Friday, November 16, 2018

Thomas Krüger - Erwin, Mord und Ente

Thomas Krüger (*1962 in Löhne) ist Journalist, Verleger und Autor. Auf seine Krimireihe um Erwin Düsedieker stieß ich nur, weil mir ein von Dietmar Bär gesprochenes Audiobook in die Hände fiel, das mich positiv überraschte. So wird doch - wie schon des öfteren von mir angemerkt - bei den Krimis mit Lokalkolorit erschreckend viel schwaches Zeug verlegt.
Thomas Krüger lässt seinen schrägen ersten Fall Erwin, Mord und Ente in dem fiktiven Ort Versloh-Bramschebeck (Ähnlichkeiten zu Versmold, Gütersloh, ... sind sicher rein zufällig) spielen. Dies ist ein kleines westfälisches Kaff und so sind alle Namen für einen, der da wech kommt, recht geläufig, klingen für anderswo wohnende sicher manchmal etwas konstruiert. Auch die Atmosphäre und der Sprachgestus passt - in der Umsetzung von Dietmar Bär (obwohl als Dortmund Geborener kein echter Ostwestfale) wird daraus ein absolut witziges Hörerlebnis.
Die Charaktere, allen voran der scheinbare Dorfdepp und Protagonist Erwin, der seine Leidenschaft für Schaumbäder und das Lesen gut geheim hält, bestechen durch Originalität und dennoch Authentizität, nur ganz selten gleitet dies ins Klamaukige ab. In Begleitung der schlauen Laufente Lothar durchstreift Erwin sein Dorf und die umliegenden Felder und Wälder. Als zuerst eine Leiche aus der Zeit des zweiten Weltkriegs auftaucht und danach auch noch überraschend die Inhaberin des Dorfladens verstirbt, wird in Erwin die Neugier wach und er beginnt zu ermitteln - etwas, dass ihm weder sein verstorbener Vater (Dorfpolizist) noch irgend jemand anderes im Dorf zutrauen würde. Trotz aller Schrulligkeit und allem Augenzwinkerns angesichts dieser Hauptpersonen (Mann und Ente) fasst Thomas Krüger dennoch ein ernstes Thema an, denn die Täter des alten Mordfalls sind mit ihrem rassistisch-nationalsozialistischen Gedankengut immer noch im Dorf präsent und Erwin gerät selbst in Gefahr...
Ein humorvoller, aber dennoch spannender und plausibler Krimi mit interessanten Charakter, der durch die großartige Lesung von Dietmar Bär und auch durch das Lokalkolorit überzeugt.

Thomas Krüger, Erwin, Mord und Ente. Random House Audio 2013.

Thomas Krügers Erwin Düsedieker-Reihe:
#1 Erwin, Mord und Ente (2013)
#2 Entenblues (2014)
#3 Erwin, Enten und Entsetzen (2015)
#4 Erwin, Enten, Präsidenten (2017)

Sunday, November 11, 2018

Janet Evanovich - Mit High Heels und Handschellen

Für die Popsugar Lesechallenge brauchte ich noch ein Buch, in dem es um einen Raub geht. Der Originaltitel von Mit High Heels und Handschellen lautet The Heist und ist der erste Band einer Reihe um die FBI-Agentin Kate O'Hare und einem Betrüger namens Nicolas Fox.
Schon nach den ersten Seiten war mir im Grunde klar, dass dies kein Buch für mich und meine Lesegewohnheiten ist: Chick-Lit meets crime. Der deutsche Titel sendete diesbezüglich auch schon eine deutliche Warnung aus. So bewegt sich der "Krimi" oft am Rande des Klamauks, sowohl was die Handlung als auch die Charaktere angeht. Unterhaltsam mag das an der ein oder anderen Stelle auch sein, sonst hätte ich es nicht zuendelesen können.
Die Prämisse ist, Kate jagt Nick, den genialen Betrüger. Als er dann erwischt wird, verbündet er sich mit dem FBI um einen anderen Betrüger mit Hilfe seinen besonderen betrügerischen Fähigkeiten dingfest zu machen und diesem die 500 Millionen, die er entwendet hat, wieder abzuluchsen. Kate wird ihm als Partner zugeteilt, sie schwankt zwischen Misstrauen und sexueller Anziehung, arbeitet aber nahezu perfekt mit Nick zusammen. Die beiden absolvieren ihren Auftrag erfolgreich, inklusive vieler James-Bond-vergleichbarer Szenen (die man evtl. dem Co-Autor Lee Goldberg zuschreiben kann), Ende bezüglich der Liebesbeziehung offen. Ist ja klar, sonst kann die Serie schlecht fortsetzen - inzwischen sind fünf Bände veröffentlicht, der sechste ist angekündigt.
Für mich endet die Reihe hier und jetzt.

Janet Evanovich, Mit High Heels und Handschellen. Goldmann, München 2014.

Tuesday, November 06, 2018

Wawatam Lighthouse

Wawatam Lighthouse, St. Ignace, Michigan, USA
This lighthouse card was sent by Michaela from the US. I read about Wawatam Lighthouse on wikipedia and found out that this lighthouse once stood 530km away from it's current position and that it was transported there so it could be of real use... It was quite expensive too. Strange story, isn't it?

Yellow Horses


After taking a longer break from postcrossing I recently restarted this hobby again and now the first cards are coming in again - what a joy!
 
Here's one from Joke from the Netherlands who likes expressionistic art like me. She chose well, it's the Little Yellow Horses by Franz Marc, one of my favourite artists. He painted it in 1912. So sad, that he died early in 1916 in World War I when he was only 36 years old. Imagine what he could have created if he had lived longer... 


Monday, November 05, 2018

Guillaume Musso - Nachricht von dir

"Als sich Madeline und Jonathan am Flughafen begegnen, denken sie nicht im Traum an ein Wiedersehen. Doch hat das Schicksal anderes mit ihnen geplant: Ihre Leben sind schon seit Langem miteinander verknüpft - genau wie tiefe Wunden aus der Vergangenheit, die sie nun mit aller Macht einholen..."
Dieser Klappentext zu Guillaume Mussos Nachricht von dir lässt einen auf einen typischen romantischen Roman tippen - das stimmt nur zum Teil. Die zwei starken Protagonisten, beide in einer persönlichen Krisensituation, können sich erst gar nicht leiden, entwickeln, dann aber doch Interesse aneinander, mehr oder weniger erzwungenermaßen. Dann entstehen um beide Charaktere aber kriminalistische Ermittlungen, die sie gemeinsam angehen müssen, um voranzukommen. Gleichzeitig werden sich beide darüber klarer, was sie mit ihrem Leben in Zukunft anfangen wollen. Es entsteht so eine ganz unterhaltsame Mischung aus (Liebes-) Roman und Kriminalgeschichte.
Die Lesung in verteilten Rollen wird von Nina Petri und Andreas Fröhlich wie gewohnt hervorragend umgesetzt, beides sind erfahrene und versierte Sprecher.

Guillaume Musso, Nachricht von dir. Osterwold, Hörbuch Hamburg 2012. 

Saturday, November 03, 2018

Losgelöst - Der Unverpackt-Bioladen


Endlich gibt es auch in Bielefeld eine Möglichkeit, Biolebensmittel unverpackt ohne Plastikgedöns einzukaufen. Eine durchweg gute Sache und ich freue mich für die Betreiber, dass sie ihr Projekt umsetzen konnten!

Friday, November 02, 2018

Janne Teller - Alles, worum es geht

Alles, worum es geht von der dänischen Autorin Janne Teller ist eine Sammlung von Kurzgeschichten. Vielfältige Themen, unterschiedliche Adressaten, von Jugendlichen bis hin zum Erwachsenen, so schreibt sie selbst in ihrem Nachwort. Bis auf die titelgebende Geschichte "Alles", beschreiben und betrachten sie alle eine Form von Gewalt. Sprachlich eindrucksvoll, erzählerisch knapp, aber (be-)deutungsintensiv.
"Alles" dagegen handelt vom Schreiben - "Alles" ist das flüchtige Wahrhaftige, welches das lyrische Ich einzufangen versucht, um es zu Papier zu bringen. Dabei widersetzt es sich, ist bockig, leicht verscheuchbar, das lyrische Ich zu leicht ablenkbar und unsicher, mit Gewalt ist "Alles" nicht einzufangen. Es ist ein Sprachspiel und gleichzeitig ein sehr beeindruckendes Bild, wie intensiv die Autorin mit ihren Botschaften und deren sprachlicher Repräsentation ringt.
"Alles" - aber auch die ganze Anthologie - ist beeindruckend und genauere Betrachtung wert.

Janne Teller, Alles, worum es geht. Hanser, München 2013.  

Sten Nadolny - Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit ist der bekannteste und erfolgreichste Roman des deutschen Schriftsteller Sten Nadolny. Er erzählt die Geschichte des Seefahrers und Entdeckers Sir John Franklin (1786-1847), wobei zwar die historischen Fakten bezüglich seiner Familie, Ausbildung, seines beruflichen Werdegangs und seiner Expeditionen eingehalten werden, die Schilderung seiner Figur aber mit großer literarischer Freiheit erfolgt.

Im Titel begegnen sich die Langsamkeit und das Entdecken, die zwei Hauptmerkmale, die der Autor seiner Figur zueignet. Sein John Franklin ist als Kind schrecklich langsam, kann keinen Ball fangen, seine Wahrnehmung kommt mit (normal) schnellen Bewegungen nicht zurecht. Nach und nach lernt er, diesen Nachteil zu kompensieren, indem er viele Dinge auswendig lernt, um damit seine Reaktionszeiten zu verkürzen. So kommt erfolgreich durch die Schulzeit und auch durch die Militärzeit, wobei er immer sein Ziel verfolgt, zur See zu fahren. Dabei wird ihm schnell klar, dass er sich nicht in der Rolle eines Kriegshelden sieht, das Töten verursacht ihm Übelkeit, er will andere Küsten, Länder und Menschen sehen und entdecken. Immer mehr erwächst aus seiner Langsamkeit die Stärke der Besonnenheit - er denkt lange über Entscheidungen nach und kommt dadurch zu besseren Ergebnissen als seine hastigen Mitmenschen.
Diese Besonnenheit spiegelt sich auch in der Ruhe und Bedächtigkeit von Nadolnys Erzählstil, trotzdem kommt man nicht umhin, sich von Franklins fantastischen und gefährlichen Erlebnissen und Reisen des späten 19. Jahrhundert, als es noch Dinge zu entdecken gab, gefangen nehmen zu lassen. Zwar stößt er immer wieder an die Grenzen des Machbaren, beispielsweise in seiner Funktion als Gouverneur von Tasmanien, gibt aber nie auf und findet neue Ziele, auf die er konsequent hinarbeitet. Aber auch sein eiserner Wille bezwingt nicht das Packeis der Arktis, in dem sowohl der fiktionale als auch der historische Franklin schließlich ihr Ende finden. 

Als ich den Roman erstmals als Schullektüre in den 90er Jahren las, konnte er mich nicht begeistern. Spannend fand ich die zum Buch passenden Dokumentation, die Fotos der exhumierten Leichen der Expeditionsteilnehmer zeigte und Spekulationen zu deren Todesursachen auflistete. Ich empfand die reale Geschichte als interessanter als die phasenweise zähe und stark reflektierende, gleichzeitig aber auch etwas emotionslose Schilderung im Roman. Ein Literaturstudium und einige 100 Romane später sehe ich das etwas anders. Zwar waren auch heute noch einige Abschnitte des Romans langatmig, aber dem Protagonisten bringe ich großen Respekt entgegen in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, die ihm sein Handicap der Langsamkeit auf physischer, sozialer und emotionaler einbringt. Nadolny hat auf der Basis einer historischer Figur einen sehr facettenreichen, bewundernswerten Charakter erschaffen, dessen Handlungen erst dann wirklich plausibel werden, wenn man sich auf seine - langsame - Wahrnehmung einlässt. Und ist nicht gerade dies vor dem Hintergrund unserer hektischen, fremd- bzw. gerätegesteuerten Gegenwart höchst aktuell und bedenkenswert? Achtsamkeit. Zielstrebigkeit. Reflexion. Ich bin froh über diese Wiederbegegnung.

Abschließend ist zu sagen, dass der Autor sein Werk bedachtsam und nachdrücklich liest, ein absolut stimmiger Vortrag - keine Selbstverständlichkeit bei vorlesenden Autoren.

Sten Nadolny, Die Entdeckung der Langsamkeit. Mare 2004.

Thursday, November 01, 2018

Wishing I was somewhere else...

by InBetween / postcrossing card on its way to Ireland...

Douglas/Olshaker - Die Anatomie des Mörders

Dies ist eines der Bücher außerhalb meiner Lesegewohnheiten. Meine Poposugar reading challenge verlangte nach einem Buch über true crime und da ich Trueman Capotes Kaltblütig schon gelesen hatte, durchsuchte ich die Listen der Empfehlungen und stieß auf die Anatomie des Mörders. John Douglas und Mark Olshaker waren hochrangige FBI-Agenten, Douglas schrieb zahlreiche Bücher über seine Erkenntnisse als einer der ersten Profiler überhaupt und diente als Vorlage vieler literarischer und filmischer Charaktere.
Der Originaltitel des Buches (erstmals erschienen 1999) benennt dessen Inhalt genauer: The Anatomy of Motive: The FBI's Legendary Mindhunter Explores the Key to Understanding and Catching Violent Criminals. 
Es geht um die Motive, den Antrieb für die Taten der Gewaltverbrecher. Aus dem "Warum?" und "Wie?" lassen sich dann die notwendigen Schlüsse auf das "Wer?", also auf den Täter, ziehen. Die Autoren zeigen dabei grundlegende psychologische Zusammenhänge auf und beziehen diese dann immer auf drei bis vier Fallbeispiele. Die Verbrechen, um die es geht, sind nicht die spektakulären Sexualserientäter, um die es in Thrillern und Filmen häufig geht, vielmehr erzählt Douglas von seinen Erfahrungen mit Bombenlegern, Brandstiftern, Erpressern, Massenmördern (die heute wohl oft als Amokläufer bezeichnet werden) und einigen mehr. Dabei sind die Fälle durchaus spektakulär und der amerikanischen Öffentlichkeit sicherlich wohl bekannt.
Den Autoren gelingt ein locker-unterhaltsamer Erzählton, der die über 500 Seiten umfassenden Beispiele nicht langweilig werden lässt. Gleichzeitig sind sie immer bemüht, bei allen psychologischen und sozialen Zusammenhängen für die Beweggründe der Täter, die sie beschreiben, den Leser immer wissen zu lassen, dass sich die Mehrheit der Täter immer darüber bewusst war, was sie taten und sich dafür entschieden haben, ihre Taten durchzuführen - und damit sind sie auch für diese verantwortlich. Zusammenhängend mit dem Strafverfolgungs- und Rechtssystem der USA ist die Sichtweise der Autoren manchmal sehr amerikanisch, beispielsweise, wenn es um Prozessführung oder die Todesstrafe geht, aber dies stört nicht weiter. Die grundlegenden Erkenntnisse über die Motive von Verbrechern und was zu ihren Taten führt, sind allgemein gültig. Ein interessantes Buch - einmal mehr gut, dass eine reading challenge mit ungewohnten Genres andere Perspektiven öffnet.

John Douglas/ Mark Olshaker, Die Anatomie des Mörders. Goldmann, München 2001.

Saturday, October 27, 2018

Julie Maroh - Blau ist eine warme Farbe

Julie Maroh erzählt die Geschichte einer lesbischen Liebe im Frankreich der 90er Jahre. Eine Zufallsbegegnung mit einer jungen Frau mit blauen Haaren trifft die 15jährige Clementine tief: Als Tochter sehr konservativer Eltern und aufgewachsen auf einem Dorf kann sie mit den Gefühlen, die sie plötzlich für eine Frau empfindet nur sehr schlecht umgehen. Doch auch Emma, die Frau mit den blauen Haaren, kämpft mit dem, was sie für Clementine empfindet, und nur langsam kommen die beiden zusammen. Immerhin noch rechtzeitig, um zu sehen, welche Tiefe ihre Liebe füreinander hat, bevor eine Katastrophe sie wieder trennt...
Es ist eine wunderbare Liebesgeschichte, die Maroh gezeichnet hat. Durch die Problematik der Diskriminierung Homosexueller im Frankreich der Gegenwart erhält der Roman zusätzliche Tiefe und Bedeutung. Die sensiblen, wunderschönen Bilder tragen einen wesentlichen Teil zur Wirkung bei - man möchte, dass die beiden Frauen glücklich miteinander sind, man möchte das symbolische Blau dauerhaft leuchten sehen.
Die Graphic Novel (in Deutschland im Splitter Verlag erschienen) hat zu Recht zahlreiche Preise gewonnen. Die Verfilmung von Abdellatif Kechiche gewann 2013 in Cannes die goldene Palme und stieß eine intensive Diskussion an - vor allem auch wegen der gleichzeitigen Diskussion um gleichgeschichtliche Ehe in Frankreich. Die Autorin Julie Maroh sieht ihre Comicvorlage nicht angemessen berücksichtigt in der Verfilmung, vor allem der Fokus auf intensive Sexszenen der Protagonistinnen (und deren Unglaubwürdigkeit, die auf diesbezügliche heterosexuelle Fantasien basiere) stört sie. Im Buch gibt sie diesen Szenen nur vier von 160 Seiten.

Julie Maroh, Blau ist eine warme Farbe. Splitter, Bielefeld 2013.

Nachtrag nach Anschauen der oben genannten Verfilmung: Der Film wirkte auf mich verstörend, nicht besonders wegen der Sexszenen, wenngleich diese in der Tat surreal intensiv umgesetzt und in der Fokus gerückt wurden, sondern vor allem, weil die Charaktere in einem ganz anderen Licht gezeigt wurden, die Story eine andere war... außer Titel und einem groben Bezug zur Liebesgeschichte hat der Film nicht viel mit Marohs sensibler Geschichte zu tun. Schade eigentlich.

Friday, October 26, 2018

Christoph Türcke - Lehrerdämmerung

Christoph Türcke, Professor der Philosophie, tätig in Leipzig, beschreibt in seinem Buch Lehrerdämmerung die philosophischen Zusammenhänge und ideellen Grundlagen für die aktuelle Bildungsausrichtung an deutschen Schulen. Seit vielen Jahren herrscht dort die Kompetenzorientierung vor, es sollen weniger konkrete (Lern-)Inhalte als vielmehr Strategien vermittelt werden. Man liest beispielsweise nicht mehr des konkreten Themas wegen, sondern überprüft beständig durch inhaltliche Fragen die Lesekompetenz. Individuelle Förderung, Binnendifferenzierung, Dezentralisierung usw. sind weitere Begrifflichkeiten.
Türckes Buch zielt dabei nicht darauf ab, was diese Form der "Lernkultur" für Konsequenzen für die Schülerinnen und Schüler hat, sondern betrachtet die Rolle des Lehrers in diesem System. Er wird in seinen Augen degradiert vom "Zeiger" und Eröffner von neuem Wissen und interessantem Lernstoff hin zu einem bloßen Bereitsteller von Arbeitsmaterial und zum Lernassistenten. Die Schülerschaft erarbeitet sich alles selbst mit Hilfe von Arbeitsblättern, der Lehrer nimmt sich zurück und steht nur helfend zur Seite, sofern dies gewünscht ist. Damit wird die Chance vertan, durch mit Begeisterung und Hingabe (frontal durch Lehrervortrag - böse!) vorgestellte Sachverhalte für die Schülerschaft attraktiv zu machen, sodass ihr Lernwille überhaupt geweckt wird.
Natürlich wird auch das Thema Inklusion angerissen: Er erläutert die Herkunft des Begriffes, die  Entstehung des politischen Drucks, die Schule des gemeinsamen Lernens einzuführen, und gibt einen kurzen Abriss der Problematik des Status Quo. Absolut einleuchtend für Lehrende in dem aktuellen Zustand der Inklusion an Schulen ist, dass dieses "Einschließen" aller in einen Raum plus die Individualisierung des Lernprozesses, bei dem jeder nach seinem Stand lernt und arbeitet, besonders dazu beiträgt, den Schwächeren (ergo den Inklusionskindern) vor Augen zu führen, dass sie nie das erreichen können, was andere ihnen voraus haben. Kinder vergleichen sich ständig mit anderen, Enttäuschung und Frustration sind also in Zeiten der Inklusion in dieser Form vorprogrammiert.
Man könnte jetzt noch viele Aspekte aus Türckes Buch anführen, die in sprachlich und rhetorisch ansprechender Form, Zusammenhänge aufzeigen. Doch was ist seine Botschaft?
Lehrer sollen sich dagegen auflehnen, zu bloßen Lernbegleitern degradiert zu werden, und statt dessen einen eigenen Berufsethos entwickeln... Wie der ganz konkret aussehen könnte, bleibt offen.
So schwanke ich in meiner Wahrnehmung dieses Buchs zwischen Zustimmung über fehlgeleitete Entwicklungen, zielloses Kompetenzgeschwafel und scheiternde Inklusion und gleichzeitiger Skepsis, ob in der Refokussierung auf die starke, und ja, auch autoritäre Lehrperson im Mittelpunkt wirklich die Lösung allen Übels liegt.

Christoph Türcke, Lehrerdämmerung. C.H. Beck, München 2016.




Tuesday, October 23, 2018

Michael Crichton - Timeline

Zugegeben, Timeline von Michael Crichton ist ein wenig in die Jahre gekommen: 1999 erschienen, Quantentheorie mag nicht mehr ganz so neu sein wie damals, wobei ich dennoch bezweifle, dass der theoretische Background in dem Roman damals mehr Sinn gemacht hat als heute. Auf deren Basis entwickelt eine zwielichtige, profitgierige Firma eine Maschine, die Zeitreisen ermöglicht, ich erspare mir die Details.

Jedenfalls strandet ein Professor, der eigentlich ganz klassisch mit archäologischen Ausgrabungen in der französischen Dordogne beschäftigt ist, plötzlich im 14. Jahrhunderts während des Hundertjährigen Krieges - und seine Studenten werden hinterhergeschickt, um ihn zu retten. Der Folgeplot ist eigentlich klar: Mit der Zeitreiserei bzw. den Maschinen geht einiges schief, die Protagonisten müssen sich durchs wilde Mittelalter schlagen, während die Zurückgebliebenen in der Jetztzeit versuchen, eine technische Lösung zu finden.

Wenn man die Story als eine Art mittelalterlichen Abenteuerroman mit neuzeitlichen Protagonisten liest, dann geht es eigentlich, Oliver Rohrbeck hat auch mit seiner Lesung das beste daraus gemacht. Die eigentliche Zeitreiseproblematik des skrupellosen Geschäftsmannes, der aus der neuen Technologie trotz offensichtlicher Gefahren nur Kapital schlagen will, blieb dabei vollkommen blass und nebensächlich.

Michael Crichton, Timeline. RandomHouse Audio 2012.

Friday, October 19, 2018

Nicci French - Blauer Montag

Frieda Klein ist eine ungewöhnliche Frau: Sie arbeitet als Therapeutin in London, führt aber ein sehr zurückgezogenes Leben, meidet in ihrem Privatleben nahezu allzu enge Beziehungen. Nachts wandert sie von Zeit zu Zeit durch die leeren Londoner Straßen, die ihr so am liebsten sind. Als der fünfjährige Matthew verschwindet, fällt Frieda auf, wie sehr der Junge dem Wunschbild entspricht, den ein Patient ihr gegenüber geäußert hat. Er wünscht sich sehr einen eigenen Sohn... kann es sein, dass er seine Sehnsucht nun auf diesem kriminellen Weg erfüllt hat? Ohne konkrete Beweise zu haben, wendet Frieda sich an den ermittelnden Inspector Karlsson. Der will sie erst abwimmeln, doch als außerdem noch verblüffende Zusammenhänge zu einem lange zurückliegenden Entführungsfall eines kleinen Mädchens auftauchen, beginnen die beiden eine Zusammenarbeit.

Der Fall selbst hat zwar einige interessante Wendungen, ist aber alles in allem recht vorhersehbar und nicht sonderlich außergewöhnlich. Auf der Plusseite steht die Figur der Frieda Klein, von deren Hintergrund und Lebensgeschichte man zwar noch nicht allzu viel erfährt, aber die in ihrer Vielschichtigkeit fasziniert. Bei den Nebencharakteren gefällt mir besonders der ukrainische Bauarbeiter Josef, der Frieda als ungewöhnlicher Freund und Gehilfe buchstäblich vor die Füße fällt, wobei unklar bleibt, warum sie ihm als so zurückhaltende Person gleich soviel Vertrauen schenkt.
Insgesamt hat Nicci Frenchs Ermittlerin mit dem Londoner Setting Potenzial. Nach Blauer Montag auf zum eisigen Dienstag...

Nicci French, Blauer Montag. Hörverlag 2012. 

 

Tuesday, October 16, 2018

Andy Weir – Der Marsianer


Der Marsianer von Andy Weir kann als klassischer Science Fiction Roman bezeichnet werden. Eine der bemannten Mars-Missionen geht schief, so dass ein Besatzungsmitglied totgeglaubt zurückgelassen wird. Doch er ist nicht an seinen Verletzungen gestorben und kämpft fortan um sein Überleben auf dem feindlichen Planeten.
 Hauptsächlich durch seine Logbucheintragungen erlebt der Leser, mit welchen Widrigkeiten er zu kämpfen hat und beobachtet seine Problemlösungen, die oft detailreich mit Zahlen und Berechnungen belegt werden. Er ist praktischerweise Biologe und Techniker, so dass komplexe Reparaturen und der Kartoffelanbau gleichermaßen gelingen. Zu diesem intensiven inneren Monolog der Logbücher des Marsianers kommen Rückblenden der Erlebnisse der Crew und Schilderungen der Rettungsplanung auf der Erde hinzu. Dabei schafft Andy Weir interessante und sehr entschlossene Charaktere, die sich unverrückbar für ihre Ziele einsetzen. Selbstzweifel, Verzweiflung, Trauer, Pessimismus, Scheitern – all das hat keinen Platz in seiner Geschichte. Die Rückschläge – sowohl auf dem Mars als auch auf der Erde – dienen nur dem Spannungsaufbau, denn immer wird ein neuer, zum Teil natürlich riskanter Weg gefunden, die neuen Hindernisse zu überwinden. Hier liegt vielleicht auch die Schwäche des Romans: Besonders der Marsianer ist als Protagonist „too good too be true“, nahezu unglaubhaft optimistisch, ein Stehaufmännchen, das höchstens einmal laut flucht, um dann wieder in konstruktiven Aktivismus zu verfallen. Auch scheinen ihm die zahlreichen Entbehrungen (Mangelernährung, Marsatmosphäre, harte physische Arbeit, soziale Deprivation) nichts anhaben zu können, er ist fröhlich und ärgert sich maximal über schlechte Discomusik. Natürlich will  niemand über eine niedergeschlagenen, jammernden Astronauten lesen, aber hier wurde eine Chance vertan, dem Protagonisten charakterliche Tiefe zu verleihen. Ohne die Verfilmung bisher gesehen zu haben, würde ich vermuten, dass der Stoff zu einem wahrhaft amerikanischen Heldenepos herhalten musste – dies ist im Roman deutlich so angelegt. Einige der detailreichen Schilderungen über die naturwissenschaftlichen Gegebenheiten (chemisch, biologisch, physikalisch,…) sind für den weniger daran interessierten Leser etwas langatmig, aber die Genauigkeit in diesem Bereich ist sicher beabsichtigt; wie sehr diese Beschreibungen der Realität entsprechen, also ob sie wissenschaftlich korrekt sind, vermag ich nicht zu beurteilen.
Insgesamt war Der Marsianer schon ein interessantes und spannendes Leseabenteuer, gute Science Fiction ist insgesamt selten, da mag man über kleinere Schwächen hinwegsehen.

Andy Weir, Der Marsianer. Random House 2014.

Monday, October 15, 2018

E.O. Chirovici - Das Buch der Spiegel


Das Buch der Spiegel  von E.O. Chirovici gliedert sich in drei Teile mit jeweils unterschiedlichen Erzählern. Aus der Sicht eines Verlagsagenten, eines Journalisten und eines ehemaligen Polizisten wird ein alter Mord wieder aufgerollt.

Professor Wieder ist im Jahr 1988 ermordet worden und man hat den Täter nie ermittelt. Einer der Verdächtigen, Richard Flynn, schreibt kurz vor seinem Tod ein Manuskript, das angeblich die Wahrheit enthüllen soll und dessen erste Kapitel er an den Verlagsagenten Peter Katz sendet – der liest das Fragment, entwickelt großes Interesse, aber als er sich an Flynn wenden will, ist dieser schon an Krebs verstorben, der Rest des Manuskripts fehlt. Also setzt Katz einen Journalisten, John Keller, auf die Story an (Teil 2), der mit vielen Beteiligten spricht, aber schließlich auch nicht weiterkommt. Durch die Fragen des Journalisten angeregt, beschließt der ehemals in dem Mord ermittelnde und inzwischen pensionierte Polizist Roy Freeman sich ebenfalls noch einmal mit dem Fall zu beschäftigen. Erst ihm gelingt es, in dem Labyrinth der möglichen, subjektiven Wahrheiten den Täter zu ermitteln.

Der Autor spielt damit, wie unterschiedlich Menschen ein Geschehen wahrnehmen, wie die Erinnerung Dinge verändern, verzerren und sogar neu erzeugen kann. Der Begriff der Wahrheit verschwimmt dabei, wird relativ und sogar letzten Endes unwichtig.  Dieses Spiel, das zu Beginn und im mittleren Teil des Romans noch reizvoll und interessant erscheint, relativiert leider auch das Interesse am Ausgang des Falles (wenn man denn von einem Fall sprechen mag), zumal im Verlauf klar wird, dass die Frage von Schuld und Gerechtigkeit ungeklärt bleiben wird. Bei all den subjektiven Sichtweisen bleibt man letztlich auch verunsichert zurück, ob dies denn das wahre Ende der Geschichte sein soll oder ob sich vielleicht nicht doch noch eine weitere verschobene Perspektive auftun könnte. Dies war vermutlich auch die Intention des Romans, lässt aber den Leser etwas unbefriedigt zurück…

E.O. Chirovici , Das Buch der Spiegel. Goldmann, München 2017.

Tuesday, October 09, 2018

Jojo Moyes - Ein ganz neues Leben

Die Autorin Jojo Moyes behauptet selbst, sie habe nie einen zweiten Teil zu Ein ganzes halbes Jahr verfassen wollen, aber auch sie habe wissen wollen, wie es mit Lou nach dem dramatischen Verlust von Will weitergeht und deswegen den Nachfolger geschrieben. Inzwischen ist bereits ein dritter Band erschienen.

In Ein ganz neues Leben müssen wir feststellen, dass Lou - trotz aller Bemühungen von Will, ihre gute Seiten herauszuarbeiten - immer noch etwas unbedarft ist, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen soll. So wiederholt sich in groben Zügen, was sie schon im ersten Band "falsch" gemacht hat: Sie arbeitet in einem miesen Job, hat wenig Lebensfreude, wenig Freunde und kommt nur dann in Schwung, wenn sie das Gefühl hat, andere retten zu müssen. Dabei setzt sich auch die rührselig-dramatische Erzählweise fort, nur selten schimmert ein wenig Selbstironie durch. Dabei entwirft die Autorin durchaus interessante Nebencharaktere, wie die Teenagerin Lily oder Sanitäter-Sam. Auch Lou's sehr britische Familienmitglieder erhalten den Raum, den sie verdienen, und tragen dazu bei, dass der Roman noch eine Spur Humor enthalten darf. Ansonsten ist alles ziemlich tragisch-traurig-dramatisch. Wie auch in Ein ganzes halbes Jahr muss Lou am Ende wieder zu ihrem Glück gezwungen werden, denn positive Entscheidungen für sich selbst treffen --- wo kämen wir da hin?

Ein ganz neues Leben ist leichte Unterhaltung und durch die Anknüpfung an Band 1 und die Charaktere auch mäßig interessant - für sich genommen aber sicherlich keine Geschichte, die unbedingt erzählt werden müsste.

Jojo Moyes, Ein ganz neues Leben. Argon 2015.

Friday, October 05, 2018

Katrine Engberg - Krokodilwächter

Katrine Engberg bringt in ihrem ersten Krimi Krokodilwächter die Kommissare Jeppe Kørner und Anette Werner an den Start. Der Fall ist brutal und der Täter skrupellos: Julie - gerade erst zum Studium nach Kopenhagen gezogen - wird erstochen und mit Schnitten im Gesicht in ihrer Wohnung gefunden. Ihre Vermieterin, die im selben Haus wohnt, ist geschockt - hatte sie doch Julie als Vorlage für das Opfer in ihrem Kriminalroman, an dem sie schreibt, verwendet! Die Ähnlichkeiten sind beängstigend. Als ihr Hauptverdächtiger auch ermordet wird, ist für die Ermittler klar, dass der Täter nicht so schnell Ruhe geben wird. 

Jeppe Kørner steckt selbst noch in einer Krise nach der Trennung von seiner Frau, ist dabei zwar nicht immer sympathisch, aber ein authentischer Charakter. Auch die übrigen Personen werden gut gezeichnet, die Ermittlungen sind nachvollziehbar. Zwar entstehen an manchen Stellen erzählerische Längen, hauptsächlich um den Protagonisten mehr Raum zu geben, aber alles in allem ist Krokodilwächter ein spannender Roman, bei dem mir vor allem das Kopenhagener Setting gut gefallen hat.

Die Lesung von Dietmar Bär ist exzellent wie immer, seine Stimme passt gut zur Atmosphäre des Romans und zur Perspektive von Jeppe Kørner.

Katrine Engberg, Krokodilwächter. DAV 2018.



Tuesday, September 25, 2018

Arno Strobel - Die Flut

Arno Strobels Psychothriller Die Flut spielt auf der Insel Amrum. Gleich zu Beginn lernen wir die brutale Gedankenwelt des Mörders kennen, in dem wir in einem Rückblick von den Grausamkeiten in seiner Kindheit erfahren. In der Jetztzeit begleiten wir zwei Paare, Julia und Michael, Martina und Andreas, die auf der Insel Urlaub machen. Ihre Beziehung sind konfliktreich, die Paare kennen sich noch nicht lange und es kommt zu Streitereien. Diese verstärken sich, als am Strand eine Frau ermordet aufgefunden wird - ertrunken durch die Flut.
So kommen die Ermittler ins Spiel, die eigens vom Festland her eingeflogen werden. Der Soko-Leiter ist ein äußerst unfreundlicher und unkonventionell arbeitender Kriminaler, der im Umgang mit Verdächtigen und Zeugen ständig Grenzen überschreitet - sehr zum Entsetzen seines neuen Kollegen. Der Täter legt Spuren aus, die Michael zum Verdächtigen machen... dieser gerät zunehmend unter Druck.
Dazwischen konstruiert Arno Strobel immer wieder Passagen, in denen er Einblick in die Gedankenwelt des Täters gibt. Dennoch geschehen einige überraschende Wendungen, die dazu führen, dass die Spannung erhalten bleibt bis zum Ende.
Trotz der perfide angelegten Tatabläufe scheint der Fokus von Die Flut mehr in den Beziehungen der Paare und der Ermittler zu liegen - und besonders letztere scheinen auch mehr damit beschäftigt zu sein, sich gegenseitig zu beobachten und missgünstig zu betrachten als wahrhaft an der Aufklärung des Falls zu arbeiten. Das macht den Thriller leider stellenweise etwas unglaubwürdig und die Protagonisten anstrengend und unsympathisch. Trotzdem habe ich das Ende und die Aufklärung mit Spannung erwartet, aber die Bekanntschaft mit dem Autor muss ich nicht vertiefen.

Arno Strobel, Die Flut. Argon 2016. 



Friday, September 21, 2018

Angelika Felenda - Der eiserne Sommer

Der Münchner Kommissär Sebastian Reitmeyer wird angesetzt, in einer Mordserie zu ermitteln. Schon bald führen ihn seine Nachforschungen in die Vergnügungslokale der Offiziere und gleichzeitig in die Schwulenszene. Seine Vorgesetzten machen ihm aber bald klar, dass er nur in gewünschte Richtungen ermitteln soll und darf, gegen das Militär darf er 1914 nicht vorgehen. Die Atmosphäre ist sowieso bereits angespannt durch das Attentat am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand, das schließlich im Juli zum Beginn des ersten Weltkriegs führte. 

Reitmeyer ist hin- und hergerissen zwischen seinem Wunsch, die Wahrheit aufzudecken (die noch viel unglaublicher ist als zunächst angenommen), und seinem Bestreben, seine ins Geschehen verwickelten Freunde zu schützen. 

Das Audiobook wird überzeugend vorgetragen von Johannes Steck und Jens Wawrczeck, wobei letzterer die kommentierende Stimme des Bösewichts übernimmt. Angelika Felenda gibt ihren Charakteren Persönlichkeit und Tiefe und zugleich zeichnet sie treffend das historische Umfeld und die politischen Gegebenheit der Zeit ohne sich dabei zu sehr in Details zu verlieren. Der reine Krimileser wird das politische Wirrwarr um den Fall vielleicht nicht so sehr schätzen, aber die Kombination von Kriminal-  und historischem Roman ist Felenda in diesem ersten Band gut gelungen. 

Angelika Felenda, Der eiserne Sommer. Hörverlag 2014.

Monday, September 17, 2018

Mariana Leky - Was man von hier aus sehen kann

Von Herzen danke ich dem Menschen, der mir dieses Buch geschenkt hat!
Es war reine Freude und das sage ich nicht oft.
Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky ist ein leiser und unaufgeregter Roman mit Tiefgang. Die Handlung setzt sich zusammen aus den Erlebnissen der Ich-Erzählerin und ihrer Dorf-Familie. Ich nenne es Dorf-Familie, denn nicht mit allen ist sie verwandt, aber sie wächst mit diesen Menschen auf und sie sind bedeutsam für sie. Dagegen sind ihre Eltern nahezu abwesend, die Großmutter ist ihr wichtigster Bezugspunkt. Das auf dem Cover abgebildete Okapi erscheint nur in den Träumen der Großmutter und bringt den Tod für jemandem im Dorf, sooft es auftaucht.

Ich will mich hier aber gar nicht lange mit der Handlung aufhalten, es ist eine Familien- und eine Liebesgeschichte, es ist eine Geschichte um Tod und Trauer ohne allzu traurig oder rührselig zu sein.
Die Charaktere sind intensiv, skurril, eindrucksvoll - ich wollte sie durchweg persönlich treffen, mich unter ihnen bewegen, mit ihnen sprechen. Besser kann es eine Autorin nicht machen, glaube ich, als dass man sich in den Charakteren verliert.
Dazu kommt ein Sprachstil, der ungewöhnlich ist, es ist schwer zu fassen, woran das liegt. Es sind recht schlichte, nicht allzu komplexe Sätze, klar, unaufgeregt, aber dabei mit einer irritierenden Treffsicherheit und humorvoll. Gerade letzteres nicht zu knapp. Man wünscht sich, man könnte auch solche Sätze in die Welt setzen. Wunderbar und magisch.

Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann. Dumont, Köln 2018.




Saturday, September 01, 2018

Martin Walker - Grand Cru

Der zweite Fall für Bruno, Chef de police, im beschaulichen Saint-Denis, beginnt mit einer Brandstiftung: Das Versuchsfeld eines Forschungslabors für genetisch veränderte Pflanzen wird niedergebrannt. Schnell vermutet man die Täter unter den extremen Grünen, den écolos. Bruno beschäftigt aber vielmehr, ob die Bestrebungen des amerikanischen Weinmagnaten, im Périgord groß ins Geschäft einzusteigen, wirklich vorteilhaft für sein kleines Städtchen sind. Dann wird der mutmaßliche Brandstifter tot aufgefunden... ausgerechnet in einem Weinfass!
Obwohl auch die Kriminalpolizei ermittelt, findet Bruno als Ortspolizist ganz eigene Wege, um der Wahrheit näherzukommen, seine Verbundenheit mit Saint-Denis und seinen Bewohnern spielen die entscheidende Rolle. Dazu mischt der Autor Martin Walker als weitere Zutaten eine große Portion Wein, gutes Essen und spleenig-französische Unikate, dazu kommt noch eine Prise Liebesgeschichte und ein sympathischer Hund. Grand Cru funktioniert wunderbar als Wohlfühlroman, wenngleich weniger als packende Kriminalgeschichte.

Martin Walker. Grand Cru. Diogenes, Zürich 2012.

Monday, August 20, 2018

Volker Kutscher - Der stumme Tod

Nach dem etwas langen, aber dennoch gelungenen ersten Band Der nasse Fisch der Reihe um Gereon Rath schickt Volker Kutscher seinen eigenwilligen Ermittler in Der stumme Tod in Berlins Filmszene im Jahr 1930. Der Stummfilm wird langsam vom Tonfilm verdrängt, was wie jeder große mediale Umsturz, zu jeder Menge Konflikten bei allen Beteiligten führt, bei Schauspielern, Regisseuren und Produzenten gleichermaßen.

Die Schauspielerin Betty Winter wird während der Dreharbeiten von einem Scheinwerfer erschlagen. War Sabotage im Spiel? Gleichzeitig wird Rath gebeten, private Ermittlungen anzustellen und den Aufenthaltsort einer anderen, verschwundenen Schauspielerin herauszufinden. Als diese dann tot in einer grausigen Inszenierung aufgefunden wird, nimmt auch bei diesem Fall die Mordkommission ihre Arbeit auf.

In der Audiobookfassung sind einige Kürzungen vorgenommen worden, so dass keine erzählerischen Längen entstanden (auf die andere Rezensenten aber auch bei diesem zweiten Band hinweisen). Gereon Rath ist nach wie vor ein vielschichtiger Protagonist, der viel Einsatz und auch Gerechtigkeitssinn zeigt, sich aber schlecht in die Strukturen seiner Dienststelle einfügen kann und auch vor Gesetzesverstößen nicht zurückschreckt. Dass er damit dennoch durchkommt, wirkt stellenweise unglaubwürdig, aber passt irgendwie in die unruhige und auch bedrohliche Zeit, die Kutscher sehr bemüht zeichnet. Berlin ist überaus lebendig, düster, bedrohlich und glamourös zur gleichen Zeit.

Alles in allem hat mir auch dieser zweite Band gut gefallen, die Lesung von Reiner Schöne war kurzweilig. Mal sehen, wie es mit Gereon Rath und seinen Kollegen in Goldstein weitergeht.

Volker Kutscher, Der stumme Tod. Argon 2011.


Saturday, August 18, 2018

Val McDermid - Der lange Atem der Vergangenheit

Zu Beginn von Detective Chief Inspector Karen Piries drittem Fall wird ein Skelett mit einem Einschussloch im Schädel in einem alten verlassenen Gebäude in Edinburgh gefunden. Eine alte Magnetkarte gibt erste Hinweise auf die Identität des Toten... und führt sie zu der Oxforder Universitätsprofessorin Maggie Blake. Ihr kroatischer Lebensgefährte verschwand vor vielen Jahren -  ist er vielleicht doch nicht in seine Heimat zurückgekehrt, wie sie immer angenommen hatte?
Parallel zu Piries Ermittlung beschäftigt sich ein Team vom Internationalen Kriegsverbrechertribunal mit den Hintergründen zu einer Reihe von Morden an Kriegsverbrechern aus dem Jugoslawienkrieg, die wegen ihrer Ermordung nie vor Gericht gestellt werden können. Sie interessieren sich für den gleichen Mann. So überschneiden sich die beiden Ermittlungen an einigen Stellen und für den Leser wird die Geschichte aus beiden Erzählsträngen heraus erklärt.
Es überlagern sich persönliche und geschichtlich-politische Aspekte der Geschichte, es ist nicht nur ein Thriller, den Val McDermid hier entwirft, sondern auch ein Rückblick auf die schrecklichen Geschehnisse dieses Balkankrieges, dessen Auswirkungen immer noch das Handeln und Empfinden von Menschen beeinflusst. Die Schilderung des Horrors von damals mag mancher Krimifan als störend empfinden - oder als Aspekt, der dem Roman mehr Tiefe und Glaubwürdigkeit verleiht.
Die Protagonistin gibt ihr Bestes, um in dem Labyrinth von Vergangenheit, Täuschung und  Selbstbetrug die Zusammenhänge zu ergründen - auch wenn am Ende die Schuldfrage offen bleibt.

Val McDermid, Der lange Atem der Vergangenheit. Argon 2015.

Series by Val McDermid

Inspector Karen Pirie Series

#1 The Distant Echo (2003) - Echo einer Winternacht ⭐️⭐️⭐️⭐️(Juli 2018)
#2 A Darker Domain (2008) - Nacht unter Tag ⭐️⭐️⭐️(Januar 2012)
#3 The Skeleton Road (2014) - Der lange Atem der Vergangenheit ⭐️⭐️⭐️(August 2018)
#4 Out of Bounds (2016) - Der Sinn des Todes ⭐️⭐️⭐️(Mai 2024)
#5 Broken Ground (2018) - Das Grab im Moor ⭐️⭐️⭐️⭐️(Juni 2024)
#6 Still Life (2020) - Ein Bild der Niedertracht ⭐️⭐️⭐️⭐️(Mai 2025)
#7 Past Lying (2023) - Die Gabe der Lüge ⭐️⭐️⭐️(Juli 2025)
# 8 Silent Bones - erscheint vermutlich Oktober 2025

Tony Hill and Carol Jordan Series

#1 The Mermaids Singing (1995) - Das Lied der Sirenen
#2 The Wire in the Blood (1997) - Schlussblende
#3 The Last Temptation (2002) - Ein kalter Strom
#4 The Torment of Others (2004) - Tödliche Worte
#5 Beneath the Bleeding (2003) - Schleichendes Gift
#6 Fever of the Bone (2009) - Vatermord
#7 The Retribution (2011) - Vergeltung
#8 Cross and Burn (2013) - Eiszeit
#9 Splinter in the Silence (2015) - Schwarzes Netz
#10 Insidious Intent (2017) - Rachgier
#11 How the Dead Speak (2019) - Der Knochengarten


Kate Brannigan Series

#1 Dead Beat (1992) - Abgeblasen
#2 Kick Back (1993) - Luftgärten
#3 Crack down (1994) - Skrupellos
#4 Clean Break (1995) - Clean Break
#5 Blue Genes (1996) - Das Kuckucksei
#6 Star Struck (1998) - Das Gesetz der Serie


Val McDermid's website

Thursday, August 16, 2018

Antje Babendererde - Isegrim

Antje Babendererde beschäftigt sich in ihren Jugendbüchern mit naturbezogenen Themen. Nach den Walen und Indianerbezügen in Der Gesang der Orcas, das mir gut gefallen hat, rechnete ich bei Isegrim natürlich mit einem Wolfsthema.

Jola ist die 17jährige Tochter eines Revierförsters in der Nähe von Erfurt und sie kennt und liebt den Wald und die Tiere darin über alles. Auch wenn ihr Freund Kai das gern anders hätte, damit sie mehr Zeit mit ihm verbringt. Doch dann nimmt Jola Veränderungen im Wald wahr, sie fühlt sich beobachtet. Sie erinnert sich plötzlich an das Verschwinden ihrer Freundin vor fünf Jahren - gleichzeitig kommt es zu einer Reihe von kleinen Diebstählen im Dorf. Als sie eines Tages dann die Wölfin im Wald entdeckt und fürchten muss, dass die Dorfbewohner gleich zur Flinte greifen werden, ist das Chaos fast perfekt. Dazu gehört dann nur noch der im Wald lebende polnische Junge Olek, in den sich Jola unsterblich verliebt... Und dann war da noch der Handlungsstrang, in dem die Jugendlichen in der Vergangenheit der alten Dorfbewohner recherchieren und auch dort ungelöste Geheimnisse aufstöbern.
Angesichts dieser vielen Probleme und Handlungsfäden bleibt es nicht aus, dass die Protagonistin, obwohl sympathisch, leicht überfordert ist und nicht mehr klar und logisch handelt - zumal sie ein verliebter Teenager ist. So ist es letztendlich nicht überraschend, dass die Auflösung arg konstruiert und forciert erfolgt und sich das ganze Buch nicht zu einem runden Ganzen fügt. Ein oder zwei Ideen wegzulassen, hätte Isegrim gutgetan. So bleibt auch die Wolfsgeschichte offen, zumal sie so oder so nicht im Fokus steht, die Lösungsansätze für das chaotische Liebesleben Jolas wirken wie ein erzwungenes Happy End, von der Erklärung für die verschwundene Freundin gar nicht zu sprechen. Unbefriedigend.

Antje Babendererde, Isegrim. Arena, Würzburg 2013.


Tuesday, August 14, 2018

Roddy Doyle - Alles super

Gloria und Raymonds Onkel Ben geht es nicht gut, die Großmutter sagt, auf seinen Schulter sitzt der "schwarze Hund". Der sucht zur Zeit der Wirtschaftskrise ganz Dublin heim, so vielen Erwachsenen geht es nicht gut.
Die Kinder beschließen eines Nachts, dass der schwarze Hund gefunden und bekämpft werden muss und schon rennen sie hinaus in die Dunkelheit Dublins! Plötzlich entdecken sie ihn tatsächlich, einen riesigen dunklen Schatten, der vor ihnen davonläuft - oder will er sie irgendwohin locken? Ein wenig Angst haben sie doch, zum Glück merken sie bald, dass der Hund es gar nicht leiden kann, wenn sie laut rufen "Alles super!", dann scheint plötzlich ein helles Licht. Auch finden sie unterwegs noch andere Kinder mit dem gleichen Ziel und gemeinsam geschieht das Unfassbare - passend zum St. Patrick’s Day ist die Stadt von dem schwarzen Hund befreit!
Roddy Doyle hat ein sympathisches und kindgerechtes Buch zum Thema Depression geschrieben. Das Bild vom schwarzen Hund, der den Menschen auf den Schultern lastet und ihnen einredet, sie seien nichts wert, ist beeindruckend schlicht und auch treffend. Die Lösung andererseits - einfach zu sagen, alles sei super (in der Originalausgabe Brilliant!) - greift zu kurz und ist vielleicht irreführend, es gäbe tatsächlich eine so einfache Lösung für diese schwierige Krankheit.

Roddy Doyle, Alles super. cbj, München 2015.

Monday, August 13, 2018

Alan Bradley's Flavia de Luce series

#1 The Sweetness at the Bottom of the Pie (2009)
     Mord im Gurkenbeet (2009)
#2 The Weed That Strings the Hangman's Bag (2010)
     Mord ist kein Kinderspiel (2010)
#3 A Red Herring Without Mustard (2011)
     Halunken, Tod und Teufel. (2011)
#4 I Am Half-Sick of Shadows (2011)
     Vorhang auf für eine Leiche.  (2012)
#5 Speaking from Among the Bones (2013)
     Schlussakkord für einen Mord (2013)
#6 The Dead in Their Vaulted Arches (2014)
     Tote Vögel singen nicht (2014)
#7 As Chimney Sweepers Come to Dust (2015)
     Eine Leiche wirbelt Staub auf (2016)
#8 Thrice the Brinded Cat Hath Mew'd (2016)
     Mord ist nicht das letzte Wort. (2017)
#9 The Grave's a Fine and Private Place (2018)
     Der Tod sitzt mit im Boot. (2018)
#10 The Golden Tresses of the Dead (2019)
     Todeskuss mit Zuckerguss (2019)

Sunday, August 12, 2018

Jennifer Rush - Hide (Altered #2)

Nach ihrer Fluch (Escape (Altered #1) sind Anna und ihre vier Superjungen in Hide hauptsächlich mit Überleben beschäftigt - sie verstecken sich, trainieren ihre Kräfte und erleben Flashbacks - kurze Sequenzen, in denen unterdrückte Erinnerungen wieder hochkommen. Anna möchte gern mehr über ihre Vergangenheit und ihre Familie herausfinden, auch wenn ihr Geliebter Sam das für keine gute Idee hält - aber warum? Auch er erinnert sich inzwischen an Dinge, die vielleicht besser verborgen geblieben wären.
Jennifer Rushs zweiter Band der Reihe deckt weitere Schichten des komplexen Durcheinanders der die Gruppe bedrohenden Organisation "Sektion" auf, sie fügt neue Charaktere hinzu und ermöglicht damit neue Beziehungskonstellation, die das sowieso schon schwierige Miteinander noch schwieriger machen.

Hide ist unterhaltsame Teenie-Action mit einer nach wie vor nicht allzu schlauen Protagonistin ("Ach - ich darf meiner gerade neu aufgetauchten Schwester nicht blind vertrauen, wenn sie mir sagt, dass alle anderen böse sind?!?") und viel Emotion.

Jennifer Rush, Hide (Altered #2). Loewe, Bindlach 2014.

Saturday, August 11, 2018

Alan Bradley - Mord im Gurkenbeet

Bereits 2009 erschien Alan Bradleys erster Band Mord im Gurkenbeet um die schräge Flavia de Luce. Er gewann damit vor dem Erscheinen den renommierten britischen Dagger Award in der Kategorie Debut Dagger (2007). In der Tat hat der Autor hier ein interessantes und auch ein sehr britisches Setting entwickelt.

Flavia de Luce ist eine ungewöhnliche Protagonistin. Sie ist elf und überdurchschnittlich, bis hin zur Unglaubwürdigkeit intelligent. Sie lebt mit zwei Schwestern und dem in seine Briefmarkensammelleidenschaft versunkenen Vater in einem alten englischen Herrenhaus nahe einem kleinen englischen Dorf. Sie hat ein Spezialinteresse für Chemie und Gifte.
Um sie herum wimmelt es von weiteren skurrilen Charakteren wie den kriegsgeschädigten Hausangestellten Dogger, die Köchin Mrs Mullet und weiteren Dorfbewohnern, allesamt sehr klassisch-Mrs Marple-mäßig-britisch. Das darf auch so sein, denn der Roman spielt in den 50er Jahren.
Wie der deutsche Titel bereits verrät, liegt eines Nachts ein Toter im Gurkenbeet. Zuvor hat Flavia ihren Vater mit dem Mann streiten hören - und auch die Polizei in Form von Inspector Hewitt sieht in ihm zunächst den Täter. Flavia ermittelt, durchstöbert Pub-Gästezimmer, liest in der Bibliothek in alten Zeitungen nach und erschließt nach und nach die Zusammenhänge. Einiges mag dabei nicht ganz glaubhaft sein, einiges ist selbst für eine sehr schlaue Elfjährige eigentlich nicht zu erfassen. Man muss sich auf Flavia und ihre Welt, ihren Witz und ihre morbide Giftmischerinnensichtweise einlassen können. Britischer Humor, schräge Charaktere und eine durchaus spannende Story haben mich den Mord im Gurkenbeet genießen lassen. Nächster Band der Reihe darf folgen,

Alan Bradley, Mord im Gurkenbeet. Penhaligon, München 2009.

Monday, August 06, 2018

Lucinda Riley - Die sieben Schwestern

Das Setting für Lucinda Rileys Reihe um Die sieben Schwestern ist ein relativ Unwahrscheinliches: Ein alleinstehender reicher Mann mit einem traumhaften Haus am Genfer See adoptiert nacheinander sechs kleine weibliche Babys und lässt sie von einer Haushälterin aufziehen. Erst bei seinem Tod realisieren die Schwestern, wie wenig sie von seinem Leben (womit hat er sein Geld verdient, was hat er gemacht, wenn er nicht zuhause war?) und von ihrer eigenen Herkunft wissen. Zum Glück hat er ihnen einige Hinweise hinterlassen, mit deren Hilfe sie etwas über sich herausfinden können.
Dieser erste Band der Reihe handelt von der ältesten Schwester Maia, die nach einer vor Langem gescheiterten Beziehung im Haus ihres Vaters lebt und als Übersetzerin tätig ist. Ihre Suche nach sich selbst führt sie nach Rio, wo sie mit Hilfe des Schriftstellers Floriano Quintelas, dessen Buch sie übersetzt hat, herausfindet, wer ihre Familie ist.
Parallel dazu wird über weite Passagen die Geschichte ihrer Urgroßmutter Izabela erzählt. Diese wird mit der Entstehungsgeschichte des Wahrzeichens Rios, der Christusstatue, verwoben. Riley bezieht sich dabei auf die historischen Personen, besonders den Bildhauer Paul Landowski.
Während ihrer Recherchen entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Maia und Floriano - dies, zusammen mit ihrem neuen Wissen über ihre Familiengeschichte, lässt sie neuen Perspektiven für ihr Leben finden.

Der große Erfolg von Lucinda Rileys Romanen ließ mich trotz des romantischen Genres neugierig werden auf die Autorin. Wenngleich ich die Ausgangssituation, wie oben angedeutet, für eine große Krücke halte, auf deren Basis sich die Stories der Reihe leichter aufbauen lassen (Mystik des reichen, geheimnisreichen Vaters), so ist die Geschichte Maias und Izabelas doch gut erzählt. Die historischen Bezüge funktionieren, interessant sind auch die angedeuteten feministischen Gedanken: Izabela denkt über ihre Frauenrolle nach, entkommt den Zwängen in Brasilien zwar nicht, bemerkt aber den Kontrast zur veränderten Situation der Frauen in Europa/Paris. Das wäre als Thema natürlich ausbaufähig, ist aber ein positiver Aspekt der Geschichte. Dagegen ist Maia nur in sich selbst gefangen, weswegen sie als Charakter auch deutlich hinter Izabela zurückbleibt. Zwar hat sie auch Schwieriges erlebt, aber im Vergleich zu ihrer Urgroßmutter stehen ihr alle Türen in ein selbstbestimmtes Leben in finanzieller Unabhängigkeit offen. Die Liebesgeschichte Maias hat mich ebenfalls weniger berührt als die von Izabela, aber es ist der Autorin zugute zu halten, dass sie hier nicht zu dick aufträgt und nicht schwülstig erzählt.
Insgesamt hat mich der Roman positiv überrascht, es war eine interessante Geschichte, die zwar phasenweise vorhersehbar war (schließlich ist es ein Liebesroman), aber den Spannungsbogen dennoch halten konnte. Der Cliffhanger am Ende wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen, aber so ist das wohl üblich bei derartigen Serien.

Lucinda Riley, Die sieben Schwestern. Hörverlag 2015.

Zur Rezension des zweiten Bands: Die Sturmschwester

Friday, August 03, 2018

Jean-Luc Bannalec - Bretonische Geheimnisse

Nach Bretonische Flut und Bretonisches Leuchten ermittelt Dupin in Bretonische Geheimnisse in seinem nunmehr siebten Fall. Eigentlich soll er nur eine kurze Befragung eines Wissenschaftler für seinen Kollegen aus Paris durchführen, während er mit seinem Team für einen Betriebsausflug in der Gegend des sagenumwobenen Waldes von Brocéliande ist. Doch leider findet er den Wissenschaftler ermordet in seiner Küche liegend - und wird kurzerhand zum Sonderermittler ernannt. Dabei will er doch eigentlich nur mit Claire in ihrer neuen gemeinsamen Wohnung Kisten auspacken und das Leben genießen! Da hilft nur, den Fall so schnell wie möglich zu lösen.
Das ist gar nicht so einfach, denn die Ereignisse überschlagen sich: In der Gruppe von Artus-Forschern, denen der Tote angehörte, sagt niemand die Wahrheit, alle verbergen etwas und gleichzeitig gibt es weitere Tote... Ohne die Unterstützung durch Nolwenn, Kadeg und Riwal geht da nichts, gemeinsam kommen sie aber dem Täter auf die Spur.

Bretonische Geheimnisse wartet mit all den guten Komponenten der Reihe auf: Ein schnelles Tempo, eine fundierte Ermittlung, die vertrauten Charaktere mit ihren Eigenarten, die sich wunderbar ergänzen, schöne Landschaftsbeschreibungen und eine gute Portion bretonischer Mythen und Geschichten. Das macht diesen Band zu einem bretonischen Lesevergnügen, wie die Fans der Reihe es sich wünschen.

Jean-Luc Bannalec, Bretonische Geheimnisse. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2018.

Monday, July 30, 2018

Helme Heine und Gisela von Radowitz - Freunde. Die Schatzsuche

Freunde. Die Schatzsuche von Helme Heine und Gisela von Radowitz ist eine kleine, niedliche Geschichte mit Johnny Mauser, Franz von Hahn und dem dicken Waldemar. Sie finden eine Flaschenpost mit einem rätselhaften Hinweis auf einen Schatz. Gleichzeitig schleicht sich ein fieses Wildschwein in Mullewapp ein und das friedliche Leben dort ist bedroht, während die drei Freunde Abenteuer bestehen, um den Schatz zu finden. Der ist dann ganz anders als gedacht, aber da die drei eisenhart zusammenhalten, können sie ihn trotzdem sicher nach Hause bringen und Mullewapp retten. 

Die Bilder von Helme Heine sind seit Jahren bekannt aus Bilderbüchern und von Postkarten. Als e-book-Edition würde ich seine Bücher nicht unbedingt empfehlen, hier fehlt dem ganzen auf dem Kindle doch die Farbe.

Helme Heine und Gisela von Radowitz, Freunde. Die Schatzsuche. Gulliver, Weinheim/Basel 2015.

Sunday, July 29, 2018

Sabine Herre - Gebrauchsanweisung für das Baltikum

Prinzipiell enthält auch diese Gebrauchsanweisung von Sabine Herre die typischen Elemente der Reihe:  Historisches, Kulturelles, Wirtschaftliches usw. in kleinen Kapiteln in Essayform. Doch hier muss die Autorin immer den Spagat machen, aus drei Perspektiven, über drei Länder zu schreiben, also ständig zu verallgemeinern und gleichzeitig zu binnendifferenzieren. Das liest sich nicht immer gut, man muss aufmerksam bleiben, um mitzubekommen, über was/wen sie gerade schreibt, oder ob sie schon zum nächsten Land gesprungen ist. Natürlich haben die Länder Gemeinsamkeiten, aber gerade die politisch-historischen Kapitel lassen an klarer Linie vermissen. Auch bei manchen der kulturellen Kapitel ist die Aussage nicht immer deutlich, weil sie viel Stückwerk enthalten.

Insgesamt sind viele Informationen enthalten, einige der Kapitel auch sehr interessant, andere aber eben nicht so sehr. 


Sabine Herre, Gebrauchsanweisung für das Baltikum. Piper, München/Berlin/Zürich 2016.

Friday, July 27, 2018

Marisha Pessl - Die amerikanische Nacht

Marisha Pessl erzählt in Die amerikanische Nacht eine düstere Geschichte, in der Grenzen zwischen Realität und Traum verwischen.
Der Journalist Scott McGrath interessiert sich schon länger für den Kult-Regisseur Stanislaw Cordova, dessen Filme so schrecklich sind, dass sie irgendwann nicht mehr veröffentlicht wurden, sondern nur noch im Darknet Verbreitung finden. Cordova hat viele Anhänger und viele davon tun alles, um seine Geheimnisse zu schützen, die Teil des Mythos sind. Als Cordovas Tochter Ashley tot in einem verlassenen Haus gefunden wird, beginnt Scott zu recherchieren. Er bekommt dabei Unterstützung von zwei schrägen Charakteren, Nora und Hopper, die beide ihre eigenen Perspektiven und Interessen an Ashleys Tod und Cordova haben.

Eine Art Schnitzeljagd beginnt, doch alle neuen Erkenntnisse werfen auch neue Fragen und Sichtweisen auf. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Schein und Sein, filmischem Albtraum und realem Schrecken. Jemand versucht mit aller Macht, Scott zu steuern... Wer ist es? Welche Motive liegen alledem zugrunde? Es ist ein geschicktes Verwirrspiel, ein Labyrinth, durch das die Autorin sowohl Scott als auch den Leser schickt - Ausgang offen?

Mit eingestreuten Notizen, Protokollen und Zeitungsausschnitten wird die Story angereichert, bekommt dadurch immer wieder einen Bezug zur Realität, an anderen Stellen rutscht man ab ins Fantasisch-Gruselige. Die amerikanische Nacht ist anders, erzählt anders, sofern man sich darauf einlassen kann, macht dieser Roman Spaß und hinterlässt vielleicht ein wohliges Schauern...

Marisha Pessl, Die amerikanische Nacht. RandomHouseAudio 2013.

Sunday, July 22, 2018

Agatha Christie - 16:50 ab Paddington


Im Original erschien 16:50 ab Paddington 1957, es ist einer der Klassiker von Agatha Christie. In der Reihe der Miss Marple Krimis ist es Band 8.

Mrs McGillicuddy ist auf dem Weg, um Miss Marple zu besuchen, als auf dem Nebengleis ein Zug eine Weile parallel zu ihrem fährt und sie einen schrecklichen Mord beobachten muss. Weil sie eine ältere Dame ist, glaubt ihr zunächst niemand so recht - Miss Marple natürlich schon. Diese geht logisch an die Sache heran und der Frage nach, wo die Leiche geblieben sein könnte, da sie im Zug nicht gefunden wurde. Sie setzt ihre Verbindungen und ihren Charme ein, um die Sache zu ergründen...

Herrlich britisch, brilliant ermittelt und geschlussfolgert, großartige (zum Teil spleenige) Charaktere - dies ist einer der wahren Christie-Klassiker, die einfach Freude machen.

Agatha Christie, 16:50 ab Paddington. Ein Fall für Miss Marple. Hoffmann und Campe, Hamburg 2014.

Thursday, July 19, 2018

Val McDermid - Echo einer Winternacht

Im schottischen St. Andrews finden vier Studenten in einer Winternacht 1978 die Leiche einer jungen Kellnerin. Obwohl sie sie nur flüchtig kannten, geraten sie unter Verdacht, der weder entkräftet noch bestätigt werden kann. Es ist ein Makel, der an ihnen hängenbleibt.
Schnitt.
25 Jahre später werden die vier, inzwischen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen, bedroht. Nach zwei mysteriösen Todesfällen wird klar, dass sich jemand rächen will, der sie für die Täter von damals hält. Die Polizei unternimmt zu wenig, um sie zu schützen, obwohl der alte Fall neu aufgerollt werden soll. Doch sind die Beweismittel von damals, die mit heutigen Untersuchungsmethoden neue Erkenntnisse liefern könnten, verschwunden. So bleibt als einzige Lösung, selbst den Täter zu überführen, um sich zu entlasten...

Val McDermid schafft einmal mehr überzeugende und kontrastreiche Charaktere in einem interessanten Setting. Sie schreibt auf den Punkt, treffend und mit soliden, logischen Schlussfolgerungen bis zur Lösung des Falls.

Val McDermid, Echo einer Winternacht. AudioMedia 2013.

Tuesday, July 17, 2018

Katarina Bivald - Ein Buchladen zum Verlieben

Katarina Bivald ist eine schwedische Autorin, die lange in einem Buchladen gearbeitet hat. Sie schreibt über eine schwedische Frau, die lange in einem Buchladen gearbeitet hat.
Sara, so der Name der Protagonistin des Romans, hat über längere Zeit eine Brieffreundschaft inklusive Buchtausch mit einer US-Amerikanerin namens Amy. Als Saras Buchhandlung schließen muss, lädt Amy sie ein, sie in ihrem Heimatkaff Broken Wheel in Iowa zu besuchen. Doch als sie ankommt, ist Amy leider gerade verstorben! Sara nimmt - halbwegs paralysiert - mit den Dorfbewohnern an der Trauerfeier in Amys Haus teil, diese bringen sie dazu, in Amys Haus zu wohnen - wo soll sie auch sonst hin? Sogleich werden Pläne geschmiedet, sie soll verkuppelt werden mit Tom, was beide lächerlich finden. Sara fühlt sich nutzlos und um dem Abhilfe zu schaffen, macht sie mit den von Amy hinterlassenen Büchern einen Buchladen auf. Natürlich glaubt niemand daran, der Laden könne Erfolg haben, aber die Dinge entwickeln sich dynamisch...
Saras Anwesenheit verschiebt das starre Gefüge der Dorfgemeinschaft, das festgefahrene Leben kommt in Bewegung durch ihre pure Anwesenheit. Angesichts ihrer Passivität und Farblosigkeit wirkt dies aufgesetzt - ihr Charakter passt nicht zum Effekt, den sie auf die Menschen um sie herum und auf Broken Wheel hat.
Das Ende will noch mit einem Knalleffekt aufwarten, der fehlzündet, weil das Happy End nun eben doch vorhersehbar ist bei einem Buch dieses Genres. Insgesamt ist Ein Buchladen zum Verlieben zwar milde unterhaltsam und bietet nette Passagen über das Lesen und die Liebe zu Büchern, bleibt aber doch ohne Tiefe.

Katarina Bivald, Ein Buchladen zum Verlieben. btb, München 2014.

Sunday, July 15, 2018

Kristina Ohlsson - Glaskinder

Die 12jährige Billie und ihre Mutter ziehen nach dem Tod des Vaters in ein seltsames Haus in einer schwedischen Kleinstadt. Es ist vollgestellt mit alten Möbeln und Dingen der Vorbesitzer - eine Tatsache, die Billie gar nicht gefällt. Schon bald stellt sie fest, dass auch andere Dinge ganz und gar nicht in Ordnung sind. Dinge tauchen plötzlich auf oder werden an andere Orte verrückt, eine Lampe schwingt ohne erkennbaren Grund, nachts sind Klopfgeräusche zu hören - es scheint zu spuken! Doch Billies Mutter will von alledem nichts wissen. Zum Glück findet Billie in Aladdin einen Freund, der sie darin unterstützt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Mit hartnäckiger Recherche trennen sie Fakten von Hörensagen und finden schließlich heraus, was der Grund für all diese Vorkommnisse ist...
Kristina Ohlssons Roman Glaskinder richtet sich laut Verlagsangabe an Kinder ab zehn Jahren, was auch passend erscheint. Sprachlich ist die Geschichte eher schlicht erzählt, jedoch gibt es durchaus gruselige Szenen und einige bedrückende Ereignisse in der Vergangenheit. Der Spannungsbogen bis zur Auflösung funktioniert und da es der erste Band einer bisher dreibändigen Reihe ist, gibt es einen Cliffhanger und Aussicht auf ein Wiedersehen mit den jugendlichen "Ermittlern".

Kristina Ohlsson, Glaskinder. Der Hörverlag 2014.