hörgenuss machte, welche die Lesung durch Fabian Hinrichs nicht ganz erreichte.

Colin Cotterill, Dr. Siri und der explodierende Drache. Hörverlag 2015.

Friday, January 04, 2019

Gail Honeyman - Ich, Eleanor Oliphant

Der Originaltitel von Gail Honeymans Debutroman ist sehr viel bedeutsamer als die deutsche Übersetzung: Eleanor Oliphant Is Completely Fine. Nein, bereits auf den ersten Seiten (bzw. nach den ersten Minuten des Audiobooks) ist klar, dass es Eleanor nicht gut geht. Sie ist anders als andere Menschen, lebt seltsam emotionslos an den anderen vorbei und ist dabei auf eine Weise isoliert und einsam, dass es einem das Herz bricht.
Nach und nach wird klar, dass ein traumatisches Ereignis in ihrer Kindheit dafür verantwortlich sein muss, doch was genau geschehen ist, erfährt der Leser erst am Ende, nachdem er Eleanors Weg mit ihr gegangen hat.
Der einzige Ort, an dem Eleanor auf Menschen trifft, ist ihr Arbeitsplatz, ihre Kolleginnen finden sie aber seltsam und lästern nahezu offenherzig auch in ihrer Gegenwart über sie. Ein kaputter Computer bringt sie in Kontakt mit Raymond, ein eher nerdiger, aber gutherziger Typ, der über ihre seltsamen Seiten hinwegsehen kann und mit ihr spricht. Aus dieser Begegnung entspinnt sich das langsame Aufbrechen von Eleanors Panzer.
Eleanor berichtet von ihrem Leben und ihren Erfahrungen mit ihrer ganz eigenen Stimme und man ahnt, dass ihre Wahrnehmung sich nicht immer mit der anderer Menschen deckt. Sie ist kein verlässlicher Erzähler ihrer eigenen Geschichte, im Gegenteil. Es könnte eine sehr traurige Story sein, aber in ihrer ungewöhnlichen Wahrnehmung liegt auch eine Beobachtungsschärfe und ein Zynismus, die enttarnend ist für die seltsamen sozialen Zusammenhänge und Situationen, in denen wir uns Tag für Tag bewegen. Warum antwortet man immer "Danke, gut." auf die Frage, wie es einem geht? Warum ist es die einzig richtige Antwort? (In Deutschland allerdings etwas weniger definitiv als in Großbritannien...siehe Titel...) So sind auch andere Gewohnheiten und gesellschaftliche Gepflogenheiten bei näherer Betrachtung und unter Eleanors Lupe gar nicht mehr so logisch, wie man gemeinhin denkt.
Ich, Eleanor Oliphant ist eine ergreifende Geschichte, legt den Finger in die Wunde der großen Einsamkeit, in der viele Menschen in unserer Gesellschaft unerkannt leben, und macht zugleich Hoffnung, dass es manchmal vielleicht nur kleiner Gesten von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bedarf, um etwas zu bewegen. Damit gelingt Gail Honeyman eine Mischung aus unterhaltsamer und emotionsgeladener Geschichte und einer bedenkenswerten Botschaft.

Gail Honeyman, Ich, Eleanor Oliphant. Lübbe Audio 2017.

Interview with Gail Honeyman (Guardian)

Thursday, January 03, 2019

Edmond Baudoin - Der Nabel der Welt

Edmond Baudoin (*1942) ist ein französischer Künstler und Autor verschiedener graphic novels.
In Der Nabel der Welt inszeniert er eine Unterhaltung zwischen einem altem Maler und seinem jungen Nacktmodell. Dabei erzählt der Maler voller Stolz von seinem erfüllten Liebesleben, aber drückt auch sein Unverständnis der Frauen aus. Er sieht die Männer als unfähig an, den Frauen auf gleicher Ebene zu begegnen, da diese aus sich heraus in der Lage sind etwas zu erschaffen (ergo schwanger zu werden), die Männer dagegen sich in einem ständigen Konkurrenzkampf (vom Faustkampf bis hin zum Krieg) befinden, um ihre Unfähigkeit zu erschaffen zu kompensieren. Begleitet werden seine Lebens- und Liebeserinnerungen und seine philosophischen Gedanken von zahlreichen Bildern (Akte und Portraits) des fragenden Modells und der verschiedenen Geliebten seines Lebens.
Diese sind stilistisch sehr abwechslungsreich, wie spontan hingeworfene Aquarelle werden durchmischt mit Tuschezeichnungen, Collagen und anderem, meistens in Rot- und Blautönen. Die Bilder sind zum Teil sehr beeindruckend und drücken mehr emotionale Tiefe aus, als die Geschichten des Malers von seinen Eroberungen erzählen können. Inwiefern man dessen Gedanken folgen möchte, bleibt Mann oder Frau selbst überlassen. Einen bedenkenswerten (feministischen) Gedanken äußert der Maler erst auf vorletzten Seite, bevor er - praktisch wie einen Staffelstab - auf der letzten Seite das Modell sagen lässt, sie möchte nun auch ein paar Dinge sagen (allerdings kommt sie dennoch nicht mehr zu Wort, man weiß nur, es gäbe noch mehr dazu zu sagen - oder hat sie doch die ganze Zeit schon durch den Maler gesprochen?!):
"Die Frauen, die ich kenne, haben keinen Hass auf Männer. Aber viele meiner Geschlechtsgenossen denken, ihnen wird etwas genommen, wenn sie nicht mehr allein regieren, befehlen, besitzen, zerstören, terrorisieren... Sie haben noch nicht gelernt zu teilen, eure Freunde zu sein. Sie mögen sich selbst nicht mehr, sie fühlen sich schwach. Schwache Menschen können gefährlich sein."

Edmond Baudoin,  Der Nabel der Welt. Schreiber und Leser, Hamburg 2013.

Wednesday, January 02, 2019

Ian McEwan - Abbitte

Nach Der Zementgarten und Nussschale ist Abbitte mein dritter Roman von Ian McEwan, der unbestritten einer der großen britischen Autoren der Gegenwart ist.
In vier Teilen erzählt McEwan das Drama um drei sehr unterschiedliche Charaktere. Die Schwestern Briony und Cecilia Tallis und Robbie Turner sind gemeinsam auf dem Landgut der Familie Tallis aufgewachsen, Robbie ist der Sohn einer Bediensteten, der aber von der Familie unterstützt wird. Briony ist zu Beginn der Geschichte im Jahr 1935 13 Jahre alt und mit sich selbst und der Welt nicht im Reinen. Sie will Schriftstellerin werden und versucht, um sich herum Stoff für ihre Geschichten zu entdecken. Von ihrem inneren Hang zum Dramatischen geleitet trifft sie schließlich die Entscheidung, Robbie einer Tat zu bezichtigen, die dieser nicht begangen hat. Das hat nicht nur Folgen für Robbie, sondern auch für Cecilia, die Robbie liebt, und für Briony selbst, denn fortan muss sie mit den moralischen Konsequenzen ihrer Tat leben.
Dieser eine Tag, diese eine Entscheidung Brionys, bestimmt die Leben der Menschen um sie herum. Eindrücklich schildert McEwan den psychologischen Effekt, den dies auf Brionys gesamten Denken hat. Ihre schriftstellerische Arbeit, auf die sie im letzten tagebuchartigen Kapitel eingeht, hat nur das Streben, diese eine Geschichte zu erzählen. Sie berichtet von verschiedenen Fassungen, verschiedenen erträumten Ausgängen der Geschichte, Aspekten, die sie erfand, dazudichtete und wieder strich.
Interessant finde ich, dass sich der Leser am Ende nicht sicher sein kann, ob er nun eine aufrichtige, "wahre" Fassung der Geschichte gelesen hat oder inwiefern der Leser Opfer von Brionys Versuch ist, ihr eigenes Handeln zu rechtfertigen bzw. Abbitte dafür zu leisten. Der erste Teil des Romans war schwer zu ertragen, alle Charaktere riefen Ablehnung oder Unwohlsein hervor, doch im weiteren Verlauf stieg sowohl Spannung als auch die Tiefe der Charaktere - parallel zu ihrer eigenen Weiterentwicklung im Roman. Literarisch betrachtet ist Abbitte ein Geniestreich mit Abstrichen in der Lesefreude durch die Schwere, die das Thema Schuld mit sich bringt.

Ian McEwan, Abbitte. Diogenes, Zürich 2004.

Monday, December 31, 2018

Finished: Goodreads reading challenged 2018

I reached my goal to read (or listen to) 111 books in 2018 and I'm quite happy about it. I'll try the same for 2019! 

Saturday, December 29, 2018

Wonder

After re-reading Wonder by Raquel J. Palacio and reliving the bunch of feelings I had reading it the first time I really stand with my review that it is an excellent book with an excellent message. I first read it in 2015, the film got out 2017. I never got around watching it until today.

I wasn't sure about Julia Roberts as Auggie's Mum but it worked as did the whole film. They changed some parts especially about the bullying. I guess they didn't want to have nice headmaster Poman looking bad. He is a good character in the book but he doesn't stop the bullies like he does in the film.
I liked that they kept the different perspectives, seeing things through August's, Via's and Miranda's eyes although they left out others. Altogether the film is very smooth, very happy-ending, very good. It's nice to get the message so well-presented - so everyone can feel and see and take it home with him or her.
I would say the book leaves a deeper impression but by all means, it's a good story and the film tells it well too.

Thomas Krüger - Entenblues

Erwin Düsediekers Geschichte geht weiter: Nachdem er in Erwin, Mord und Ente einen alten Naziverbrecherring im beschaulichen Versloh aufgedeckt hat, könnte er nun fröhlich mit Laufente Lothar und dessen neuer Freundin Lisbeth sein Dasein und die Badewanne genießen. Doch jemand ist hinter ihm her - miese Zeitungsberichte deuten an, er habe Geld entwendet, eine Leiche fällt in den Ententeich und zu allem Überfluss wird er auch noch erpresst!
Zum Glück findet Erwin bei Lina, die von Annie den Dorfladen übernommen hat, Unterstützung. Doch es ist für ihn nicht leicht, in all dem Durcheinander von Unwahrheiten die richtigen Entscheidungen zu treffen.
In Entenblues spinnt der Autor die Geschichte um seinen ungewöhnlichen Protagonisten in herrlich ostwestfälischem Dialekt weiter (hervorragend umgesetzt durch Dietmar Bär). So nach und nach erfährt man Details zu seiner Lebensgeschichte, die ihn umso liebenswürdiger machen. Auch die Perspektivwechsel zur Entensicht auf die Dinge gelingen und geben diesem Kriminalfall eine einmalige Atmosphäre ohne dabei ins Klamaukige abzudriften, wie das bei manchen Krimis mit Lokalkolorit so leicht geschieht.
Wie schön, dass ich noch zwei Fälle vor mir habe!

Thomas Krüger, Entenblues. Schall und Wahn 2014.

Thomas Krügers Erwin Düsedieker-Reihe:
#1 Erwin, Mord und Ente (2013)
#2 Entenblues (2014)
#3 Erwin, Enten und Entsetzen (2015)
#4 Erwin, Enten, Präsidenten (2017)